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Günter Althaus: „Die Zeit für Ausreden ist abgelaufen“

Günter Althaus (Foto: ANWR)
Günter Althaus (Foto: ANWR)

Kritisch. Kontrovers. Klare Kante: In unserer neuen Rubrik lassen wir Menschen zu Wort kommen, die Klartext reden. Den Anfang macht der Unternehmer Günter Althaus, ehemaliger Vorstandsvorsitzender der ANWR Group. Er sagt: Tacheles, nicht Blabla: Auch in Sachen Interessenvertretung ist jetzt machen gefragt, nicht nur reden.

In Krisensituationen will jeder seine Interessen so schnell und so wirkungsvoll wie nur möglich bei den Medien, Multiplikatoren und der Politik platzieren. In der Informationsflut können sich jedoch nur wenige Interessenvertreter wirklich durchsetzen. Was sind die Erfolgsrezepte:

1. Interessenbündelung

In der politischen Interessenvertretung gibt es einen einfachen Grundsatz: Durchsetzen werden sich nur die, die ihre Kräfte bündeln und so Relevanz und Wahrnehmung erhöhen.

Alle relevanten Wirtschafts- und Interessenverbände haben auf diese Art und Weise ihre Wirkungskraft deutlich erhöht. Und was macht die Schuhbranche? Patrick Röseler hat es in seinem Statement vor einigen Tagen auf den Punkt gebracht: Die Branche braucht eine bessere Lobby. Dem zustimmenden Nicken beim Lesen und den gelegentlichen Mails der Anerkennung (na endlich sagt das mal einer) folgte hektische Betriebsamkeit in der Tagesarbeit der Krisenbewältigung.

Und wenn man den Satz von Patrick Röseler nicht nur liest, sondern auch versteht, fällt einem auf, dass da nicht steht „die unterschiedlichen Wertschöpfungsstufen der Branche brauchen eine bessere Lobby“. Aber genau das ist es, was die Branche schon seit Jahren hat:

Die Industrie hat den HDS/L (wofür das „L“ außer zur Erhöhung der Beitragseinnahme gut war, hat sich mir bisher noch nicht erschlossen), der mit rd. 80 Mitgliedern einen beachtlichen Teil – aber auch nicht die gesamt Industrie – vertritt.

Der BDSE (eigentlich eher eine Fachabteilung/ Untergruppierung des HDE) wird weder materiell noch konzeptionell ausgestattet, um auch nur ansatzweise wahrnehmbare Interessenvertretung leisten zu können.

Und die Verbundgruppen sind wie immer irgendwo dazwischen.

Um das klarzustellen: Ich geringschätze nicht die Arbeit der hauptamtlichen oder nebenamtlichen Mitarbeiter dieser Organisationen. Aber ich kann mich über die Gleichgültigkeit und Ignoranz, auch von vermeintlichen Meinungsführern der Branche, nur wundern, die immer noch nicht verstanden haben, dass leistungsstarke Interessenvertretung ein wesentliches Element einer „indirekten Demokratie“ und damit lebensnotwendig zur Erhaltung einer Branche ist.

Auch wenn ich verstehe, dass die bestehenden Verbände der Schuhbranche immer wieder Situationen erleben, in denen sie gegeneinander Stellung beziehen, gibt es doch in einer teil-vernetzten und vertikalisierten Branche immer mehr Anlässe, gemeinschaftlich statt getrennt vorzugehen. Und vorab Entschuldigung für eine weitere offene Anmerkung: Diese Branche ist einfach viel zu klein, als das sie sich in der politischen Lobbyarbeit auch noch drei- oder vierteilen sollte.

2. Nicht nur meckern, sondern Lösungsvorschläge einbringen

Krisenkommunikation ist geprägt von zwei spannungsgeladenen Polen: hohe Komplexität auf der einen Seite – maximale Vereinfachung auf der anderen Seite! Je komplexer der Sachverhalt, desto leicht verständlicher muss der Lösungsansatz sein.

Die politischen Entscheidungsträger werden in Situationen wie diesen überhäuft von Petitionen und Droh- und Bettelschreiben. Die Bundeskanzlerin, die in den letzten Wochen einmal mehr einen fantastischen Job gemacht hat, wird wahrscheinlich „offene Briefe“ in einer vierstelligen Anzahl bekommen haben.

Gut gemeint, aber schlecht gemacht: Wer hat schon jemals geglaubt, dass Briefe, die man in einen Kummerkasten einwirft, auch gelesen werden?

Die politischen Akteure stecken nicht im Detail. Doch genau da lagen die wesentlichen Probleme der letzten Wochen. Also ist es Aufgabe einer wirksamen Interessenvertretung, nicht nur geschliffene Briefe zu entwickeln, sondern an Fallbeispielen oder durch die Entwicklung alternativer Prozesse oder Gesetzestext-Formulierungen konkrete Unterstützung zu leisten. Das Konzept einer mehrstufigen Branche, die in der Mitte „Verbundunternehmen“ hat, die u.a. Organisations- und Zahlungsfunktionen übernehmen, ist in der Politik kaum bekannt und schon gar nicht verstanden. Während innerhalb der Branche der Begriff „ZR“ eindeutig besetzt ist, vermuten Ausstehende dahinter alles, aber kein funktionierendes Zahlungssystem. Wenn es nicht gelingt, die Auswirkungen der Krise mit einfachen Bildern und Begriffen zu erklären, die der politische Gesprächspartner schnell verstehen und selber weiterleiten kann, geht die Botschaft unter.

Deshalb mein Rat: Bündeln sie die Interessen ihrer Branche und, sofern sinnvoll, verbinden sie sich noch mit weiteren Branchen, die vergleichbare Probleme haben.

Besorgen Sie sich die nötigen Fachleute und schaffen sie einheitliche Bewertungen und Lösungsvorschläge, mit denen die unterschiedlichen Verbände „getrennt marschieren, aber vereint schlagen können“, was man wohl schon vor hundert Jahren für die beste Strategie gehalten hat. 

Die Erfahrungen der letzten Wochen haben gezeigt, dass es sich lohnt, die Kräfte zu bündeln, und dass die Bereitschaft zur Kräftebündelung auf breiter Front vorhanden ist. Branchenübergreifende und unternehmensübergreifende Arbeitsgruppen eignen sich hervorragend, um gemeinschaftlich Probleme zu benennen, Lösungsmodelle zu entwickeln und Umsetzungen anzustoßen. Doppelarbeiten werden minimiert, Kompetenzen gebündelt, Synergien genutzt.

Die Zeit für Ausreden ist abgelaufen. Wer jetzt nicht für eine effektivere Interessenvertretung der Branche eintritt, ist mitverantwortlich für weiter entstehenden Schaden in dieser Krise. Und die beiden nächsten Herausforderungen stehen schon vor der Tür: angemessene und realistische Schutzmaßnahmen nach Wiedereröffnung und die Vorbereitung einer unverzichtbaren Rekapitalisierung des Mittelstandes nach Bilanzierung dieses Katastrophenjahres.

   
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Petra Steinke / 16.04.2020 - 16:56 Uhr

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