Corona-Pandemie

Erste Geschäfte dürfen öffnen – was sagt der Handel?

Viele Geschäfte dürfen ab dem 20. April 2020 wieder öffnen. (Foto: Artem Beliaikin/Unsplash)
Viele Geschäfte dürfen ab dem 20. April 2020 wieder öffnen. (Foto: Artem Beliaikin/Unsplash)

Ab dem 20. April dürfen Geschäfte mit bis zu 800 qm wieder öffnen – unter strengen Auflagen. Wie gehen Händler damit um? schuhkurier hat nachgefragt.

Thomas Hüser, Schuhhaus Hölscher, Emsdetten:
 

„Die Beschlüsse jetzt, bzw. die Landesverordnung, lösen unterschiedlichste Reaktionen, Emotionen bei mir aus. Da kommt erst einmal die Hoffnung. Ein erster Schritt hin zu etwas, das vielleicht einmal Normalität bedeuten wird. Dass wir unser ’altes Leben‘ zurückbekommen, glaube ich nicht. Dazu wird uns diese Pandemie, die zudem nicht die letzte ihrer Art gewesen sein wird, noch zu lange im Griff behalten. 
Dennoch schwingt Hoffnung mit, da uns der inzwischen erfolgte ’Umbau‘ unseres Geschäftes auf ganz andere Wege getrieben hat, dem Kunden Schuhe zu verkaufen. Aufteilung in zwei Schichten, Videochat als Hauptverkaufsmedium, Liefer- und Abholservice. All das machte die vertrauten Räume kleiner, anders, nicht mehr so wichtig. 
Da erweckt die Möglichkeit, wieder im Ladengeschäft verkaufen zu dürfen, die Phantasie, sie wieder auf vertrauterem Terrain bewegen zu dürfen.
Dennoch werden wir strenge Spielregeln aufstellen. Gerade als Kinderschuhspezialist komprimiert sich ja unsere Hauptsaison auf wenige Wochen. Einfach die Türen aufstellen wird da eher Chaos bewirken.
Ab Montag werden wir im Ladenlokal vier Beratungszonen markieren. Kunden werden nur mit Terminvereinbarung eingelassen. Bereits vor der Schließung hatte ich hier den Türsteher gemacht. Das hatte schon was vom Empfang eines guten Restaurants ­– ’Sie haben reserviert? Nein?! Oh, da muss ich schauen, ob eine Kollegin gerade frei ist...‘ Ein ganz neues Gefühl, aber fast so effektiv wie der ungelenkte Verkauf vorher – und für alle Parteien deutlich entspannter.
Die Einhaltung der Hygienespielregeln, dürften inzwischen ja überall eingespielt sein.
Meinen Mitarbeitern hatte ich als Sinn-Bild für diese Zeit eine Raftingtour vor Augen geführt. Wir sitzen in diesem Boot und können nur versuchen, auf den nächsten Felsen, auf das, was hinter der nächsten Biegung kommt, zu reagieren.
So eine Wendung stellen die Beschlüsse auch dar. Neue Schicht- und Arbeitspläne sind zu entwerfen. Die Kundenkommunikation muss angepasst werden. Die Arbeitsabläufe fixiert, kommuniziert und vor allem auch erprobt werden. Die Technik muss weiter angepasst werden. Ein Terminplanungstool muss her, eingerichtet werden, die Mitarbeiter daran geschult werden. Letztens hatte ich mal die These aufgestellt, dass die digitale Lernkurve derzeit mindestens so exponentiell ist wie die Infektionskurve...
Ich empfinde zwiespältige Gefühle. Muss denn dieser ganze Wandel in solch einem Tempo sein? Ja! Unterschwellig war der gesamten Branche ja seit Jahren bewusst, dass sich vieles ändern sollte. Jetzt muss jeder ran und wir werden so recht gar nicht danach gefragt, ob wir wollen. 
Dennoch bleibe ich hoffnungsvoll, zuversichtlich aus dieser Situation viel zu lernen und irgendwann zurückblickend feststellen zu können, 2020 war ein Jahr, dass die Entwicklung unseres Unternehmens deutlich geprägt hat, zum Positiven hin.“

