Gottlieb-Duttweiler-Institut

70. Internationale Handelstagung: Sechs Take-Aways

Das Gottlieb-Duttweiler-Institut in Rüschlikon/Zürich. (Foto: GDI)
Das Gottlieb-Duttweiler-Institut in Rüschlikon/Zürich. (Foto: GDI)

Was bedeutet Corona für den Handel? Wie sieht die Zukunft der Städte aus? Was erwarten die Kunden der Zukunft? Sechs Statements von der 70. Ausgabe der GDI-Handelstagung.

David Bosshart, GDI Gottlieb Duttweiler Institute

„Small is beautiful, speed is king, and hyperlocal is hero“

Wir leben in einer Welt, in der das Schicksal wieder eine größere Rolle spielt. Wir können noch nicht sagen, was die Folgen von Covid-19 sind, aber die alte Realität wird nicht wiederkommen. Sie war grottenverkehrt. Experten dominieren den Meinungsmarkt immer mehr, wir sind von ihnen abhängig, aber sie können nicht vernetzen. Wir sind Stimmungsmenschen geworden, wir leben immer mehr von der gefühlten Realität. Die Pandemie ist ein „Schwarzer Elefant“: Wir sehen ihn, nehmen ihn aber nicht wahr. Eigentlich wussten wir, was passieren wird. Wir müssen erkennen: Wir sind nicht die, die bestimmen. Es braucht Klarheit in der Führung. Gesundheit wird in jeder Handelskategorie eine Rolle spielen. Die Menschen haben jetzt mehr Defizit-Bedürfnisse (Sicherheit, Einkommen, Versorgung), als Wachstums-Bedürfnisse. Die Konsumenten werden vorsichtiger. Wir müssen die Kunden emotional aufpäppeln. Es wird mehr Konsolidierung geben: im Retail, der Tech-Branche, Social Media, Luxus. Welche Flächen brauchen wir noch im Handel? Small is beautiful, speed is king, and hyperlocal is hero. Gute Firmen sind solche, die Vertrauen generieren. Gute Oberbürgermeister sind heute fast wichtiger, als Präsidenten oder Bundeskanzler. Die Deglobalisierung wird uns in den nächsten Jahren begleiten. Städte mit einer guten Lebensqualität werden relativ klein, sicher, reich, kühl (nördlich) und alt (Durchschnittsalter 35) sein.

David Sandström, Klarna

„Ihre Konkurrenz ist wahrscheinlich nicht die, an die Sie denken“

Klarna ist in einer der am meisten misstrauten Branchen tätig. Die Finanzindustrie ist meist blau, männlich, langweilig und hochgradig administriert. Die Ansprüche der Verbraucher haben sich geändert. Keiner von Klarnas Konkurrenten hat sich angepasst. Die Verbraucher wollen Erlebnis, Hyperpersonalisierung, sofortige Belohnungen, Gamifizierung. Der Trend zu Super-Apps kommt langsam nach Europa. Junge Leute vertrauen den Medien und der Werbung nicht mehr, aber sie vertrauen ihren Freunden. Marken, die nicht verstehen, wie man sich in Communities engagiert, haben keine große Zukunft. Ihre Konkurrenz ist wahrscheinlich nicht die, die Sie denken. Für Klarna ist es Netflix.

Kristian Villadsen, Gehl Architects

„Wir brauchen Städte, in denen es leicht ist, Gutes zu tun“

Der Einzelhandel ist nur eine von vielen Komponenten einer Stadt. Wir alle wollen das Gleiche: lebenswerte, nachhaltige Städte. Wenn Sie in Monofunktionen denken, d.h. Einzelhandel, Verkehr, Grünflächen, dann werden Sie die Dinge nie ändern. Die Menschen richten ihr Verhalten danach aus, was die physische Umwelt ihnen bietet. Sie sind super faul. Wir brauchen Städte, in denen es leicht ist, Gutes zu tun. Städte sind jetzt die treibende Kraft, um die Welt zu verändern. Es ist der alltägliche Bezugspunkt, der die Qualität der Städte bestimmt, nicht die Hochhäuser. Die Gestaltung des Erdgeschosses ist für den Erfolg Ihres Einzelhandelsgeschäfts von größter Bedeutung. Wir können es uns nicht leisten, Städte zu haben, die aufgrund von Bauarbeiten ständig außer Betrieb sind. Es geht darum, in den Städten Einladungen zum Bleiben zu schaffen. Wir müssen anfangen, über Straßen als öffentliche Räume nachzudenken. Der öffentliche Raum muss Lebensqualität bieten, nicht nur die Möglichkeit zum Spazieren und Konsumieren.

