Corona-Krise

Nina Kiesow: „Das Schlimmste, das einem als Händler passieren kann“

Nina Kiesow (Foto: Redaktion)
Nina Kiesow (Foto: Redaktion)

Shutdown im Lederwarenhandel: Nina Kiesow, Fachhändlerin aus Kleve und BLE-Präsidentin, sprach mit Lederwaren Report über ihre aktuelle Situation.

LR: Frau Kiesow, auf Facebook habe ich gesehen, dass Sie gerade Bestellungen bearbeiten und Pakete zusammenstellen.

Nina Kiesow: Stimmt. Das ist für mich noch eine sehr surreale Situation. Der Laden ist dunkel, die Ware ist da, und die Kunden dürfen nicht hinein und kaufen. Das ist das Schlimmste, das einem als Händler passieren kann. Bis einen Tag vorher konnte ich mir so etwas nicht vorstellen. Auch viele meiner Handelskollegen sind entsetzt.

 

LR: Was haben Sie an den letzten Tagen gemacht?

Nina Kiesow: Am Dienstag haben wir die Mitarbeiter in einer Betriebsversammlung informiert. Gestern dann führten wir erste Gespräche mit Lieferanten und dem Vermieter. Außerdem informierten wir die Kunden über Bestellmöglichkeiten während der kommenden Wochen. Da kommt viel auf einmal auf einen zu.

 

LR: Welche Unterstützung erhalten Sie von der Rexor, der Goldkrone und den Einzelhandelsverbänden?

Nina Kiesow: Die Verbände und die Verbundgruppen verschickten recht schnell Handlungsempfehlungen. Das war ganz gut. Die Frage bei Krediten ist natürlich: Wann soll der Händler die zurückzahlen? Die Frühjahr/Sommer-Saison fällt ja komplett aus.

 

LR: Wie lange können Sie bzw. die Fachhändler durchhalten?

Nina Kiesow: Der eine Händler hat mehr Finanzkraft, der andere weniger. Ich würde mal sagen, vier bis sechs Wochen höchstens. Darüber hinaus wird es extrem schwer.

 

LR: Was machen Ihre Mitarbeiter aktuell?

Nina Kiesow: Zwei Mitarbeiterinnen schließen heute und morgen noch letzte Aufgaben ab. Dann werden sie wie die alle weiteren Mitarbeiterinnen ihren Urlaub vorziehen. Unsere Mitarbeiter unterstützen uns sehr, das ist toll.

 

LR: Wie verlaufen die Gespräche mit den Lieferanten?

Nina Kiesow: Weil das Geschäft geschlossen ist, können wir jetzt ja keine Ware mehr annehmen. Einige Lieferanten schicken von sich aus schon nichts mehr, andere sind so kulant, dass sie Stornierungen akzeptieren. Dabei geht es vor allem um Koffer für das geplante Ostergeschäft. Ein Taschenlieferant storniert alle Aufträge für Frühjahr/Sommer und lagert die Ware ein. Nach der Krise kann die Ware dann gegen Vorkasse abgerufen werden. Das finde ich eine gute Lösung. Mit Schuhlieferanten sprach ich bisher kaum. Die Frühjahr/Sommer-Ware habe ich ja im Haus. Leider… 

 

LR: Der HDS/L sagt, dass bestellte Ware nicht storniert werden könne.

Nina Kiesow: Was nützt es Lieferanten, die Ware jetzt zu schicken und der Händler kann sie nicht bezahlen? Da müssen partnerschaftliche Lösungen her. Für die Herbst/Winter-Ware kann ich die Position aber nachvollziehen. Dann werden wir hoffentlich ja wieder verkaufen dürfen. Und man sagt ja immer, dass in jeder Krise auch eine Chance liegt.

 

LR: Wie könnte diese aussehen?

Nina Kiesow: Ich hoffe, dass wir umdenken und von der Übersättigung der Märkte wegkommen. Der Warendruck der Lieferanten muss nachlassen. Dann hätte diese existenzbedrohende Zeit – wenn wir sie überstehen – wenigstens etwas Gutes.

 

LR: Wie wird der Handel nach der Corona-Krise aussehen?

Nina Kiesow: Einerseits profitiert aktuell der Online-Handel, aber auch dort gibt es Händler mit hohen Einbußen. Daher glaube ich an den stationären Handel. Der Kunde holt sich bei uns die Lust auf Shopping, auch wenn er später das eine oder andere online einkauft. Bei uns nehmen die Kunden die Marken wahr. Deshalb leiden Online-Modehändler gerade auch unter Umsatzeinbußen.

Generell wird sich der Trend verstärken, dass die Bereiche Textil, Schuhe und Lederwaren bei den weiter bestehenden Händlern deutlich stärker zusammenwachsen.

 

LR: Vielen Dank für die offenen Worte! Alles Gute für die Zukunft!

Tobias Kurtz / 20.03.2020 - 10:04 Uhr

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