   

Karl-Georg Reindl, Schuh Reindl, Rosenheim:
 

„Ich empfinde die aktuelle Situation als überaus herausfordernd, aber die Stimmung in meinem Unternehmen und auch im Team ist trotzdem nicht unbedingt schlecht. In Bayern werden wir erst ab dem 27. April öffnen dürfen. In dieser Woche ist mit dem 1. Mai gleich wieder ein Feiertag, was uns den Start zusätzlich erschweren dürfte. 
Schon Tage vor der Eröffnung wollen wir Plakate aufhängen und auf den Neustart hinweisen.
Um optimal vorbereitet zu sein, haben wir unsere Geschäfte gemeinsam mit einem Innarchitekten angeschaut, auch um gesicherte Entscheidungen für die Öffnungszeit treffen zu können. Es dürfen sich beispielsweise in unserem Haupthaus maximal 30 Kunden zum gleichen Zeitpunkt aufhalten. Von den drei vorhandenen Eingängen werden wir einen ganz schließen, einer wird zum Eingang und einer zum Ausgang, damit wir Kreuzverkehr weitgehend vermeiden. Da wir auch Apotheken führen, haben wir selber Desinfektionsmittel hergestellt. Das steht im Schuhgeschäft in kleinen Fläschchen zur Verfügung und unser Personal wird den Kunden nach dem Kauf die Desinfektion als Service anbieten.  
In den nächsten Tagen werden wir eine Teambesprechung abhalten, um über die weiteren Pläne zu informieren. Dann muss auch abgewägt werden, wer vielleicht aus Gesundheitsgründen nicht zur Verfügung stehen kann, beispielsweise wenn es in der Familie Angehörige von Risikogruppen gibt. Wir haben Einweg- und Mehrweg-Mundschutze angeschafft und so genannte Spuckschutz-Scheiben an den Kassen angebracht. Ich denke aber, dass in einem Schuhgeschäft das größte Risiko nicht im Bezahlvorgang liegt, sondern eher in der individuellen Beratung. Diese dauert ihre Zeit und braucht auch eine gewisse Nähe. Auch bin ich skeptisch hinsichtlich der Kinderabteilung. Wenn dort zwei, drei Mütter mit jeweils zwei Kindern Schuhe aussuchen, habe ich ein Drittel der erlaubten Kundenzahl schon fast erreicht. 
Ich bin mir nicht sicher, inwieweit die Kunden geduldig sein werden. Das Warten vor dem Lebensmittelladen ist gelernt. Aber wenn wir bei uns Kunden mit besonderen Ansprüchen bedienen, dann nimmt das schon einmal eine bis zwei Stunden in Anspruch. Darauf wird draußen niemand warten – und ich kann den Menschen vor dem Geschäft ja schlecht Prosecco zum Zeitvertreib anbieten. Ich hoffe, dass wir mit den Wünschen und Ansprüchen unserer Kunden zurechtkommen werden. Ich rechne allerdings mit 50% weniger Umsatz im Vergleich zum Vorjahr. Dann bringen mich auch Valuten nicht weiter, denn auf dieser Basis kann ich meinen Betrieb nicht wirtschaftlich führen.
Was mich auch beschäftigt ist die Order für die nächste Saison. Wann wird es wieder Messen geben, damit wir unsere Sortimente verfeinern können? Wenn es keine gibt, habe ich irgendwann die kritischen Kunden im Geschäft, die mich fragen: „Was Neues habt Ihr nicht?““

   

Kay Zimmer und Georg Mahn, Schuhplus, Dörverden:
 