Guy Bloch, Bringg

„Wir sind nicht mehr Markenkunden. Wir sind jetzt Marktplatzkunden“

Covid, Marktplätze und Omnichannel haben das Verbraucherverhalten verändert und den digitalen Konsumenten geschaffen. Wir sind nicht mehr Marken-Kunden. Wir sind jetzt Marktplatz-Kunden. Die Spielregeln haben sich geändert, die Bequemlichkeit ist der wichtigste Grund, warum sich Käufer für den Online-Handel entscheiden, und die Kosten stehen bei der Auswahl der Lieferoptionen an erster Stelle. Die Abwicklung beeinflusst die Kundenentscheidungen. Marktplätze wie Amazon beeinflussen Marken und Unternehmen. Marken müssen skalieren und optimieren, mehr Liefer- und Abwicklungsoptionen anbieten, mehr Sichtbarkeit und Kommunikation in Echtzeit ausführen und optimierte Servicemodelle anbieten. Das erfolgreiche Marktplatz-Modell läuft auf Technologie und Logistik hinaus.

André Maeder, KaDeWe Group

„Wir verkaufen nichts, was Sie brauchen, aber wir haben Träume“

Es gibt keine Marke, die die KaDeWe Group gern hätten, die sie nicht hat. Mit den 30 Top-Marken generiert die KaDeWe Group 40 Prozent des Umsatzes. Während der Pandemie hilft es, dass die Gruppe zwar 20 Prozent des Umsatzes mit Touristen von außerhalb Europas generiert, aber 65 Prozent des Umsatzes mit heimischen Kunden in Deutschland. Service ist das «Pièce de résistance». Harrods in London hat 200 Private-Shopper. Die waren Livelines nach außen während des Lockdowns. 2.000 Marken werden in den Häusern angeboten, ohne Food. Wichtig, dass der Department-Shop nicht zur Shopping-Mall wird. Warum soll man in Zukunft noch in einen Laden gehen? – Wegen der Exklusivität. Die definiert sich auch über die Verfügbarkeit von Waren, nicht nur über den Preis. Die Kaufhäuser der KaDeWe Group verkaufen nichts, was Sie brauchen, aber sie haben Träume.

Dana Thomas, Journalistin

„Wir kaufen zu viel, wir konsumieren zu viel und wir schmeißen zu viel weg“

Die Modeindustrie hat einen Umsatz von 2,5 Billionen Dollar pro Jahr. Bis 2030 wird erwartet, dass diese Zahl um 81 Prozent wächst. Aber dieses Wachstumsmodell ist nicht nachhaltig. Das größte Problem ist die Überproduktion. Wir kaufen zu viel ein, wir konsumieren zu viel und wir schmeißen zu viel weg. Reduktion ist der Schlüssel, und einige Marken machen sich dies zu eigen. Wir sollten das Konzept des Erfolgs überdenken: Was ist Erfolg? Der reichste Mensch der Welt zu sein? Am meisten zu verkaufen? Das BIP zu erhöhen? Oder ist Erfolg etwas Substanzielleres? Zum Beispiel das Leben anderer zu verlängern oder die Umwelt nicht zu schädigen. Wir sollten mehr für Kleidung bezahlen, da wir nicht jeden in der Lieferkette bezahlen. Und wir können mehr bezahlen, wir sind nur darauf konditioniert worden, es nicht zu tun. Es ist unerlässlich, die Unternehmen zu ethischem Verhalten aufzurufen.

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Helge Neumann / 21.09.2020 - 15:31 Uhr

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