„Schuhe sind mein Leben“

Die Branche nimmt Abschied von Harald Neisser

Harald Neisser
Harald Neisser

Schuhliebhaber, Branchenkenner, Genießer, Freund: Nach schwerer Krankheit ist Harald Neisser am 20. September verstorben. Wegbegleiter aus der Schuhbranche sagen „Adieu“. 

Wie kaum ein anderer hat Harald Neisser die Schuhbranche über Jahrzehnte begleitet und geprägt. Er begann seine Laufbahn in der Schuhbranche in den Siebziger Jahren als Filialleiter und später Einkaufsleiter beim Darmstädter Schuhfilialisten Dielmann. Dort war er 13 Jahre lang tätig. Ralph Hanus, langjähriger SABU-Geschäftsführer, erinnert sich im Gespräch mit schuhkurier: „Ich habe meine berufliche Karriere mit Harald Neisser begonnen. Als ich 1984 zu Dielmann kam, war er schon einige Jahre dort. Ich habe so viel von ihm gelernt. Er war wirklich schuhverliebt. Diese Leidenschaft fürs Produkt hat mich immer sehr beeindruckt. Wenn er als Einkäufer bei Dielmann von seinen Italien-Reisen zurückkam, hat er uns von den Schuhen vorgeschwärmt, die er geordert hat. Und er hat sich so gefreut, wenn die Schuhe dann ankamen!“ Man habe, so Hanus, während der Dielmann-Zeit mehrfach in der Woche zusammen zu Mittag gegessen, „oft waren Vertreter aus der Branche und aus der Darmstädter Handelslandschaft dabei. Das waren immer schöne Gespräche. Und auch sonst haben wir oft gemeinsam viel gelacht.“

Ende 1991 verließ Neisser den hessischen Schuhfilialisten. Es folgten sieben Jahre als Mitglied der Geschäftsleitung beim Schuh-Importeur Kalliwoda.
Von 1998 bis 2007 war Neisser Warenvorstand der Nord-West-Ring Schuh-Einkaufsgenossenschaft eG bzw. der heutigen ANWR Group eG. „Mit Harald Neisser verlieren die ANWR und die Schuhbranche einen begeisterten Schuhfachmann und Netzwerker, der über den reinen Schuh als Ware hinaus gedacht hat“, würdigt Fritz Terbuyken, Mitglied des Vorstands der ANWR Group, die Verdienste von Harald Neisser. Dessen Zeit bei der ANWR war geprägt von der Fusion der Nord-West-Ring und der Ariston Schuh-Einkaufsvereinigung eG sowie dem Aufbau der ANWR Schuh GmbH. Neben dem Ausbau der Warenprogramme mit wichtigen Industriepartnern fielen in seine Zeit der Ausbau der Quick Schuh und des Großhandels der ANWR Schuh.
Der Stadtlohner Schuhhändler Hans-Jürgen Robers, über viele Jahre im Aufsichtsrat der ANWR aktiv, blickt zurück: „Ich rechne Harald Neisser besonders hoch an, dass, obwohl sich unsere gemeinsamen ANWR-Wege getrennt haben, nie Hader und Ressentiments aufkamen. Im Gegenteil, wir haben den persönlichen Kontakt nie verloren und so einige bemerkenswerte, aber auch amüsante Gespräche am Rande der Orderrunde geführt. Er war ein extrem engagierter und trotzdem warmherziger und liebevoller Mensch und Wegbegleiter.“


Stationen in Handel und Industrie
 

Nach der ANWR folgte für Neisser ein Engagement bei der Rieker AG, wo er als Head of Brand den Neustart der Marke Più di Servas verantwortete.
Als Geschäftsführer beim Schuhfilialisten Leiser verantwortete er im Anschluss daran von 2011 bis 2012 Einkauf, Vertrieb und Marketing. Steffen Liebich, der das Unternehmen seinerzeit sanierte, erinnert sich: „Harald Neisser hat Leiser zwei Jahre lang als Einkaufsverantwortlicher durch eine harte Zeit begleitet. Trotz der schwierigen Phase für das Unternehmen hatte er den Mut, zu uns zu kommen. Das hätte nicht jeder gemacht. Dass er zu uns gestanden und mit uns gekämpft hat, verdient Hochachtung.“

2010 gründete der Schuhexperte sein eigenes Unternehmen mit Fokus auf Produktentwicklung, Beratung für Schuh-industrie und -handel sowie Agenturtätigkeit. Von 2015 bis 2017 war Neisser zudem Geschäftsführer beim Schwalmstädter Schuhanbieter Erich Rohde GmbH.

