Interview

Heinrich Deichmann: „Ausnahmesituation“

Heinrich Deichmann im Gespräch mit schuhkurier. (Foto: Deichmann)
Heinrich Deichmann im Gespräch mit schuhkurier. (Foto: Deichmann)

schuhkurier sprach mit Heinrich Deichmann über seine Erfahrungen in der Corona-Krise und seine Pläne für die Zukunft. 

Wie sehr hat die Corona-Krise Deichmann getroffen?

Für uns war das eine absolute Ausnahmesituation. Wir hatten zeitweise 96% unserer 4.200 Läden in 28 Ländern geschlossen. Wir mussten zum ersten Mal in der Firmengeschichte für unsere Mitarbeiter Kurzarbeit anmelden. Unsere Einnahmen gingen also gegen Null – und niemand konnte sagen, wie lange dieser Zustand dauern würde. Das war für uns alle zunächst mal ein Schock. Gleichzeitig kamen große Mengen an Saisonware rein, die wir bezahlen und für die wir zusätzliche Lagerfläche anmieten mussten, weil ja in den Läden keine Ware abfloss.

 

Deichmann hatte Ende März angekündigt, Mietzahlungen auszusetzen. Diese Maßnahme hat Ihnen viel Kritik beschert. Wie stehen Sie zu diesem Schritt heute?

Richtig ist, dass wir mit unseren Vermietern über eine Stundung von Mieten gesprochen haben. Bei drei Viertel unserer Standorte haben wir es mit großen Vermietern wie Immobilienkonzernen oder Versicherungen zu tun, die mit dem Thema sehr routiniert umgegangen sind. Einige der kleineren Vermieter hatten signalisiert, dass sie unter Umständen selbst in Schwierigkeiten kommen könnten. Uns war wichtig, dass kein Vermieter durch ausbleibende Zahlungen in Bedrängnis kommt. Wir haben in solchen Fällen dann auch weiter gezahlt. Wir stehen zu diesen Verhandlungen. Es ging alleine in Deutschland um 1.500 Standorte, die geschlossen waren und keinen Umsatz brachten. Und wie gesagt, niemand wusste, wie lange das dauert. Für alle Mietfragen, die sich aus den Schließungen im Zusammenhang mit Covid-19 ergaben, sind wir weiter dabei, partnerschaftliche Lösungen mit unseren Vermietern zu finden. Leider ist das in der öffentlichen Diskussion weitgehend untergegangen. Untergegangen ist auch, dass wir diese Gespräche mit den Vermietern bereits mit der behördlich verordneten Schließung unserer Geschäfte begonnen haben, unabhängig von den später verabschiedeten Gesetzen. Mit Eröffnung der Filialen haben wir die normalen Mietzahlungen wieder aufgenommen. 

Uns war in dieser Phase sehr wichtig, dass wir die Arbeitsplätze unserer Mitarbeiter erhalten. Das hatte für uns höchste Priorität. Das ist uns auch gelungen. Wir haben niemanden entlassen, wir haben das Kurzarbeitergeld auf 90% aufgestockt und wir haben keine staatlichen Kredite in Anspruch genommen.

Die Geschäfte können wieder öffnen, dennoch liegt die Frequenz in den Innenstädten weit unter dem Vorjahresniveau. Mit welchem weiteren Jahresverlauf rechnen Sie?

Wir hoffen natürlich, dass die Frequenzen in den nächsten Wochen wiederkommen. Das hängt sicher auch davon ab, wie lange welche Einschränkungen bleiben werden. Ich möchte hier nicht die sicher notwendigen Vorsichtsmaßnahmen kritisieren, aber wir müssen natürlich auch sehen, dass Masken- und Abstandspflicht und eingeschränkter Zugang zu Läden nicht unbedingt Lust auf einen unbeschwerten Bummel durch die Stadt machen.

 

Wird Corona die Schuhbranche dauerhaft verändern? Oder handelt es sich um eine zwar gravierende aber doch temporäre Krise?

Das ist im Moment noch schwer einzuschätzen, weil die mittel- und langfristigen Auswirkungen auf die Wirtschaft noch nicht absehbar sind. Ich gehe jedoch davon aus, dass sich die Trends und Tendenzen in der Schuhbranche weiter zuspitzen: zum Beispiel die stärkere Konzentration auf den Onlinehandel und die sinkenden Frequenzen in den Innenstädten.

 

Welche Lehren kann die Schuhbranche aus der Corona-Krise ziehen? 

Wir können hier natürlich nur für uns sprechen. Für uns hat sich dabei gezeigt, dass wichtige Fähigkeiten und Eigenschaften eines Unternehmens in der Krise noch bedeutsamer werden: ein solides wirtschaftliches Fundament, Flexibilität, Kreativität, Weitsicht und vor allem ein engagiertes Team, das zur Firma steht und gemeinsam die schwierigen Aufgaben meistert. Dazu gehört auch ein Stück Nervenstärke.

