Katag-Cheftagung

Katag diskutiert mit Minister Altmaier

Am Abend des 24. Juni wurde die Katag-Cheftagung erstmals als Livestream übertragen. Neben dem Bundeswirtschaftsminister nahmen auch Unternehmer aus Handel und Industrie an der Diskussionsrunde teil. Der Tenor: Die beschlossenen Corona-Hilfsmaßnahmen reichen für den Mittelstand nicht aus.

Der Katag-Vorstandsvorsitzende Dr. Daniel Terberger blickte nur kurz zurück auf die vergangenen Monate: mit einem Dank an alle Partner, die während der akuten Corona-Krise zur Seite gestanden hatten. Und mit einer Entschuldigung für Worte oder Gesten, die in der Phase großer Anspannung und Hektik vielleicht ausgeblieben waren.

Dann wandte sich der Katag-Chef der Gegenwart zu und zeichnete ein wenig rosiges Bild des Modehandels: „Alle Geschäfte sind wieder offen, alle Unternehmen arbeiten wieder. Nahezu alle sind in Kurzarbeit, und das wird auch erstmal so bleiben.“ Alle Händler haben laut Terberger umfassende Hygienemaßnahmen umgesetzt; das Verkaufen mit Maske sei allerdings eine hohe Hürde. Und nicht nur das: „Wir leiden heute unter drastisch verringerter Frequenz, drastisch verringerten Umsätzen. Und das mit verringerter Marge.“ Besonders schmerzlich: „Den großen Wumms haben vor allem die Onliner und internationale Player abgeschöpft. Die haben viel Geld verdient und den Abstand zum Mittelstand weiter vergrößert, während andere in die Insolvenz gingen.“

Terberger appellierte, echte Partnerschaften zu schließen, um die Krise gemeinsam zu bewältigen: „Ein faires. Lose-Lose, das später in ein Win-Win zurückgeführt werden kann“, um schrieb der Katag-Chef seine Forderung. Denn: „All das, was wir uns mühsam verdienen wollten, werden wir künftig an die KfW abführen müssen. Wie soll Geld da sein, um unsere Innenstädte am Leben zu erhalten? Oder müssen wir einsehen, dass wir das Feld den Nikes, Alibabas und Amazons überlassen müssen?“

 

„Auch Handel hat Unterstützung verdient“
 

Das von der Bundesregierung beschlossene Rettungspaket habe, so Terberger, vielen geholfen und werde auch international sehr anerkannt. Die Schnelligkeit und die Dimensionen der Hilfen seien bemerkenswert. Zugleich aber beschere die Mehrwertsteuersenkung dem mittelständischen Handel viel Aufwand und wenig Wirkung. Und der im Rahmen der Corona-Hilfen beschlossene unterjährige Verlustrücktrag müsse erweitert werden. „Wir müssen damit leben, dass die Politik sagt: Freut Euch über die gesunkenen Preise, die sind für Euch – ohne daran zu denken, dass auch die Unternehmen davon profitieren sollten. Das ist ein fatales Signal. Man sollte sagen, dass auch der Handel es verdient hat, unterstützt zu werden.“

 

„Jeder Unternehmer muss sein Geschäftsmodell hinterfragen“
 

Grundsätzlich sei es die Aufgabe eines jeden Unternehmers, sein Geschäftsmodell immer wieder zu überprüfen, betonte Terberger. „Wir müssen uns fragen: Haben wir noch einen Mehrwert oder sind wir gegenüber modernen Wertschöpfungsteilnehmern unterlegen? Wird unsere Stadt überleben? Unser Konzept? Wir haben die unternehmerische Aufgabe, das selbst zu lösen.“ Der Katag-Vorstandsvorsitzende forderte den Handel auf, sich mit Themen wie Digitalisierung und Nachhaltigkeit zu befassen. „Hauptsache Wachstum jetzt und der Planet wird später aufgeräumt – diese Zeit ist vorbei. Und wir müssen offener werden für Technologie und neue Formen der Kooperation. Wir müssen die Risiken in allen Teilen der Wertschöpfungskette völlig neu bewerten. Und wir müssen für die gesunden Familienunternehmen in der Branche etwas tun. Zombie-Unternehmen gehören aussortiert.“ Gesunde Familienunternehmen werden nach Überzeugung Terbergers „eine riesige Rolle“ spielen, sie seien nicht nur heute systemrelevant, sondern auch zukunftsträchtig und „Träger des Wachstums von morgen.“ Er wünsche dem mittelständischen Handel „Flankierung, nicht Unterstützung“, so Terberger.


