„Spiegel“-Interview mit Ifo-Präsident Clemens Fuest

„Erweiterten Verlustrücktrag stärker nutzen“

Ifo-Chef Clemens Fuest spricht darüber, welche Regierungsmaßnahmen zur Ankurbelung der Wirtschaft er für falsch hält und was den Unternehmen besser helfen würde. 

Trotz der Tatsache, dass sich alle Corona-Maßnahmen, auch lokale und regionale, auf die Wirtschaft auswirken, ist Clemens Fuest, Präsident des Ifo-Instituts, überzeugt: „Es kann keine wirtschaftliche Erholung geben, wenn die Pandemie nicht unter Kontrolle ist.“ Es bestehe kein Konflikt zwischen gesundheits- und wirtschaftspolitischen Anliegen. Wohl aber müsse man über die Art der Beschränkungen reden. Man brauche Maßnahmen, die den Menschen Dinge ermöglichten, wie etwa Masken und Abstandsregeln, mit denen ein Schulbetrieb oder auch das Einkaufen machbar seien. Es gelte, unbedingt zu vermeiden, dass man in eine Situation wie in Frankreich und Spanien gelange. „Das würde das Gesundheitssystem sicher überlasten, und es würde garantiert zu einem großen wirtschaftlichen Rückschlag führen.“

Fuest sprach sich für deutlich mehr Testungen aus. Zwar kosteten diese viel Geld, aber „es ist ungleich teurer, wenn man Geschäfte oder Schulen auf Verdacht schließt und Menschen maximal lange in Quarantäne schickt.“

 

Viele Maßnahmen der Regierung in Zusammenhang mit der Pandemie hält der Wirtschaftsexperte für richtig. Es gebe aber noch Möglichkeiten. So sollte man das Instrument des erweiterten Verlustrücktrags stärker nutzen. Dadurch könnten Unternehmen ihre Belastungen besser verteilen und Liquidität sichern. „Das sind Hilfen, die billig zu haben sind und gezielt wirken.“ Sie kämen schließlich nur Unternehmen zugute, die tatsächlich vor der Krise Geld verdient haben und derzeit Verluste machen. Die Senkung der Mehrwertsteuer ist aus Sicht von Fuest dagegen eher kein geeignetes Mittel und sollte auf keinen Fall über den Jahreswechsel hinaus verlängert werden. Diese Maßnahme sei teuer „und wirkt überhaupt nicht zielgenau“, nicht zuletzt auch, weil Unternehmen, denen es ohnehin gerade gut geht, davon gleichermaßen profitieren.

Auch sieht Fuest die Mehrwertsteuersenkung nicht als sinnvolles Mittel zur Ankurbelung des Konsums an. „Wo Konsum fehlt, liegt es nicht am Geld, sondern an gesundheitlichen Bedenken.“

Der Wirtschaftsfachmann hält zudem die Verlängerung der Kurzarbeit für einen Fehler. „Man bezahlt Menschen damit fürs Nichtstun, auch wenn das nicht deren freiwillige Entscheidung ist.“ Unter anderen Umständen würden viele, die in Jobs in der Gastronomie derzeit nicht gebraucht werden, möglicherweise im Gesundheitssektor mitarbeiten, wo es Bedarf gebe.

Ein zweiter Lockdown würde aus Sicht von Fuest den Aufschwung empfindlich bremsen. Man könne mit zielgerichteten Maßnahmen viel bewirken. Wichtig sei entschlossenes Handeln, um es nicht nochmals zu einer Rezession kommen zu lassen.

Das Interview des „Spiegel“ mit Clemens Fuest lesen Sie hier.

 
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Petra Steinke / 09.10.2020 - 09:27 Uhr

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