Deichmann handelt in erster Linie mit Produkten aus asiatischer Produktion. Wie gestaltet sich die Beschaffung aktuell?

Als zum Jahresbeginn viele Fabriken in China geschlossen haben, waren wir im intensiven Austausch mit unseren Lieferanten, wie mit dieser Situation umzugehen ist. Wir haben hier ein sehr partner-
schaftliches und verantwortliches Krisenmanagement erlebt. Das hat uns beeindruckt. Hier haben alle Beteiligten großes Engagement und viel Flexibilität gezeigt. Die meisten unserer Lieferanten arbeiten inzwischen wieder fast auf normalem Niveau. Da es aktuell durch die Regierung noch Auflagen zur Sicherheit gibt, durch die die Betriebe nicht mit normaler Auslastung arbeiten können, kommt es in manchen Fällen zu Verschiebungen der Liefertermine. Die Beschaffung hat sich aber grundsätzlich weitestgehend normalisiert.

 

Auch Deichmann fehlen Wochen Verkaufszeit, die nur schwerlich wieder aufgefangen werden können – zumal, wie Sie im Interview mit dem Handelsblatt erwähnt haben, Ihr Online-Anteil noch sehr gering ist. Was passiert mit der Ware, die in dieser Saison nicht mehr verkauft wird? Und was bedeutet das für die Produktion der F/S 2021-Saison?

Noch ist die Saison nicht gelaufen. Schauen wir mal, was noch geht. Am Ende wird es sicher einen Mix geben aus Sale und der Einlagerung von zeitlosen Basissortimenten. Da helfen uns unsere eigenen Distributionszentren sehr. Wir müssen nicht um jeden Preis reduzieren. Gleichzeitig werden wir alles daran setzen, unseren Kunden in der nächsten Saison das modische und breit gefächerte Angebot zu machen, das sie von uns gewohnt sind.

 

Warum sind die Umsätze, die Deichmann online generiert, angesichts Ihrer Marktrelevanz vergleichsweise gering?

Das ist eine relative Aussage. Auch wenn wir ein Omnichannel-Anbieter sind, generieren wir den größten Umsatzanteil immer noch in unseren 1.200 Filialen. Das ist ein sehr starkes Standbein. Gleichzeitig wachsen unsere Onlineshops seit Jahren jedes Jahr zuverlässig deutlich zweistellig. In der Coronakrise haben wir hier auch noch mal einen deutlichen Zuwachs gesehen. Da unser stationärer Handel in den zurückliegenden Jahren auch immer noch weitergewachsen ist, dominiert er nach wie vor die absoluten Zahlen. Vor diesem Hintergrund ist klar: Wenn Sie fast alle Läden schließen müssen, können Sie das online trotz aller Erfolge natürlich nicht ansatzweise kompensieren.

 

Deichmann informiert gewöhnlich im März über das vergangene Geschäftsjahr. Diese Mitteilung ist im Zuge der Corona-Krise ausgefallen. Wie sind die vergangenen zwölf Monate für Ihr Unternehmen verlaufen?

Sie haben Recht. Wir hatten in der Krise alle Hände mit der Bewältigung der aktuellen Probleme zu tun. Da blieb für Rückblicke einfach keine Zeit. Fakt ist: Wir sind mit dem Jahr 2019 sehr zufrieden. Wir konnten mit unserem Angebot, vor allem der Erweiterung unseres Marken-Portfolios und gezielten Marketing-Aktionen, offenbar die Kunden aufs Neue überzeugen.

 

Manche Zukunftsforscher prognostizieren, dass es einen Rückgang des „Massenkonsums“ und die Hinwendung zu mehr nachhaltigen Produkten, die länger halten, geben wird. Glauben Sie das auch? Wenn ja – was bedeutet das für Ihr Unternehmen?

Die Prognosen sind bekannt. Wir investieren viel in Marktforschung, um zu verstehen, was unsere Kunden bewegt. Wir sehen auch, dass es den Kunden nicht um Masse geht, sondern um Qualität, Mode und Nachhaltigkeit. Das Thema wird für die Konsumenten immer wichtiger. Wir merken, dass diese Produktlinien immer stärker nachgefragt werden. Wir haben ja auch schon seit langem Artikel in unserem Sortiment, die solchen Trends Rechnung tragen. Unsere „Elefanten Green“-Modelle sind beispielsweise aus chromfrei gegerbtem Leder, wasserlöslichem Klebstoff und einer Sohle aus Naturkautschuk. Oder wir führen Schuhe der Marke „Love our Planet“, die zu 100% vegan sind. Wir beobachten aber nach wie vor eine hohe Sensibilität bezüglich der Preise bei unseren Kunden. Nachhaltigkeit wünscht man sich quasi als Dreingabe. Wir stellen aber vor allem im Online-Dialog mit den Kunden fest, dass dieses Thema an Bedeutung gewinnt. Und wir werden diesen Weg auch weiter verfolgen.

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Laura Klesper / 09.06.2020 - 09:19 Uhr

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