schuhkurier Umfrage

Kinderschuhe & Corona: Was den Handel bewegt

Kinderschuhe gehörten in der akuten Corona-Phase zu den positiven Überraschungen für viele Händler. (Foto: Unsplash)
Kinderschuhe gehörten in der akuten Corona-Phase zu den positiven Überraschungen für viele Händler. (Foto: Unsplash)

In den zurückliegenden Jahren dachten viele Händler über die Schließung ihrer Kinderschuhabteilung nach. Dann kam Corona. Hat sich die Meinung der Händler geändert?

„Kinderschuhe waren das erste, was wieder anlief und auch während des Shutdown an der Ladentür verkauft wurde“, berichtet der Soester Schuhhändler Marc Schreiber. „Wir konnten einige Mütter und ihre Kinder glücklich machen, die bei 20 Grad in dicken (meist zu kleinen) Winterbotten vor uns standen und dringend was leichteres in der nächsten Größe suchten.“ Vor diesem Hintergrund habe er mit Kinderschuhen sogar ein kleines Plus im Vergleich zum Vorjahr erzielen können, auch, weil man viele Pakete an Kunden verschickt habe. Ein Problem sei es gewesen, gemeinsam mit den Müttern am Telefon die richtige Größe zu finden.

Pia Jorda von „Pia’s Schuhecke“ in Elz berichtet, der Lockdown habe sie anfangs in eine „Schockstarre“ versetzt. „Wir verkaufen schon seit fünf Jahren online und haben über Sabu.de ein virtuelles Schaufenster, aber Kinderschuhe, vor allen Dingen die ersten, da wollen Eltern und Großeltern an die Hand genommen werden“, so die Händlerin. Sie habe daher eine telefonische Sprechstunde eingeführt. „Über Whatsapp und Video haben mir Eltern ihre Fotos und Filme von den Füßen der Erstläufer geschickt. Danach habe ich eine Auswahl zusammengestellt und diese konnte unter Einhaltung aller Hygienemaßnahmen bei mir abgeholt werden. Alternativ habe ich geliefert.“ Bei größeren Kindern konnte auf die Kundenkartei zurückgegriffen werden. „Ich bat die Kunden, mir die Innensohlen des zuletzt bei uns gekauften Schuhs zu fotografieren und per Whatsapp zu schicken, und dann legte ich mit einem individuellen Shooting los. Die Kundinnen haben mir dann mitgeteilt, welche Modelle ihr Kind anprobieren möchte“, so Jorda. Dieser Service habe sich bei den Müttern sehr schnell herumgesprochen; sie habe sich vor Anfragen kaum retten können. Corona habe ihr „einige neue Kundinnen für Kinderschuhe gebracht und auch nach dem Lockdown sind viele Beziehungen nicht abgebrochen“, so Jorda.

Daniela Mohrwinkel blickt mit gemischten Gefühlen zurück auf den Lockdown: „Da im Kinderschuhbereich eine umfassende Beratung erforderlich ist, war das in Zeiten von Corona besonders schwierig“, schildert die Händlerin aus Sottrum. Man habe den Kunden die Möglichkeit gegeben, über schuhe.de zu bestellen; zudem war das Sortiment auf der Homepage des Unternehmens sichtbar. Im Schaufenster wurden alle Schuhe nummeriert, so dass Kunden per Mail bestellen konnten. Das Team des Schuhhauses stellte eine Auswahl an Modellen zusammen, die dann zuhause probiert werden konnten. Nach dem Lockdown war, so die Händlerin, noch eine deutliche Zurückhaltung bei den Kunden spürbar, so dass der Service des Zuhause-Anprobierens beibehalten wurde. „Unter Einhaltung der Abstandsregeln und der Hygiene-Maßnahmen ist es eben doch ein anderes Einkaufen“, so die Händlerin. Andererseits habe sie viel Unsicherheit bei den Eltern wahrgenommen. Der Kinderschuhkauf brauche den Blick des Fachpersonals. „Die größten Probleme lagen darin, dass eine Anprobe und Beratung vor Ort lange nicht möglich war und das sind nun mal die Voraussetzungen, um einen richtig passenden, gut sitzenden Kinderschuh zu verkaufen.“

Eine „sehr positive Resonanz“ habe man in der Corona-Krise erfahren, berichtet Josef Walbert-Jacobs, Schuhhändler aus Aachen. „Wir haben unser Kinderschuhsortiment über Whatsapp angeboten, Schuhe ausgeliefert oder abholen lassen. Unser ehrliches Schuheverkaufen in den letzten Jahren hat sich ausgezahlt. Wir haben als Fachgeschäft auch einige Neukunden gewinnen können.“ Probleme habe es kaum gegeben, lediglich Nachlieferschwierigkeiten bei einigen Lieferanten. Beim Trierer Schuhhändler Rudolf Berg (Der kleine Berg) hat die Corona-Krise vor allem dem Onlineshop, den das Unternehmen bereits seit elf Jahren betreibt, Aufschwung gebracht. Dieser sei deutlich stärker regional beachtet und genutzt worden.