Mit vielen Menschen in der Branche stand der Schuhexperte über Jahre und Jahrzehnte in Kontakt. Ralph Hanus erinnert sich: „Harald und ich haben zusammen am 30. November 1991 bei Dielmann aufgehört. Wir sind uns in den folgenden Jahrzehnten immer wieder begegnet und haben uns nie aus den Augen verloren. Wir haben eine Zeit lang beide Führungspositionen bei Verbundgruppen inne gehabt. Und nach seinem Ausscheiden bei der ANWR ist er oft auf den
SABU-Messen gewesen.“
Friedrich Lüning, heute verantwortlich für die Marke Apple of Eden, schildert seine Begegnungen mit Neisser so: „Es war Anfang der Achtziger Jahre, als ich die Gelegenheit hatte mit Harald Neisser als meinem Gast gemeinsam die neue Ecco-Zentrale in Bredebro zu besuchen. Harald war seinerzeit verantwortlicher Einkaufleiter bei Dielmann, während ich als neuer Geschäftsführer in Deutschland für Ecco die Marke aufbauen durfte. Harald Neisser erkannte früh das Potenzial von Ecco und  gehörte mit Dielmann zu meinen ersten großen Kunden. In den folgenden Jahren haben sich unsere Wege immer wieder gekreuzt. Egal in welcher führenden Position bei der ANWR oder Leiser und später als selbstständiger Unternehmer – Harald Neisser hat sich immer als ein kompetenter und visionärer Gesprächspartner gezeigt.“

Für den langjährigen Handelsvertreter Thomas Stein war Harald Neisser mehr als ein Geschäftspartner – er war ein Freund: „Ich erinnere mich noch genau: Ich war gerade mal 18 Jahre alt, als ich Harald auf einer privaten Feier kennenlernte. Zwei Jahre später orientierte ich mich beruflich in Richtung Schuhbranche und seitdem haben sich unsere Wege in den unterschiedlichsten Positionen immer wieder gekreuzt. Harald war immer ein fairer Partner. Mit seinen profunden Kenntnissen war er in der gesamten Branche ein geschätzter Rat-
geber. Für mich war er aber weit mehr als das. In den zurückliegenden 40 Jahren entstand eine persönliche Verbundenheit. Harald wurde zu einem Freund, auf den ich immer zählen konnte. Ich werde ihn nie vergessen.“

Freundschaft verband Neisser auch mit Heiner Terbuyken. Beide hatten ihre berufliche Laufbahn bei Dielmann begonnen, „doch für mich war das Berufliche, was uns verband, nicht das Wichtigste“, schildert Terbuyken. „Einzigartig und wichtig waren für mich seine Lebenseinstellung und sein Humor. Wir haben viel zusammen gelacht, sehr viel. Oft waren es seine besonderen kleinen Scherze und Wortspiele, die mich und andere begeisterten. Häufig sind wir seiner zweiten Leidenschaft, dem guten Essen nachgekommen, wobei das gute Glas Wein und das gepflegte Bier nie vergessen wurde“, blickt Terbuyken zurück.


Schuhexperte „durch und durch“
 

Die ausgesprochene Schuhexpertise Neissers genoss in Handel und Industrie gleichermaßen höchste Anerkennung: „Harald Neisser hatte ein unermessliches Wissen über Schuhe, kannte viele Lieferanten, vor allem auch in Italien, und war mit den Unternehmerfamilien in gutem Kontakt. Diese Verbindungen hat er Zeit seines Lebens gepflegt. Oft haben ihn auch Lieferanten gefragt, wie er Modetrends und Materialien einschätzt. Er war für viele ein guter und kompetenter Ratgeber. Müsste ich jemanden aus der Branche benennen, der so intensiv und von ganzem Herzen Schuhe gelebt hat wie Harald Neisser – mir fiele keiner ein“, erklärt Ralph Hanus. „Der gute Harald Neisser war ein echter Schuhfreak, von der Pike auf gelernt und durchdrungen von der uralten Leidenschaft aller Schuster: wertige Leder, stylische Optik, originelles Design, perfekte Passform“, schildert Schuhhändler Helmut Raaf aus Nagold den Schuhliebhaber.

