Podiumsdiskussion auf dem Bequemschuh-Symposium

„Mit einem blauen Auge davongekommen“

Podiumsdiskussion auf dem Bequemschuh-Symposium 2020 (Foto: Berkemann)
Podiumsdiskussion auf dem Bequemschuh-Symposium 2020 (Foto: Berkemann)

„Wie kann der Handel in Corona-Zeiten bestehen?“ Diese Frage erörterte eine Talk-Runde auf dem Bequemschuh-Symposium 2020, das Ende Oktober in Zeulenroda stattfand. 

Die Teilnehmer der Diskussionsrunde waren Stephan Krug (SABU-Geschäftsführer), Thomas Bauerfeind (Geschäftsführer Berkemann-Gruppe), Georg Wessels (Schuhhaus Georg Wessels GmbH Vreden) und Georg Seeßle (Seeßle Fußgesund GmbH, Erding). Die Fragen an die Runde stellte Moderator Prof. Andreas Kaapke (DHBW, Stuttgart). 

Kaapke: Wie sind Sie durch die erste Welle gekommen?

Seeßle: An den einzelnen Standorten unterschiedlich, in den städtischen Bereichen ist der Umsatz massiver eingebrochen, hat sich aber auch schneller wieder erholt als auf dem Lande. Momentan läuft es gut, aber die Mitarbeiter sind angesichts vieler belastender Umstände erschöpft. 

Kaapke: Sie sind doch größtenteils im Rezeptgeschäft; warum dennoch ein Einbruch?

Seeßle: Weil Mitnahme-Effekte bei anderen Artikeln ausblieben und weil die Arztpraxen leer standen. 

Wessels: Bei uns lief es ähnlich. Hinzu kam, dass wir das 275-jährige Bestehen unserer Firma einschließlich deren Übergabe an die nächste, die neunte Generation ganz groß feiern wollten. Wir hatten – als Übergrößenspezialist – die 15 größten Menschen der Welt eingeladen, begonnen, Schuhe für sie anzufertigen, Flüge gebucht… Der Sonderverkauf Anfang März war noch ein großer Erfolg, wenige Tage später dann der Lockdown.

Kaapke: Und steht die neunte Generation trotz der aktuellen Turbulenzen zum Geschäft?

Wessels: Das ist keine Frage. Unsere Vorfahren haben schon so viel überstanden, Stadtbrände, Seuchen, Kriege – da geben wir uns nicht geschlagen.

Kaapke: Herr Krug, wie reagiert eine Verbundgruppe auf die gegenwärtige Situation?

Krug: Natürlich haben wir Notfallhandbücher, aber so eine Pandemie wie die durch Corona war da nicht aufgeführt. Unsere Banken haben schnell die Systematik erkannt und Geld am Kapitalmarkt besorgt. Dadurch konnten sowohl die Händler entlastet als auch die Lieferanten bezahlt werden. In Phase zwei ging es darum für die Händler als starker Partner aufzutreten. Das heiß nicht, pauschale Lösungen festzulegen, sondern ein flexibles Miteinander zwischen Handel und Lieferanten zu organisieren. In der nächsten Etappe, waren wir vor allem Informationsplattform für unsere Händler, was bei den vielen föderalen Regelungen sehr arbeitsaufwändig war. Auch die Wiedereröffnungen nach dem Lockdown haben wir begleitet und beispielsweise Hygienematerialien besorgt.

Kaapke: Wie hat der Lieferant die zurückliegende Zeit wahrgenommen, Herr Bauerfeind? 

Bauerfeind: Grundsätzlich hatten ja alle Hersteller, als es losging ein wenig Glück, weil sie ihren Teil ja größtenteils erledigt hatten. Wir als Berkemann-Gruppe mussten sicherstellen, dass wir operativ bleiben können und die Firma nicht runterfahren müssen. Anfangs haben die Paketdienste, wenn sie vor einer verschlossenen Ladentür gestanden hatten, die Ware ohne sich umzuschauen einfach retour gesandt. Wir haben aber jeden einzelnen Händler nach seiner Situation gefragt. Mit Rabatten hielten wir uns zurück, suchten aber nach partnerschaftlichen Lösungen. Produzieren konnten wir in Ungarn durchgehend, in Kroatien herrschte nur ein Tag Stillstand. Das Problem, so befürchte ich, steht hingegen vor uns: Die Frühlingsware liegt noch in den Geschäften.

Seeßle: Wovor ich mich angesichts der aktuellen Situation fürchte, ist eine Infektion in meinem Betrieb, ist der ganz rigorose Lockdown und sind die Krisen, die in den Familien hochkochen, wenn Firmen schließen müssen.

Kaapke: Lassen Sie uns eine Abschlussrunde drehen. Was bewegt Sie mit Blick auf 2021 am meisten? 

Bauerfeind: Unser Geschäftsjahr endet in diesen Tagen, wir sind mit einem blauen Auge davongekommen. Auch 2021 werden wir durchstehen, denn Probleme gab es schon immer. Barfuß laufen wird keiner.

Wessels: Um ein blaues Auge herzeigen zu können, müssten wir jetzt sogar etwas nachschminken. Und unser Jubiläum werden wir nachfeiern. Etwas Angst, nämlich Angst ums System, habe ich dennoch, wenn ich sehe, wie mit der Gießkanne riesige Beträge verteilt werden 

Seeßle: Sollte es einen neuen Lockdown geben, nutzen wir die Zeit, uns noch intensiver in die Digitalisierung einzuarbeiten und Mitarbeiter zu schulen.

Krug: Wir haben uns durch die Finanzkrise geholpert und hoffen nun, dass wir auch ohne tiefgreifenden Schaden über diese Krise hinwegkommen und die Widerstandsfähigkeit unserer Branche erhalten bleibt.
 

Einen ausführlichen Bericht vom diesjährigen Bequemschuh-Symposium in Zeulenroda lesen Sie in schuhkurier 46/2020. Zum ePaper bitte hier klicken.

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Helge Neumann / 12.11.2020 - 09:31 Uhr

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