Interview

Andreas Wortmann: „Nichts wird so bleiben wie es war“

Andreas Wortmann, Ara
Andreas Wortmann, Ara

Die Schuhbranche stehe vor einem extrem schwierigen zweiten Halbjahr, sagt Andreas Wortmann. schuhkurier sprach mit dem CEO der Ara AG über Veränderungen, Dankbarkeit und neue Perspektiven.

Das ifo-Institut meldete kürzlich: „Es geht wieder aufwärts!“ Glauben Sie, die Schuhbranche hat das Schlimmste bereits überwunden?

Welchen Bereich der Branche meinen Sie und über welche Region sprechen wir? Deutschland, Europa, Amerika, Russland, Indien oder dem Rest von Asien? Den Handel, die eigene Produktion oder die Beschaffung bei Dritten? An meiner Gegenfrage erkennen Sie, wie sehr die Schuhbranche seit Jahrzehnten immer globaler geworden ist und die Vertriebs-und Lieferketten enorm komplex ineinander verwoben sind. 
Die Schuhbranche wird daher noch auf Jahre gesehen unter den Auswirkungen von Covid-19 und den wirtschaftlichen Kollateralschäden leiden. Nichts wird so bleiben wie es war und viel Neues entstehen. „Glokalisierung“, ein verändertes Einkaufsverhalten der Endverbraucher, neue Handels- und Beschaffungsstrukturen, sowie meines Erachtens auch viele tot gesagte, tradierte Werte werden in der Branche eine neue Bedeutung bekommen. Bekannte Händler und Marken müssen sich neu erfinden, um zukunftsfähig zu werden. Innovationskraft und der Mut, viele Dinge rigoros anders zu machen als gestern, werden wesentliche Erfolgsfaktoren für die Zukunft sein. Neue Marktteilnehmer und Geschäftsideen werden aus dem Nichts auftauchen und extrem erfolgreich sein. Gute Schuhe, starke Marken und tolles Personal, das den neuen Kunden besser verstehen lernen muss, sind wichtiger denn je! 
Der Strukturwandel in unserer Branche war bereits vor der Corona-Krise seit Jahren offensichtlich und wurde am Ende nur noch extrem beschleunigt. Und dann geht es vielleicht auch mal wieder aufwärts. Vorher werden wir jedoch für lange Zeit durch extrinsische Einflussfaktoren extrem volatile Zeiten erleben, die es jeden Tag neu zu meistern gilt. Hohe Risiken und noch größere Chancen werden uns alle in der Branche täglich fordern – nach dem Motto: „Den Wind können wir nicht ändern, die Segel jedoch anders setzen.“

Was war für Sie das prägendste Ereignis im ersten Halbjahr 2020?

Das enorme Engagement, die Loyalität und die Unterstützung unserer Mitarbeiter während der Krise, die trotz vieler Einschnitte überall bei uns im Unternehmen gemeinsam an einer erfolgreichen Zukunft arbeiten. Ihnen gilt hierfür mein ganz besonderer Dank.

Und was erwarten Sie vom zweiten Halbjahr?

In diesem Jahr wird der Handel extrem schwierige Zeiten in der zweiten Jahreshälfte vor sich haben und im nächsten Jahr wird es dann mit voller Wucht die Schuhproduzenten, die Importeure und alle, die ihr Geld mit dem Verkauf von Produkten an den Schuhhandel verdienen, treffen. Wünschen tue ich mir jedoch eine schrittweise, immer verantwortungsvolle Rückkehr zu dem Leben, das früher für uns normal war. Einkaufen muss wieder Spaß machen, ohne existentielle Sorgen und Risiken für die Gesundheit. Erst dann wird es wieder richtig aufwärts gehen. Im Herbst 2020? Eher nicht! Im Herbst 2022? Vielleicht!

Ist 2020 ein verlorenes Jahr?

Jeder Tag im Leben ist ein Geschenk und bietet die Chance, Dinge besser zu machen als gestern. 2020 ein verlorenes Jahr zu nennen, ist daher viel zu schicksalsergeben und trifft nicht den Kern für mich. Viele Veränderungen, die auch schon vor der Krise nötig waren, sind noch offensichtlicher geworden. Auch in Zeiten von wirtschaftlichen Verlusten kann man etwas finden: eine neue Perspektive für die Zukunft.

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Helge Neumann / 09.07.2020 - 09:58 Uhr

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