Auch der Stadtlohner Schuhhändler Hans-Jürgen Robers hat besonders die Schuhexpertise Neissers schätzen gelernt: „Harald Neisser war im positiven Sinne ein Schuhverrückter, immer auf der Suche nach den perfekten Schuhen für die jeweilige Saison, und dies immer bis ins letzte Detail und den letzten Millimeter. Keiner kannte die Schuhbranche besser als er! Aufgrund seiner totalen Vernetzung machte er kurzfristig Wünsche oder Modell-Updates möglich, wo andere längst aufgegeben hätten.“

Brigitte Wischnewski, Schuhhändlerin aus Lübbecke, arbeitete mit Harald Neisser während dessen ANWR-Zeit zusammen in der Damenschuh-Kommission. „Eine wahrhaft inspirierende Persönlichkeit! Sein Gespür für Mode, die Kontakte zu Schuhproduzenten nahezu weltweit sowie die Marktkenntnisse, neue Konzepte und Formate im Modehandel auszumachen, waren für uns Kommissionsmitglieder ein Pool an prägenden Eindrücken. Er liebte das handwerkliche Produkt, nein, ich sage besser, das Kunstwerk ’Schuh‘.“

Am 20. September starb Harald Neisser in Gießen. Er wurde 68 Jahre alt.
Die Trauerfeier wird am 16. Oktober um 11 Uhr in Darmstadt stattfinden. 

 

Nachruf von Heiner Terbuyken
 

Lieber Harald, im ersten Moment habe ich mich sehr erschrocken, dann wurde ich traurig und das wird wohl noch lange so sein... So sind meine Gefühle seit dem Anruf Deiner Frau Petra an Deinem Todestag. 53 Jahre enge Freundschaft endeten mit diesem Tag. 
Unsere Freundschaft begann 1967 in der Kaderschmiede Dielmann. Wir beide, ledig und voller Tatendrang, waren zunächst Filialleiter, dann Einkäufer und später Geschäftsführer in Darmstadt. Damals wollten wir beide die Welt verändern, zumindest in der Schuhwelt ist uns das dann auch ein wenig gelungen.
Unsere Freundschaft, die sicherlich zu den längsten und noch wichtiger, intensivsten unserer Branche zählt, hat vieles erlebt. In unserem Beruf waren wir mehrfach Arbeitskollegen, Mitbewerber und Konkurrenten, Kunde und Lieferant und Lieferant und Kunde, gegenseitiger Berater und Kritiker. Aber immer ein Freund bei Erfolg und auch in schwierigen Zeiten, privat wie beruflich. Wir waren ganz nah beieinander. Egal ob wir im gleichen Ort wohnten oder oft sogar das gleiche Hotelzimmer hatten oder über Länder hinweg getrennt waren. Wir waren immer Freunde. 

Wir haben viele Freunde und Freundinnen innerhalb und außerhalb des Jobs kommen und gehen sehen, leider auch einige beim letzten Weg begleitet. Ich bin sehr stolz darauf, in der gesamten Zeit für alle immer „Dein Freund Heiner“ gewesen zu sein.

Doch für mich war das Berufliche, was uns verband, nicht das Wichtigste. Einzigartig und wichtig waren für mich Deine Lebenseinstellung und Dein Humor. Wir haben viel zusammen gelacht, sehr viel. Oft waren es deine besonderen kleinen Scherze und Wortspiele, die mich und andere begeisterten. Häufig sind wir Deiner zweiten Leidenschaft, dem guten Essen nachgekommen, wobei das gute Glas Wein und das gepflegte Bier nie vergessen wurde! 