Über treue Kunden freut sich Rainer Schmidt vom gleichnamigen Schuhhaus in Gladenbach. „Viele Stammkunden haben gewartet.“ Online seien Kinderschuhe nicht zu verkaufen, findet der Unternehmer. „Die Retourenquote ist viel zu hoch.“ Im Gegensatz zu den anderen Warengruppen sei der Schwung im Kinderschuhbereich durchgehend normal gewesen, berichtet Schmidt.

Birgit Tilgner von Zazoo Kinderschuhe in Hamburg resümiert: „Kinderschuhe werden doch viel lokal gekauft; die Kunden schätzen die Beratung!“ Positiv überrascht habe sie die Treue vieler Kunden. „Durch die Kontaktbeschränkungen haben wir mit Terminen gearbeitet, was sehr gut angenommen wurde.“ Online sei für sie keine Alternative, erklärt die Händlerin: „Online ist Beratung bei Kinderschuhen eigentlich unmöglich. Wenn es der gleiche Schuh in einer anderen Größe oder Farbe sein sollte, war das kein Problem. Ansonsten ist es sehr, sehr schwierig.“

Der Schuhhändler Jochen Schneider hat direkt nach dem Lockdown ein sehr starkes Kindergeschäft erlebt. „Hier war Nachholbedarf vorhanden.“ Positiv überrascht habe ihn die Sorglosigkeit vieler Eltern beim Kinderschuhkauf: „Es herrschten bei der Mehrheit keine Bedenken wegen des relativ nahen Kontakts etwa beim Vermessen der Füße oder beim Anprobieren.“ Allerdings finde inzwischen nur noch Bedarfsdeckung statt. Die Mode spiele sich ausschließlich im Sportschuhbereich ab. Er diskutiere daher sehr leidenschaftlich mit seinem Team, ob die Kinderschuhabteilung aufgegeben werden sollte – zugunsten einer erweiterten Sportabteilung mit Größen ab 30.

Steffi Harrer vom gleichnamigen Schuhhaus im österreichischen Landeck hat gemeinsam mit ihrem Team einen Lieferservice angeboten, der speziell von Stammkunden intensiv genutzt wurde. „Teilweise wurden uns Schablonen von Kinderfüßen geschickt oder der Fuß abgemessen, so dass wir anhand dessen die Größe herausfinden konnten. Wir haben den Kunden Bilder zukommen lassen und ihnen die Schuhe zum Probieren vorbeigebracht. Viele waren über diesen Service sehr froh und sind bewusst dem Onlinekauf aufs dem Weg gegangen, um uns zu unterstützen.“ Obwohl der Onlinehandel für sie zum Problem wurde, weil er die größere Auswahl anbietet, sei es schön zu sehen gewesen, „dass manche Kunden gewartet und uns bewusst unterstützt haben“, so Harrer. Vereinzelt habe der Lockdown doch zum Nachdenken angeregt. „Wenn einige wieder bewusst mehr regional einkaufen, kann man vielleicht sogar etwas Positives aus der Situation ziehen.“

Fotos von Schuhen per Whatsapp, telefonische Beratung und die Auswahl für Zuhause, das waren auch die Serviceleistungen, mit denen Monika Sperl von Orthopädie Sperl im österreichischen Wels während des Lockdown bei den Kunden punkten konnte. „Alles in allem sehr hoher Arbeitsaufwand für sehr wenig Geld“, so die Händlerin. Ein Monat „Totalsperre“, das sei nicht wieder aufzuholen. Zwar seien die Verkaufszahlen vom Vorjahr im Mai und Juni gehalten bzw. sogar übertroffen worden; dennoch sei sie nicht sicher, ob sie das Kinderschuhsegment vielleicht doch streichen solle, so die Händlerin: „Zu viel Aufwand für zu wenig Rentabilität unterm Strich.“

Den vollständigen Artikel lesen Sie in der aktuellen Ausgabe von schuhkurier - digital und als Print-Magazin!

Login für Abonnenten
Sie möchten alle Inhalte lesen?
  • Website-Login
  • E-Paper-Zugang
  • Alle Newsletter
Petra Steinke / 29.07.2020 - 15:48 Uhr

Weitere Nachrichten

Schuhhändler Marcus Höhne (Foto: M. Höhne)

Was bewegt Sie, Marcus Höhne?

schuhkurier-Podcast

Die Corona-Krise noch in den Knochen, kam schon die nächste. Die Hamburger Schuhhändlerfamilie Höhne (Schuhhaus Hittcher) bekam hautnah die Auswirkungen mit. Trotzdem zeigt sich Marcus Höhne im Podcast-Gespräch mit schuhkurier zuversichtlich: Es gebe eben doch viele Chancen.