Schuhbranche in Zeiten von Corona

Patrick Röseler: „Wir brauchen eine bessere Lobby!“

Patrick Röseler, CEO Ara Shoes AG (Foto: Ara Shoes AG)
Patrick Röseler, CEO Ara Shoes AG (Foto: Ara Shoes AG)

Patrick Röseler, CEO der Ara Shoes AG, wollte eigentlich ein Interview mit schuhkurier führen. Dann kam Corona dazwischen. Jetzt hat der Unternehmer einen Brief an die Branche geschrieben. 

Liebes Team von schuhkurier, geschätzte Händler/Kunden und Freunde aus der Industrie,

letzten Freitag hätte ich normalerweise zusammen mit meinen Kollegen aus dem Vorstand der Ara Shoes AG zu einem Interview mit dem schuhkurier zusammen gesessen, um über Trends für H/W 20, Abverkäufe der aktuellen Saison und wahrscheinlich auch ein wenig über das aktuelle Wetter zu philosophieren. Wie gerne würden wir – Stand heute – über einen zu milden Winter und einen verspäteten Frühling klagen oder uns auch freuen. Geschenkt. Nach der zwischenzeitlichen Idee eines Videointerviews folgte kurze Zeit später die Verschiebung des Gesprächs auf unbestimmte Zeit. Unsere Branche ist im Überlebensmodus und mit ihr eine Vielzahl anderer aus den unterschiedlichsten Bereichen der Wirtschaft. Da ist kein Raum für Interviews und Statements, die schon morgen als überholt gelten. Frau Steinkes Beharrlichkeit ist der Grund, warum ich jetzt hier sitze und schreibe...

Während sich viele Unternehmen in den Jahren des Aufschwungs etwas Speck anfressen konnten, hat die Schuhbranche überwiegend an Substanz eingebüßt. Allen voran der klassische Handel. Die Gründe hierfür sind ebenso vielfältig wie bekannt.
Man muss nicht aus dem Norden stammen, um zu wissen, dass bei Sturm besser ein Deich an der Küste steht, aber glücklicherweise springt uns ja Berlin zur Seite und hilft mit großzügigen unbürokratischen Rettungsschirmen aus. Bei näherer Betrachtung allerdings reden wir hier von zwischen 1 und 5% verzinsten Darlehen, die selbstverständlich nicht unbürokratisch zum Abruf bereitstehen.

Das ist keine Hilfe, sondern eher eine Verschlimmbesserung der Situation. Nüchtern betrachtet konnten gesunde Firmen sich pre corona sogar günstiger mit Geld am Kapitalmarkt versorgen. Zudem werden Banken in erster Linie versuchen, bestehende Linien durch neue und somit zu 90% KfW-gedeckte Kredite zu ersetzen, bzw. in erster Linie solchen Firmen Geld leihen, bei denen sie ohnehin schon „investiert“ sind. Meiner bescheidenen Meinung nach ist das ein Konjunktur- und Rettungsprogramm für Banken – sponsored by German Mittelstand. Entweder will man in Berlin das Problem nicht erkennen, oder, was noch schlimmer wäre, keiner versteht es. So oder so ist man der Realwirtschaft offensichtlich meilenweit entrückt.
Die Hoffnung, dass man hier noch nachbessert, habe ich nicht aufgegeben, jedoch brauchen wir eine bessere Lobby. Vielleicht können wir uns ja die Vermieterlobby borgen, die machen offenkundig einen tollen Job in der Krise.

„Wie gehen wir miteinander um?“

Wer sich grün anmalt, den fressen die Ziegen, sagte einst ein weiser Mann der Schuhindustrie; die Firma Deichmann tat dies und wird nun exemplarisch mit einigen anderen medial und politisch „gefressen“. Sie nutzten ein Gesetz, geschaffen, oder eher hingeschmiert in Zeiten der Orientierungslosigkeit, das am Ende zwar so dasteht, aber doch so nie gemeint war! Ach so, na dann ist der Schuldige schnell gefunden, Feuer frei Richtung Essen und Herzogenaurach.

Warum es mich nicht freut, wenn einem Wettbewerber so etwas widerfährt? Weil es symbolisiert, wie wir miteinander umgehen. Das kann niemanden gefallen, und schwierige Zeiten sind da keine Entschuldigung – ganz im Gegenteil.
Sicherlich hätten die Großen hier besser kommunizieren können und auch das Timing war nicht perfekt, jetzt aber die Vermieter (und zum allergrößten Teil sind es gewerbliche) zu Schutzbefohlenen und Lämmern zu erklären, ist absurd. Noch keine vier Monate ist es her, da wollte man hier noch enteignen und hantierte mit Mietpreisbremsen. Was kommt als nächstes? Der Rettungsfond für Saudi Arabien, weil die Ölpreise so unter Druck geraten sind? Überraschen würde mich nichts mehr. Im Übrigen reden wir nicht von einem Mietverzicht, sondern von einer hochverzinsten Stundung mit dem Hintergrund der Liquiditätssicherung. Denn keiner kann seriös sagen, wie lange wir uns noch in dieser Situation befinden und wie dann der Re-start aussehen wird.

Die allergrößten Vermietungsgesellschaften zeigen sich übrigens am unnachgiebigsten in Verhandlungsgesprächen, und machen wir uns nichts vor: Im Gegensatz zu unserer Branche haben sie die goldenen Jahre hinter sich. Namen nenne ich an dieser Stelle nicht – so ein bisschen Angst vor der Hölle habe auch ich :)

Was helfen könnte:

  • Direktzuschüsse und oder zumindest zinslose Kredite für den Handel
  • Zinslose Kredite für die Industrie
  • Rabattverbot für den Einzelhandel für mindestens eine Saison
  • Einführung des SSV für dieses Jahr (nicht vor August)
  • Sonderkündigungsrecht für Dauerschuldverhältnisse

Wie wir dahin kommen können: Hier müsste geschlossen aufgetreten werden, Textil- und Schuhhandel im Verbund mit den Partnern der Industrie, gepoolt über die Einkaufsvereinigungen, am plakativsten mit den entsprechenden Mitarbeiterzahlen am Standort Deutschland. Vielleicht hilft hier der gut vernetzte schuhkurier. Timo Leinweber ist sicherlich auch für jede Hilfestellung bereit.

Machen wir uns nichts vor: Selbst wenn der Bund deutlich nachbessert und aus dem Cocktailschirmchen einen Rettungsschirm baut, werden es, nicht nur für uns, herausfordernde Jahre. Im besten Fall.

Jetzt habe ich mich auch grün angemalt, hoffe, dass keiner die Ziegen rauslässt, und verbleibe wie dieser Tage eigentlich immer: Bleibt gesund in einer Zeit, die wunderbare Möglichkeiten bietet, Charakter und Anstand zu zeigen.

Herzlichst,
Ihr Patrick Röseler

Petra Steinke / 31.03.2020 - 15:07 Uhr

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