Kommentar von Helge Neumann

Kommentar: Spiel auf Zeit

Helge Neumann (Foto: Redaktion)
Helge Neumann (Foto: Redaktion)

Es ist bemerkenswert, dass es in den vergangenen Monaten nicht zu weitaus mehr Insolvenzen gekommen ist.

Die Corona-Krise ist eine Zäsur. Die Pandemie verändert nicht nur das Leben der Menschen weltweit, sondern hat auch massive Auswirkungen auf das Wirtschaftssystem. Die Krise wirkt in Branchen, die sich wie der Schuhhandel bereits vor dem Ausbruch von Corona in einer Phase des Wandels befunden haben, wie ein Brandbeschleuniger. Nahezu über Nacht wurden die Firmen vor Herausforderungen ungeahnten Ausmaßes gestellt. 

Das hat so manches Unternehmen überfordert – entweder weil die wirtschaftlichen Probleme bereits vor März 2020 groß waren oder weil Frequenz und Umsätze im Zuge von Lockdown, Maskenpflicht und Konsumzurückhaltung in einem Maße wegbrachen, das nicht dauerhaft zu kompensieren war. Entsprechend lang ist die Liste derjenigen Betriebe, die in den vergangenen Wochen und Monaten ein Insolvenzverfahren eingeleitet haben. Hunderte von Filialen sind betroffen, tausende Mitarbeiter bangen um ihre Arbeitsplätze, Inhaber und Geschäftsführer kämpfen um das wirtschaftliche Überleben. Das erfordert von allen Beteiligten viel Kraft und Energie.

Unabhängig von den Einzelfällen ist es jedoch bemerkenswert, dass es in den vergangenen Monaten nicht zu weitaus mehr Insolvenzen gekommen ist. Laut dem Wirtschaftsinformationsdienst Creditreform ist die Anzahl der Insolvenzen im Handel im ersten Halbjahr im Vergleich zum Vorjahr sogar deutlich gesunken. 

Dies ist in erster Linie auf zwei Maßnahmen der Bundesregierung zurückzuführen: zum einen auf die Aussetzung der Insolvenzantragspflicht, die zunächst bis Ende September gilt und über deren mögliche Verlängerung aktuell kontrovers diskutiert wird. Hinzu kommen die Finanzmittel der KfW-Bank, die allen handwerklichen Fehlern zum Trotz in vielen Unternehmen zumindest übergangsweise für eine Entspannung sorgen.

Doch was kommt im Herbst? Werden wir tatsächlich von einer „Pleitewelle“ überrollt, wie sie manche Experten vorhersagen? Vermutlich wird die deutsche Regierung es nicht so weit kommen lassen. Im kommenden Jahr stehen Bundestagswahlen an, und kein Politiker dürfte sich dann mit spektakulären Insolvenzen und zunehmender Arbeitslosigkeit konfrontiert sehen wollen. Letztlich handelt es sich jedoch um ein Spiel auf Zeit. Früher oder später werden die Finanzhilfen wahrscheinlich zurückgezahlt werden müssen. In der Folge wird die Anzahl der Unternehmenspleiten deutlich steigen. Umso wichtiger ist es, sich bereits heute mit einem solchen Szenario zu beschäftigen und dabei auch eine Insolvenz in Eigenverwaltung nicht kategorisch auszuschließen. Wichtig sind die übergeordneten Ziele: Schäden begrenzen und Perspektiven erhalten. 

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Laura Klesper / 28.08.2020 - 09:29 Uhr

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