Leserbrief

Eine Händlerin sagt „Danke“

Fanni Albert-Wöhrle und Ehemann Falk Wöhrle vom Schuhhaus Wöhrle und Franco Bonoldi. (Foto: Albert-Wöhrle)
Fanni Albert-Wöhrle und Ehemann Falk Wöhrle vom Schuhhaus Wöhrle und Franco Bonoldi. (Foto: Albert-Wöhrle)

Fanni Albert-Wöhrle führt gemeinsam mit ihrem Ehemann die Geschäfte Schuhhaus Wöhrle und Franco Bonoldi in Singen. Sie hat ihre Erlebnisse nach dem Shutdown in einer kleinen Geschichte aufgeschrieben. Und umschreibt Erfahrungen, die viele Händler teilen. Ein Gastbeitrag mit „Dankeschön“.

„Leere Straßen, ängstliche Ruhe. Aber da! Da kommt sie! Frau Müller vom Kopf bis zum kleinsten Zeh sorgfältig eingewickelt. Am Montagmorgen kurz nach 9 Uhr betritt sie winkend mit Handschuhen und Mundschutz vorbildlich vorbereitet das Geschäft. Schuhhaus Wöhrle ist von liebevollen Feenhänden schon gerichtet, dekoriert, blitzsauber gezaubert. Unsere Mitarbeiterinnen, Frau Ilak und Frau Sick, freuen sich auch schon, dass sie nicht mehr nur zu Hause die Rolle der Lehrerin (neuerdings auch bekannt als Heilige) erfüllen müssen, sondern unsere Stammkunden wieder begrüßen dürfen!

Frau Müller hält den vorgeschriebenen Abstand mit strenger Selbstverständlichkeit ein und freut sich sehr, dass sie wieder kommen darf. „Ich habe mir schreckliche Sorgen gemacht, dass Sie nicht mehr aufmachen. Fast fünf Wochen war der Einzelhandel geschlossen – tödlich!“ sagt sie mit gut informierter Überzeugung und ist überrascht, dass wir überhaupt noch da sind. „Sehen Sie Herr Wöhrle, ich bin nicht fremdgegangen, habe nichts online bestellt und die Frau Ilak gibt’s eh nicht online… Also, jetzt zeigen Sie mir mal Ihre neuste Kollektion. Ich will unbedingt Schuhe, Farbe ist egal, am besten gleich zwei Paar und Rechnung brauche ich auch nicht!“ sagt unsere Stammkundin mit Freude und einem kessen Blick zu meinem Mann.

„Sehr lieb von Ihnen, die Rechnung muss ich sowieso geben, aber die zwei Paar Schuhen werden kein Problem sein, schauen Sie mal hier…“ Frau Müller hat bei uns noch nie zwei Paar Schuhe auf einmal gekauft, scheinbar möchte sie aber jetzt die letzten fünf Wochen nachholen. Was für ein Enthusiasmus! Frau Ilak bereitet schon die Schuhe vor, und Frau Sick macht den ersten Kaffee für die Dame. Das Team freut sich! Kurz darauf macht sich Frau Müller stolz mit ihren drei (!) Paar neuen Schuhen auf den Weg. In der Tür sagt sie noch kurz über die Schulter: „Ich muss mich beeilen, wissen Sie, ich habe noch einige meiner Lieblingsgeschäfte auf meiner Liste, die ich unbedingt retten will!“, lacht sie entschlossen und gibt ihren Platz für den nächsten Kunden auf.

In den ersten Tagen der Wiedereröffnung haben wir die Auswirkungen des Zusammenhaltes hautnah erlebt. Es gibt so viele, denen ich mein Dankeschön im Namen des ganzen Schuhhaus Wöhrle Teams und im Namen des lokalen Einzelhandels zum Ausdruck bringen möchte. Ich möchte mich bei den lokalen Medienquellen bedanken, die große Unterstützung geleistet haben und die Leute über die Wichtigkeit des regionalen Einkaufs informierten. Des Weiteren möchte ich meinen Dank an alle unsere Mitarbeiterinnen in beiden Geschäften äußern, die diese ungewöhnliche Zeit mit uns durchlebten.

Vor allem aber geht mein Dank an alle Frauen und Herren „Müller“, die sich die Mühe gegeben haben sich nicht nur über die gesundheitliche, sondern auch über die wirtschaftliche Situation zu informieren. Danke, dass Sie uns treu geblieben sind.

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Petra Steinke / 13.05.2020 - 08:41 Uhr

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