Kommentar von Helge Neumann

Kommentar: Sonntags öffnen

Helge Neumann (Foto: Redaktion)
Helge Neumann (Foto: Redaktion)

Der Handel kann jede Form der Unterstützung sehr gut gebrauchen. Das können auch verkaufsoffene Sonntage sein. Jeder Tag zählt, um das Umsatzminus bis zum Jahresende auf ein erträgliches Maß reduzieren zu können.

Die Zeit läuft. Es gibt viel aufzuholen. Die Lockdown-Monate März und April lasten weiter bleischwer auf den Unternehmen der Schuh- und Modebranche. Von „Normalität“, wie man sie vor Corona kannte, keine Spur. Die Konsumlaune ist fragil, die deutschen Verbraucherinnen und Verbraucher reagieren sehr sensibel auf das aktuelle Infektionsgeschehen. In dieser Situation kann der Handel jede Form der Unterstützung sehr gut gebrauchen. Das können auch verkaufsoffene Sonntage sein. Jeder Tag zählt, um das Umsatzminus bis zum Jahresende auf ein erträgliches Maß reduzieren zu können.

Vielerorts kommt es jedoch gar nicht soweit. Insbesondere Verdi hat es sich zur Aufgabe gemacht, überall dort gegen Sonntagsöffnungen vorzugehen, wo es Lücken in der Planung gibt. Das betrifft vor allem den gesetzlich vorgeschriebenen Anlassbezug, der in Corona-Zeiten besonders schwer zu erfüllen ist. Die Erfolgsquote der Gewerkschaft ist groß, viele Genehmigungen werden durch Gerichtsurteile wieder kassiert. Das ist ärgerlich. Händler, die bereits mitten in den Vorbereitungen für den zusätzlichen Verkaufstag stecken, müssen diese kurzfristig wieder einstampfen. Unternehmer und auch die Beschäftigten verdienen mehr Verlässlichkeit. 

„Wir klagen nicht, um andere zu ärgern“, sagt Gewerkschaftsfunktionär Orhan Akman im Interview mit schuhkurier. Es gehe Verdi vielmehr um die Einhaltung des Grundgesetzes. Ein wichtiges Prinzip. In der aktuellen Lage ist allerdings ein wenig mehr Entgegenkommen und Verständnis für die Interessen des Handels durchaus angebracht. Und letztlich auch im Interesse vieler Beschäftigter. Was bringt es Verdi, rigoros gegen Sonntagsöffnungen vorzugehen und damit zugleich die Bemühungen zahlreicher Unternehmen, die um ihre Existenz kämpfen, zu untergraben? Weitere Insolvenzen im Handel können schließlich weder im Interesse der Gewerkschaft noch der Beschäftigten sein.

Orhan Akman hat jedoch zugleich Recht, wenn er sagt, dass verkaufsoffene Sonntage nicht die strukturellen Probleme des stationären Handels lösen können. Im Wettbewerb mit dem Onlinehandel kommt es laut Akman vielmehr auf den Erhalt des Kulturguts „Lebendige Innenstadt“ an. Wo die Aufenthaltsqualität gering ist, kommt auch sonntags keine Shopping-Atmosphäre auf. Doch gerade diese Attraktivität ist in diesen Tagen akut bedroht. Das stellt etwa der sogenannte „Rat der Immobilienweisen“ in seinem aktuellen Herbstgutachten nochmals fest. Werde jetzt nicht gehandelt, fahre der Handel gegen die Wand, so das Fazit der Forscher. 

Gewachsene Handelsstrukturen erhalten – auf diesen gemeinsamen Nenner sollten sich alle Akteure der Stadtgesellschaft verständigen. Das schließt auch die Gewerkschaften ein. Und anschließend gilt es, vor Ort konkrete Maßnahmen zu erarbeiten – ohne Tabus. 

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Helge Neumann / 17.09.2020 - 09:16 Uhr

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