„Bonität der Branche ist seit Jahren unterdurchschnittlich“

Kreditversicherer warnt vor Zerreißprobe

Ron van het Hof, CEO von Euler Hermes (Foto: Euler Hermes)
Ron van het Hof, CEO von Euler Hermes (Foto: Euler Hermes)

Der stationäre Modehandel erlebe ein rabenschwarzes Jahr, teilt der Kreditversicherer Euler Hermes mit. Das Weihnachtsgeschäft werde für die Branche zu einer „Zerreißprobe“.

„Insgesamt sind acht große textile Einzelhändler in den ersten neun Monaten des Jahres in die Insolvenz geschlittert“, sagt Ron van het Hof, CEO von Euler Hermes in Deutschland, Österreich und der Schweiz. „Das sind fünf mehr als im Vorjahreszeitraum, das ist eine Zunahme um rund 166%. Auch im Non-Food Einzelhandelssektor gab es 2020 vier weitere große Pleiten. Dies ist insofern besonders besorgniserregend, weil es entgegen dem bisherigen Insolvenztrend in Deutschland ist, der zuletzt noch eine deutlich rückläufige Entwicklung bei den Fallzahlen zeigte. Neben der Liquidität wird insbesondere eine maßgeschneiderte Multichannel-Strategie immer stärker zum Erfolgsfaktor. Wer auch online kann, kommt jetzt besser durch die Krise.“

Modehandel verliert 12 Mrd. Euro Umsatz

Deutliche Umsatzeinbußen werden allerdings fast alle Branchenteilnehmer hinnehmen müssen: „Für 2020 erwarten wir Umsatzverluste von rund 12 Mrd. Euro im Bekleidungseinzelhandel“, sagt Aurélien Duthoit, Senior Branchenanalyst bei Euler Hermes. „Nach dem drastischen Einbruch während des Lockdowns im März und April, haben sich die Umsätze zwar sukzessive erholt, allerdings sind sie mit -26% von Januar bis September deutlich unter dem Vorjahresniveau. Unterschiede zwischen Bekleidung und Accessoires gibt es dabei kaum. Geht man für den restlichen Jahresverlauf davon aus, dass der Umsatz weiterhin rund 10% unter Vorjahresniveau bleibt, ergibt sich für das Gesamtjahr ein Minus beim Umsatz von etwa 19% zurückgehen, das entspricht etwa 12 Mrd. Euro.“

Krisengewinner Onlinehandel

Der Onlinehandel legte bei den Umsätzen von Januar bis August 2020 laut Euler Hermes um insgesamt 22% zu. Zwar habe sich der rasante Zuwachs seit Juni mit den Lockerungen etwas verlangsamt, allerdings dürften Umsätze im Gesamtjahr 2020 um satte 18% zulegen im Vergleich zu 8% im Jahr 2019. Die Aussichten im E-Commerce seien auch für 2021 gut. Zwar erwarten die Euler Hermes Experten kein erneutes Rekordjahr wie 2020, aber mit rund +10% Umsatzwachstum dürfte auch 2021 deutlich über dem Langzeitdurchschnitt von 7 bis 8% liegen. „Viele Verbraucher haben in diesem Jahr ihre Konsumgewohnheiten drastisch verändert“, sagt Duthoit. „Auch vorher nicht online-affine Verbraucher kaufen plötzlich verstärkt im Netz. Wenn sie dort zufrieden sind – und die Onlinehändler tun alles dafür, dass das der Fall ist – könnten sie eventuell für den stationären Handel nachhaltig verloren sein. Dafür müssen die Einzelhändler in Zukunft passende Konzepte entwickeln, um sie wieder zurück zu locken.“

Weihnachtsgeschäft wird entscheidend

Neben zahlreichen Sorgenkindern gibt es nach Angaben des Kreditversicherers im stationären Handel allerdings auch einige Unternehmen, die sehr gut aufgestellt sind. „In jeder Krise gibt es Gewinner und Verlierer“, sagt Van het Hof. „Die Krise, in diesem Fall Covid-19, wirkt dabei wie ein Katalysator und verstärkt die Wirkung in beide Richtungen. Zu den Gewinnern gehören Unternehmen, die ihre Strategie, Zielgruppe und Kostenstruktur kennen und deren Geschäftsmodell nicht nur auf einem Standbein steht. Wer sich schon vor der Pandemie gut auf den Strukturwandel vorbereitet und investiert hatte, konnte vom Online-Boom in Zeiten von Covid profitieren. Wer diesen Trend verpasst hat, dürfte noch weiter abgehängt werden und hängt am seidenen Faden.“ Ob dieser Faden reiße oder nicht, hänge nun vor allem am Weihnachtsgeschäft, denn der bisherige Jahresverlauf habe bereits deutliche Spuren in der Branche hinterlassen. „Die traditionell eher umsatzschwache Saure-Gurken-Zeit von Januar bis März ist lang und wird für einige Unternehmen zu einer Zerreißprobe“, sagt Van het Hof. „Die Bonität der Branche ist seit Jahren unterdurchschnittlich. 2020 war für viele ein verlorenes Jahr und sie setzen jetzt auf 2021. Aber nur wer jetzt wenigstens im Weihnachtsgeschäft ein kleines Polster anlegen kann, wird sich bis zum Frühjahrsgeschäft über Wasser halten können. Und auch Weihnachtsgeschenke werden in diesem Jahr voraussichtlich eher online gekauft als im Laden. Es wird also weiterhin Insolvenzen geben – aber auch einige, die sich mit dem Weihnachtsgeschäft in eine gute Ausgangssituation für das kommende Jahr bringen können.“

 
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Helge Neumann / 10.11.2020 - 09:18 Uhr

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