Lieber Harald, Du bleibst mit Deinen vielen Facetten, Deinem Charme, Deiner Feinfühligkeit und Deinem eigenen Humor in unserer liebevollen Erinnerung. Einer 53 Jahre dauernden Freundschaft hast Du ungewollt jäh und viel zu früh ein Ende gesetzt. Die Erinnerung an das, was wir beide erlebt haben, werde ich, solange ich kann, pflegen. Unsere gemeinsame Zeit mit Deinen hörenswerten Erzählungen wird in mir immer weiterleben.
Ruhe in Frieden und sorge bitte dafür, dass da oben alle Engel Schuhe tragen und durch Deinen Humor der Himmel fröhlicher wird. 53 Jahre enge Freundschaft enden nie. 
Danke für alles,
Dein Heinrich

 

Nachruf von Brigitte Wischnewski 
 

In diesen Tagen müssen wir Abschied nehmen von einem der ganz großen Player und Gestalter in der Schuhwirtschaft- von Harald Neisser. Ich sage bewusst „Schuhwirtschaft“, denn seine Karriere begann im Schuheinzelhandel, bei der Firma Dielmann, Darmstadt, führte ihn danach in die Schuhindustrie, wo ich ihm das erste Mal bei der Firma Kalliwoda begegnete, und dann in den Vorstand der ANWR, später wieder in die Industrie.
Bei der ANWR, Anfang der 2000-er Jahre, trafen wir wieder zusammen, ich als Mitglied der Damenschuh-Kommission, Harald Neisser als Warenvorstand. Eine wahrhaft inspirierende Persönlichkeit! Sein Gespür für Mode, die Kontakte zu Schuhproduzenten nahezu weltweit, wie die Marktkenntnisse , neue Konzepte und Formate im Modehandel auszumachen, waren für uns Kommissionsmitglieder ein Pool an prägenden Eindrücken.
Er liebte das handwerkliche Produkt, nein, ich sage besser, das Kunstwerk „Schuh“.

Aber Schuhe waren auch nicht alles, es gab auch eine höchst menschliche und empathische Seite von Harald Neisser. Er liebte gutes Essen und kannte eine Menge toller Restaurants, wahrscheinlich auch weltweit. Das machte seine Persönlichkeit aus, nach harter Arbeit tagsüber gab es eben auch Überraschendes und Köstliches zu essen und zu trinken am Abend.

Ein persönliches Erlebnis ist mir ganz besonders in Erinnerung. Bei einem Besuch der Pariser Messe wurde mir meine Handtasche gestohlen. Ich hatte praktisch nichts mehr außer meinem Messeausweis und dem Flugticket Paris-Hannover. Mein Auto stand in Hannover, meine Tochter hatte den zweiten Schlüssel am Flughafen hinterlegt, Ich glaubte folglich, ohne Geld bis nach Hause zu gelangen. Herr Neisser bestand jedoch darauf, das ich sicherheitshalber einen Geldschein mit auf die Rückreise nahm.
Weit nach Mitternacht, endlich bei meinem Auto angekommen, war mein Tank leer. Ich war so etwas von dankbar, dass Haralds  Fürsorge die letzte Strecke meines Weges nach Hause ermöglichte, er hatte das „Herz auf dem rechten Fleck“, so möchte ich es heute wohl nennen. Ich verneige mich vor einem „Großen“ unserer Branche, und sage DANKE, Harald.
Brigitte Wischnewski

 

Mit Harald Neisser verlieren wir eine der großen Persönlichkeiten im deutschen Schuhhandel. Seine ruhige, freundliche, vertrauensvolle, kompetente und partnerschaftliche Art der Zusammenarbeit werden wir sehr vermissen.
Stephan Krug

Harald Neisser war für mich ein exzellenter Schuhfachmann, wie man ihn heute nur noch sehr selten findet. Gespür für Mode, Trends, gute Schuhe und Details zeichneten ihn aus. Er war immer ein fairer und angenehmer Geschäftspartner, zeitweise auch Geschäftsführer in meiner Leiser-Zeit, mit dem man aber auch viel Spaß beim guten Wein und Essen haben konnte.
Carl-August Seibel

Die Schuhwelt verliert mit ihm eine herausragende Persönlichkeit, tief verwurzelt in unserer Branche, und somit einen ihrer intimsten Kenner.
Hans-Jürgen Robers

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Petra Steinke / 30.09.2020 - 08:20 Uhr

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