Altmaier: „Handel ist Teil der kulturellen Identität“


Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier schilderte in seiner Rede die Anstrengungen und Beweggründe der Bundesregierung im Hinblick auf die Corona-Krise. „Wir wollen schnell aus der Krise wieder raus. Und wir möchten nicht, dass durch diese Krise Strukturen in der Wirtschaft zerschlagen werden, die vital sind und die wir dringend brauchen, wenn wir auf die Beine kommen wollen. Wir haben uns zum Ziel gesetzt, dass nicht alles zerbricht.“ Belebte Innenstädte, Gastronomie, Hotellerie und ein vielfältiger Handel – „das alles hat unser Land kulturell reich gemacht“, so Altmaier. „Es wäre ein unverzeihlicher Fehler, wenn das alles verloren ginge. Also mussten wir handeln. Wir haben vielleicht nicht in allen Fällen so gehandelt, wie man es sich hätte wünschen können.“ Mit zahlreichen Maßnahmen von der Soforthilfe über KfW-Kredite und den Rettungsschirm bis hin zur Verhinderung eines Anstiegs der EEG-Umlage und der Mehrwertsteuersenkung versuche man, möglichst vielen Unternehmen und Menschen im Land zu helfen.
So sei der Verlustrücktrag nicht so groß ausgefallen, wie es Händler erwartet hatten. Hier habe man in der Regierungskoalition Kompromisse finden müssen. Altmaier ließ die weitere Entwicklung offen, betonte aber, man werde aber „an dieser Stelle weiter bohren.“ 
Ebenso arbeite man an weiterhin an Lösungen, nicht nur für den Einzelhandel. Fest stehe aber auch: „Am Ende wird es nicht wieder so sein wie vorher. Nach jeder Rezession, nach jeder Krise hat sich etwas verändert. Wir werden die Entwicklung nicht umdrehen.“
 

Diskussion: „Wir hätten uns gewünscht, dass mehr bei uns ankommt“


In einer anschließenden Diskussionsrunde schilderten Unternehmer aus der Modebranche ihre Situation. Claudia Maurer-Bantel vom Kaufhaus Bantel im schwäbischen Schorndorf erklärte, die beschlossenen und angeschobenen Hilfen reichten nicht und kompensierten nicht die Verluste ihres Unternehmens. „Wir hatten wochenlang keine Chance, unserem Geschäft nachzukommen“, so Maurer-Bantel. „Das Kurzarbeitergeld hat uns sehr geholfen. Bei anderen Hilfen und Zuschüssen hätten wir eigentlich erwartet, dass wir nicht durch alle Raster fallen. Wir hätten uns gewünscht, dass mehr bei uns ankommt.“ Die Mehrwertsteuersenkung stelle ihr Unternehmen vor große administrative Aufgaben, da sie mit unterschiedlichen Sätzen arbeiten müsse. Auch habe sie Zweifel, dass „weil eine Hose von 100 Euro um 2,50 reduziert wird, ein Kunde zwei Hosen kauft oder sich überhaupt in Bewegung setzt.“

Markus Johannsen vom Modehaus Düsenberg und Harms in Winsen an der Luhe schilderte, dass stationärer Einzelhandel eine Vielfalt an Aufgaben mit sich bringe. „Unser Alltag besteht zum Großteil aus der Frequenz auf der Straße, Themen wie Kassensicherungsverordnungen, Gesetzen zu Plastiktüten und anderen bürokratischen Dingen.“ Bei der Mehrwertsteuersenkung hätte er sich „ein Stück weit mehr Differenzierung“ gewünscht. „Handel ist vielfältig. Von dieser Maßnahme haben viele Unternehmen profitiert, die nie eine Verordnung gesehen haben“, so Johannsen. 

Mark Bezner vom Hemdenhersteller Olymp aus Bietigheim-Bissingen erklärte, sein Unternehmen müsse „Monat für Monat ein Umsatzminus von 50%“ hinnehmen. Da helfe auch Kurzarbeitergeld nur teilweise. Das Problem von Olymp sei, dass man sich als starker NOS-Lieferant positioniert habe. „Ich habe für den Handel auf mein Risiko neben der Vororder auch viel Standard- und Modeware produziert, die jetzt abgerufen werden kann.“ Nach wie vor kämen Container mit Ware an. Seit Schließung der Geschäfte habe er „zwei Millionen Teile vor der Brust, die ich letztes Jahr abgesetzt habe und bei denen ich dieses Jahr keine Absatzchancen habe.“ Hinzu komme, dass das „Kernprodukt Hemd“ derzeit nicht sehr angesagt sei, da formelle Kleidung nicht gebraucht werde. „Meine Zielgruppe ist von Kurzarbeit betroffen oder sitzt im Home Office mit T-Shirt und Kapuzenpulli“, so Bezner. Das Onlinebusiness seines Unternehmens sei nicht ansatzweise in der Lage, entscheidend zum Geschäftserfolg beizutragen. „Wer derzeit profitiert, das sind die Online-Giganten, die holen gerade die Preiskeule raus“, so Bezner.  

 
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Petra Steinke / 25.06.2020 - 09:00 Uhr

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