Corona-Pandemie

Dominik Benner: „Große Verunsicherung bei den Händlern“

Dr. Dominik Benner (Foto: Benner Holding)
Dr. Dominik Benner (Foto: Benner Holding)

Mit Dr. Dominik Benner sprach schuhkurier über die aktuelle Corona-Pandemie und die Folgen für den Schuh- und Modehandel. Der Unternehmer äußerte sich auch über politische Ansagen aus Berlin und deren Umsetzbarkeit. 

Herr Dr. Benner, wie ist aktuell die Lage der Händler?

Dr. Dominik Benner: Die Lage ist dramatisch, da alle Läden geschlossen sind, die Lager voll und die Konten leer sind. Die Kosten laufen aber weiter. Viele Händler haben Existenzangst und sind extrem verunsichert, wie es weitergehen soll, da die Saison nicht mehr zu retten ist.

 

Wie sieht es online aus?

Wir haben online ein Wachstum, vor allem bei Modeartikeln. Es werden zwar keine teuren Kleider für 400 Euro gekauft, aber normale Schuhe oder Kleidung bis 100 Euro laufen gut. Mehr Leute sind zu Hause und die Online-Aktivitäten steigen, egal ob junge Kunden oder ältere Kunden über 65 Jahre.

 

Was bringen die Politik und die KfW-Mittel?

Ich finde es bisher sehr dreist, dass sich Politiker wie Peter Altmaier hinstellen und sagen, dass in der Krise „keine Jobs verloren gehen“. Etwas Dümmeres fällt mir nicht mehr ein, die Unternehmer werden angelogen. Nachdem letzte Woche Olaf Scholz verkündet hat, dass man als Regierung 500 Mrd. Euro als Hilfe per sofort gibt, habe ich einfach mal bei der Bank gefragt, ob das stimmt und die KfW wirklich 20 Mrd. Euro den Banken blanko zur Verfügung stellt. Die Antwort der Bank war ganz einfach „Wir haben das im Fernsehen gesehen, aber unsere Bank hat bisher nichts von der KfW hierzu erhalten und es gibt bisher keine Blanko-Garantien für Unternehmen.“

 

Wie sieht es bei Schuhe24 aus?

Wir arbeiten rund um die Uhr, weil hier 120 Händler angerufen haben, dass sie sofort online gehen möchten. Die Händler kommen aus allen Bereichen: Mode, Textil, Leder, Schuhe oder Sport. Dies stellt uns vor eine große Herausforderung, weil man nicht per Knopfdruck alles starten kann, sondern die Warenwirtschaft des Händlers mitziehen muss. Wir haben daher mit den Warenwirtschaftsanbietern ein Sofort-Programm gestartet.

 

Was bedeutet ein Sofort-Programm?

Wir haben letzte Woche sofort gehandelt und alle Geschäftsführer angerufen, die Warenwirtschaftssysteme für Händler leiten. Das Sofort-Programm wird von einem internen Krisen-Team umgesetzt, welches sofort ohne Bürokratie Händler online anbindet. Wir haben alle Vertragsfristen aufgehoben, ebenso alle Anbindungskosten. Wir handeln einfach, Hauptsache schnell und im Sinne der Händler. Ich freue mich, dass viele Partner nun sehr schnell handeln und neue Kooperationen entstehen, die früher nicht denkbar waren.

 

Wie sieht die Händler-Welt in sechs Monaten aus?

Im Moment ist Panik bei allen Händlern, weil die Situation ungewohnt ist. Ich bin jedoch der festen Meinung, dass sich dies wieder normalisieren wird. In sechs Monaten reden wir nicht mehr über Mundschutz und Ausgangssperre, sondern über die Folgen der Wirtschaftskrise. Aber es wird eine Bereinigung bei Händlern geben, das ist klar.

 

Was ändert sich am Konsumentenverhalten?

Hier gibt es einen doppelten Effekt: Die Schließung der Läden bewirkt eine Änderung der Kaufgewohnheiten. Auf einmal kaufen 65jährige online Schuhe, was sie bisher nie gemacht haben. Dies verändert somit alles. Und der zweite Effekt ist die Krise: Wir werden nicht nur 2020, sondern auch 2021 eine Krise der Wirtschaft haben. Für Händler ist dies kritisch, weil die Konsumenten nun weniger ausgeben und Discounter ihre Schuh- und Textilanteile ausbauen in solchen Zeiten. Der Kunde tendiert dann, lieber mal die Kinderschuhe bei Aldi zu kaufen.

 

Welche Strategie sollten Händler haben?

Die letzten Jahre war es immer so, dass man stationär oder online war. Der Anteil von Händlern, die beide Wege (online und offline) machen, war eher gering. Dies ändert sich nun dramatisch. Händler ohne Online-Anteil werden weitgehend aussterben oder gehen zumindest eine sehr riskante Wette ein, da der Kunde einfach kaufen will, egal ob online oder offline. Insofern wird sich bei Händlern viel ändern: Weniger Vororder bei Herstellern, mehr Online-Anteil und auch auf Dauer günstigere Mieten. Eine Spezialisierung des Händlers ist ebenfalls wichtig, um zu überleben. Der Online-Anteil ist deshalb wertvoll, weil er stationäre Rückgänge ausgleichen kann und so zur Kostendeckung beträgt.

 

Wie sieht es mit den Verbundgruppen aus?

Ich denke, viele Verbundgruppen wie ANWR oder Intersport haben bereits gute Wege gebaut, um online für die Händler Lösungen zu bieten. Das eine Verbundgruppe wie GMS seit einem Jahr sagt, dass Onlineverkauf ein Fehler für Händler ist, führt nun einige Händler in die Insolvenz, daher sehe ich dies kritisch. Generell werden aber alle Verbundgruppen massive Rückgänge haben, weil Händler nun weniger werden, ZR-Umsätze zurückgehen. Aber gleichzeitig ist es auch eine Chance, neue Leistungen als Verbundgruppe für Händler aufzubauen.

 

Wie können sich Händler künftig besser digital aufstellen?

Viele reden nur über Online-Verkauf. Aber das ist nur ein Teil der Digitialisierung. Digital heißt auch, den Kunden wieder per WhatsApp oder E-Mail vom Sofa in den Laden zu bekommen. Oder es heißt, dass man Ware digital ordert, Verkäufe auf allen Kanälen betreibt und auf alle sozialen Kanälen den Kunden mit Ideen zum Kauf stimuliert.

 

Was plant ihr von Schuhe24 noch, um Händler zu unterstützen?

Wir planen gerade, dem Händler digitale Instrumente zur Kundenansprache und Kundenbindung an die Hand zu geben. Im April sind wir hier in einer Pilotphase bei 20 Filialen. Zudem werden wir neue Branchen starten. Aktuell ist Liquidität wichtig. Im letzten Jahr hatten wir ein zinsloses Darlehen, wir prüfen gerade, ob wir so etwas im April ebenfalls wieder vornehmen.

Petra Steinke / 18.03.2020 - 11:34 Uhr

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