„Unsere Verkaufsflächen überschreiten keine 800 qm, so dass wir am Montag die Türen zu unseren drei Filialen in Dörverden, Saterland und Kaltenkirchen öffnen werden. Der 800 qm-Grenzwert ist für uns objektiv nicht schlüssig, dennoch erzeugte der Beschluss im gesamten Team ein großes Aufatmen, dass mit der Wiedereröffnung ein Hauch Normalität ins Leben zurückkehrt.
Wir haben intensive Hygienevorkehrungen zum Schutze unseres Teams und der Kundschaft getroffen. Neben zahlreichen Desinfektionsmöglichkeiten in den Fachgeschäften sowie im Bereich der sanitären Anlagen hängen Sicherheitshinweise zum persönlichen Schutzverhalten in den Verkaufsräumen, um die Menschen nach wie vor zu sensibilisieren.
Mundschutzmasken werden das künftige Alltagsbild bei Schuhplus bestimmen, wozu wir durch kostenlose Ausgaben ebenfalls auch unsere Kunden im Fachgeschäft animieren. Es gibt eine klare Zugangsbeschränkung, so dass der gleichzeitige Aufenthalt von maximal 35 Personen ermöglicht wird, damit jedem Kunden ein Wirkungsbereich von mindestens 20 qm rechnerisch zusteht. Unser Team ist darüber hinaus angewiesen worden, die Qualität der Beratung nach wie vor auf hohem Level zu halten, jedoch aus Sicherheitsgründen verstärkt körpernahen Abstand zu halten.
Trotz der Ausnahmesituation versuchen wir nach wie vor, mit persönlicher Bindung, Humor und Offenherzigkeit die Situation zu entspannen, damit die Freunde am Produkt Schuhe auch weiterhin transportiert wird und nicht der Eindruck einer Klinik entsteht. Die Sicherheitsmaßnahmen müssen somit Mittel zum Zweck sein, nicht umgekehrt. Hinsichtlich der Nachfrage erwarten wir in den ersten Tagen primär eine Zurückhaltung, rechnen allerdings mit einer Zunahme der Kundenfrequenz am folgenden Wochenende.“

   

Ingo Hänel, Schuh Beck, Römerstein:
 

„Wir waren zwar schon vorbereitet – und haben „auf Verdacht hin“ Plexiglasscheiben, Atemschutzmasken und Desinfektionsmittel bestellt. Aber da es bei diesen Artikeln dann immense Lieferzeiten gegeben hat, sind wir nun fast noch in die Verlegenheit gekommen, den Anforderungen nicht nachkommen zu können. Zumal ja alle Vorbereitungen der letzten Wochen und Tage (mit einem Mini-Minimalteam in der Zentrale aufgrund von Kurzarbeit und Kostenabwägungen) nur auf Verdacht basierten. Zur Information unseres Teams habe ich mich für Schulungsvideos entschieden, die die Mitarbeiter von mir aufs Handy bekommen. Sie enthalten konkrete Anweisungen, etwa hinsichtlich der Zahl der Kunden, die gleichzeitig im Geschäft sein dürfen.
Ich rechne ein paar Tage lang mit einem guten Kinderschuhgeschäft, da stehen die Eltern in den Startlöchern. Im Bereich Bequemschuh erwarte ich „null“, da hier ja eine der Risikogruppen angesprochen ist. Insgesamt rechne ich mit einem satten Minus auf das Vorjahr (bzw. auf die Planung), da die Leute einfach aus gesundheits- aber auch finanziellen Gründen zurückhaltend sind. Bei den 800 qm bin ich zum Glück fein raus – ich darf alle Geschäfte öffnen. Allerdings kommt meine bayerische Filiale in Günzburg erst eine Woche später hinterher.“

   

Erich Lang, Schuhe Lang, Merzig:
 

