Kommentar von Helge Neumann

Kommentar: Bemerkenswert

Helge Neumann (Foto: Redaktion)
Helge Neumann (Foto: Redaktion)

Jens Beining gewährte bemerkenswerte Einblicke in das Innenleben des Schuhunternehmens. Und der Wortmann-Chef nahm kein Blatt vor den Mund. Vor allem die Vermieter bekamen ihr Fett weg. 

Mit dem Modehandelskongress ist es so eine Sache. Die Relevanz der Veranstaltung steht und fällt mit den Referenten. Spannende Vorträge wechseln sich in der Regel mit eher seichten Beiträgen ab. Das liegt in der Natur des Formats, schließlich kann nicht jeder Top-Manager aus der Fashionbranche ein begnadeter Redner sein.
In diesem Jahr hatten die Zuhörer Glück. Unter Corona-Bedingungen wurde ihnen eine ganze Reihe von digitalen Keynotes und Panel-Talks mit interessanten Denkanstößen und persönlichen Erfahrungsberichten geboten. Für „Bullshit-Bingo“ blieb glücklicherweise kaum Zeit. Gut so. 

Der Fokus des zweitägigen Events lag wie gewohnt auf dem Bekleidungshandel. Schuhe fristen auf dem Modehandelskongress traditionell ein Dasein als Mauerblümchen. Dabei erwies sich jedoch insbesondere ein „Schuh-Beitrag“ als besonders eindringlich: Jens Beining gewährte bemerkenswerte Einblicke in das Innenleben des Schuhunternehmens in den vergangenen Monaten. Und der Wortmann-Chef nahm kein Blatt vor den Mund. Vor allem die Vermieter bekamen ihr Fett weg. Es habe ihn „entsetzt“, mit welcher Arroganz so mancher Großvermieter agiere. Hochmut komme jedoch vor dem Fall, so Beining. Die Mieten, die vor Corona vereinbart wurden, seien nicht mehr haltbar. „Es wird auf Vermieterseite noch ein böses Erwachen geben.“ Mit diesem klaren Worten dürfte der Unternehmer vielen Händlern aus der Seele gesprochen haben, die ähnliche Erfahrungen machen mussten. 

Jens Beining erklärte außerdem, warum Wortmann die Ausnahme von der  Regel ist. In Detmold hat man sich  nämlich bewusst gegen das Instrument der Kurzarbeit entschieden. Das habe viele verwundert – auch intern. „Corona ist ein Brandbeschleuniger. Was sonst in drei Jahren passiert wäre, passiert jetzt in fünf Monaten.“ Vor diesem Hintergrund müssten Projekte und Umstrukturierungen deutlich schneller und nicht langsamer umgesetzt werden. Jens Beining: „Darum musste die ganze Kraft im Unternehmen bleiben.“ Das leuchtet ein. Und mit dieser Strategie dürfte Wortmann tatsächlich gute Chancen haben, die Krise zu überstehen und vielleicht sogar gestärkt aus ihr hervorzugehen. 

Ganz klar: Nicht jedes Unternehmen kann es sich leisten, auf Kurzarbeit zu verzichten. Dafür ist der Kostendruck zu hoch. Einen wichtigen Anstoß kann das Vorgehen der Detmolder trotzdem bieten. Es gilt heute mehr denn je, an das Morgen zu denken und neben dem Überlebensmodus auch die Strategieplanung nicht zu vernachlässigen. Das ist hart. Aber die Anstrengung wird sich lohnen.

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Helge Neumann / 03.12.2020 - 09:17 Uhr

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