Kommentar von Petra Steinke

Kommentar: Drei plus

Petra Steinke (Foto: Redaktion)
Petra Steinke (Foto: Redaktion)

Um die Zukunft unserer Städte zu gestalten, müssen alle auf den Plan: Politik, Stadtentwicklung, Handel, Gastronomie und Kulturschaffende.

Kürzlich war ich mal wieder in meiner Heimatstadt. Nur um ein bisschen zu bummeln und zu schauen, was sich im Laufe der Zeit verändert hat. Ich bin in den letzten Jahren immer mal wieder dort gewesen, meist aber auf die Schnelle. Jetzt aber hatte ich Gelegenheit, alles einmal in Ruhe auf mich wirken zu lassen. Einige der Ecken, die mir als Kind schon vertraut waren, sind immer noch da. Auch Geschäfte. Da kamen manche schönen Erinnerungen hoch. Vieles aber ist anders, manches richtig schäbig, lieblos, alt. Und vieles ist einfach weg. 

Der Blick, mit dem ich – wie alle aus unserer Branche – durch Innenstädte gehe, ist oft streng. Wir sehen den Strukturwandel, die Standortentwicklung, die immer gleichen Konzepte, die Uniformität. Der normale Verbraucher sieht vielleicht nicht alle Details, die wir wahrnehmen. Aber er fühlt sie dennoch. So lässt sich erklären, dass Menschen den deutschen Innenstädten seit Jahren eine Schulnote von 3+ geben. Sie wissen selbst aus eigener Erfahrung: Das reicht zwar, um nicht ins Defizit zu schlittern oder sitzen zu bleiben. Aber es ist doch weit weg von „sehr gut“. 

Was auch vor Corona schon problematisch war, ist jetzt dramatisch. Große Filialisten in Schutzschirmverfahren, Geschäftsaufgaben, geschlossene Restaurants – es gibt wenig, das Lust macht, in die Stadt zu gehen. In einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur erklärte der Chef des  Verbraucherzentrale Bundesverbands (vzbv), Klaus Müller, vor kurzem, es seien kreative Lösungen nötig, um „neue Innenstädte“ zu entwickeln. Dort sollten neben dem Handel auch Gastronomie und Veranstaltungen eine viel größere Rolle spielen als bisher. 

Um die Zukunft unserer Städte zu gestalten, müssen alle auf den Plan: Politik, Stadtentwicklung, Handel, Gastronomie und Kulturschaffende. Der Präsident des Deutschen Städtetages und Oberbürgermeister Leipzigs, Burkhard Jung, wünscht sich „wieder mehr Wohnen und Arbeiten“ in der Innenstadt. Er glaubt fest daran, dass „Handwerk, Dienstleistungen, Möbel- oder Baumärkte und Lebensmitteldiscounter wieder in die Innenstädte zurückkehren“ werden. Der Verbraucherzentralen-Chef sieht darüber hinaus auch neue Formate wie Eventbühnen, Treffpunkte für Vereine oder Verbände, Modenschauen und Messen in den „neuen Innenstädten“.

Wer jetzt spontan abwinkt, weil wir noch mittendrin sind im Pandemie Geschehen, sollte innehalten: Wenn Konzepte für die Zukunft entstehen, dann doch wohl jetzt – wann sonst? Wenn mit Ideen für die dringend nötige Veränderung gewartet wird, bis der Strukturwandel im stationären Handel abgeschlossen ist, wird auch der letzte Stationär-Shopper ins Internet abgewandert sein. Dann ist es zu spät. Auch für meine Heimatstadt.

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Petra Steinke / 25.08.2020 - 09:21 Uhr

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