„In den zurückliegenden Wochen haben wir Schuhe aus unserem eigenen Onlineshop versendet und Auswahlen zum Kunden gebracht, viel telefoniert und Mails geschrieben. Durch die Zuordnung von Nummern an die im Schaufenster ausgestellten Schuhe haben wir auch eine Rezonanz verspürt und auch der Verkauf von eigenen Gutscheinen zum Sonderpreis hat einiges gebracht.
Insgesamt war es viel mehr Arbeit, aber man kann sagen, dass wir etwa 15% unserer Umsatzes erwirtschaftet haben.
Wir haben festgestellt, dass die Kunden vor Ort den lokalen Handel unterstützt haben und ich gehe davon aus, dass diese Unterstützung auch noch einige Tage anhält.
Wir haben einen Spuckschutz an der Kassentheke aufgestellt, Information, die den notwendigen Abstand betreffen, im Verkaufsraum und auch in den Schaufenstern aufgehängt. Papiertücher und Sprays liegen für unsere Kunden bereit.
Natürlich trägt unser Personal eine Mundschutzmaske. Es wird aber schierig werden, den Mindestabstand beim Verkauf einzuhalten. Vor allem bei Kinderschuhen sehe ich ein Problem. Für die Wiedereröffnung haben wir eine Anzeige geschaltet. Ich gehe erst einmal von einer niedrigeren Frequenz aus, aber es hat sich zwischenzeitlich auch Bedarf aufgebaut, und das nach wie vor bei Kinderschuhen. Ich hoffe, dass das Bewusstsein, möglichst beim örtlichen Handel zu kaufen, auch weiterhin anhält.“

Brigitte Wischnewski, Schuhhaus Meyer, Lübbecke:
 

„Ich persönlich finde die Begrenzung auf 800 qm nicht in Ordnung, da ich der Meinung bin, dass sich Abstandhalten auch auf größeren Flächen organisieren lässt. In unserer Stadt gibt es nur ein Textilkaufhaus, welches über diesen 800 qm liegt, dort versucht man, über eine verkleinerte Fläche öffnen zu dürfen.
In unseren zwei Geschäften ist es unkompliziert, die Verordnung des Landes NRW einzuhalten. Wir haben vor dem Kassenbereich Plexiglasscheiben als Spuckschutz. Am Eingang/Ausgang steht Desinfektionsmittel für Kunden bereit. Alle Mitarbeiterinnen haben einen Mund-/Nasenschutz, den sie nach eigenem Ermessen tragen können – denn es gibt bis jetzt keine Pflicht dazu. In allen Bereichen, besonders im Eingangsbereich, gibt es ausreichende Informationsplakate für unsere Kunden zu den bereits bekannten Verhaltensweisen.
Die letzten viereinhalb Wochen haben die Verbraucher beim Bäcker, Fleischer und im Lebensmittelhandel schon mal üben können.
Die Voraussetzungen – Wetter, Sonne und Wärme – könnten zur Wiedereröffnung nicht passender sein. Wir erwarten nach so langer Zeit eine gute Resonanz, zumal die Kinder, die jetzt dringend neue Schuhe benötigen, noch nicht in die Schule bzw. in den Kindergarten müssen.
Die Tage seit letztem Donnerstag haben wir genutzt, um alle Abteilungen attraktiv zu gestalten.“

   

Friedrich Werdich, Schuhhaus Werdich, Dornstadt:
 

„Wir freuen uns, dass es endlich wieder losgehen kann! Wir dürfen ab dem 20.04./27.04.20 einen Großteil unserer Filialen öffnen. Eine schwierige Aufgabe ist die Kurzfristigkeit und die unterschiedliche Auslegung in den jeweiligen Bundesländern. Vor diesem Hintergrund mussten wir an der einen oder anderen Stelle trotz Vorbereitung noch etwas improvisieren.
Eine besondere Herausforderung sehen wir darin, unseren hohen Servicestandard auf die gebotenen Verhältnisse zu adaptieren. In den ersten Tagen erwarten wir eine hohe Nachfrage nach Kinderschuhen. Das Umsatzniveau in den ersten zwei Wochen wird nach unserer Einschätzung nur ca. 50% der Vorjahresumsätze erreichen.“

Petra Steinke / 20.04.2020 - 09:44 Uhr

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