Kommentar von Petra Steinke

Kommentar: Stilfragen

Petra Steinke (Foto: Redaktion)
Petra Steinke (Foto: Redaktion)

Das Phänomen der männlichen Konsumverweigerung hat vielen Menschen in der Fashion-Branche schon vor Corona tiefe Sorgenfalten in die Stirn gegraben. Jetzt ist alles noch schlimmer.

„Ich würde mich niemals ’modisch‘ kleiden. Es geht nicht um Mode, es geht um Stil. Ein schöner Nebeneffekt ist dann auch, dass man nicht aus der Mode geraten kann.“ Dieses Statement stammt von Sascha Pietsch, der den Blog Horstson gegründet hat. Wohlgemerkt einen Männermodeblog. Die ambitionierte Haltung zum eigenen Outfit teilt Pietsch mit einer eher überschaubaren Gruppe von Männern. Die allermeisten legen – leider – keinen gesteigerten Wert auf Stil oder gar Mode. Sie kaufen nach Bedarf. Das Kleidungsstück muss passen und bequem sein. Es muss mit dem Rest der Garderobe kombinierbar, pflegeleicht und praktisch sein. Fertig. Und selbst bei diesen bewältigbaren Vorgaben ist die männliche Kauflust noch gering ausgeprägt. Es muss alles möglichst schnell gehen, und keinen großen Aufwand mit sich bringen. Anprobieren, zur Kasse, nach Hause. 

Oder online bestellen, passt, Haken dran. Das Phänomen der männlichen Konsumverweigerung hat vielen Menschen in der Fashion-Branche schon vor Corona tiefe Sorgenfalten in die Stirn gegraben. Jetzt ist alles noch schlimmer. Denn nun hat sich der Bedarf massiv verändert. Man arbeitet im Home Office. Meetings finden digital statt. Und auch im privaten Umfeld ist vieles anders: Hochzeiten, Abiturfeiern, Kommunion und Silberhochzeit – wenn überhaupt, trifft man sich bei solchen Events im kleinen Kreis. Es gibt also kaum Gründe, einen neuen Anzug, ein modisches Hemd, ein Paar neue Schuhe zu kaufen. Stilfragen erscheinen angesichts dessen zurzeit fast bedeutungslos. Und Mode erst recht.

Auf der anderen Seite sind Freizeitaktivitäten wichtiger, man will raus und sich bewegen – im Garten, in der Natur. Der Megatrend der Casualisierung hat durch Corona nochmals an Kraft gewonnen. Das zeigt auch der Blick auf das Herrenschuh-Ranking in dieser Ausgabe. Der Markt wird von Marken dominiert, die im Casual-Bereich traditionell eine wichtige Rolle spielen. Und daran dürfte sich auch in den kommenden Saisons wenig ändern. Sneaker, Sneaker-Hybride, softe Sohlen, profilierte Böden, weiche Obermaterialien und flexible Schnitte dominieren die Schuhkollektionen für F/S 2021. Lässige Looks, sportive Hosen und leichte Jacken geben in der Bekleidung den Ton an. Klassische Anzüge mit Brogues oder Oxfords muss man dagegen lange suchen.

Spätestens jetzt gilt es für jedes Unternehmen – in der Industrie ebenso wie im Handel –, sein Profil mit Blick auf den männlichen Kunden zu schärfen und nachzujustieren. Am Markt oder besser: am Mann vorbei agieren, funktioniert nicht. Wenn sich der Bedarf verändert hat, muss dem Rechnung getragen werden. Und wenn (Business-)Mode nicht so wichtig ist, ziehen vielleicht  andere Themen. Das macht Arbeit bei der Kollektionsentwicklung und im Einkauf. Aber es ist alternativlos. 

Login für Abonnenten
Sie möchten alle Inhalte lesen?
  • Website-Login
  • E-Paper-Zugang
  • Alle Newsletter
Petra Steinke / 20.08.2020 - 09:28 Uhr

Weitere Nachrichten