Schuhhandel in der Corona-Krise

Peter Bödeker: „Ich hätte mir mehr Unterstützung gewünscht“

Peter Bödeker bei der schuhkurier AWARD Verleihung 2019. (Foto: Redaktion)
Peter Bödeker bei der schuhkurier AWARD Verleihung 2019. (Foto: Redaktion)

Der Schuhhändler Peter Bödeker hat in den zurückliegenden Monaten zwei Standorte neu eröffnet. Dann brach die Corona-Pandemie über ihn herein. Er findet: Jetzt ist die Zeit für klare Worte und neue Fragen.

Die Krise sei eine Herausforderung gigantischen Ausmaßes, sagt Peter Bödeker. Zugleich zeige sich gerade jetzt, wie stark der Zusammenhalt innerhalb der Familie und im Team sei. „Wir machen sehr positive Erfahrungen, bekommen viel Zuspruch von unseren Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen. Viele bieten Hilfe an, auch ohne finanzielle Gegenleistung. Das macht uns sehr glücklich“, freut sich der Händler.
Gleichwohl sei derzeit vieles unklar, etwa die Frage, wann die Geschäfte wieder öffnen dürfen. „Vor Mai rechne ich nicht damit“, sagt Bödeker. In geringem Maße würden derzeit Online-Umsätze generiert, vorrangig über Plattformen wie schuhe.de und schuhe24.de. Diese fangen aber nicht annähernd die Verluste auf, die durch die Schließung der Geschäfte entstehen. „Uns Händlern fehlt ein Sechstel der Verkaufszeit. Das dadurch entstehende Überlager schlägt sich in der Bilanz nieder. Es wird ein erheblicher Verlust erzeugt, weil der Deckungsbeitrag fehlt“, erklärt der Händler.


„Präzise und sofortige Reaktion der Verbundgruppe“


Von seiner Verbundgruppe hätte er sich „eine präzise und sofortige Reaktion“ gewünscht, betont Bödeker. Unmittelbare Gespräche mit Lieferanten über Valuten für die aktuelle Ware und auch für H/W. Die Textilbranche sei in dieser Hinsicht viel weiter; die Katag habe sehr schnell erste Maßnahmen ergriffen.
Dass die finanzielle Hilfe, die die ANWR ihm anbietet, mit bis zu 4,9% verzinst ist, empfindet das langjährige ANWR-Mitglied als geradezu „unanständig“.
Auch seien viele operative Fragen bisher unbeantwortet, beispielsweise die hinsichtlich möglicherweise veränderter Umtauschfristen bei einem Kauf von Ware vor der behördlich angeordneten Geschäftsschließung. Auch die Frage, ob Resturlaube und auf den Arbeitszeitkonten der Mitarbeiter gesammelte Plus-Stunden zwingend gegeben werden müssen, auch wenn die Mitarbeiter dies nicht wünschen. Vieles im täglichen Geschehen sei jetzt völlig anders, sagt Bödeker. Die Situation sei völlig neu. Gerade dafür sei es wichtig, optimal informiert und beraten zu werden.


„Mehr Fairness in der Branche“


Auch von anderen Marktteilnehmern wünscht sich der Familienunternehmer mehr Zusammenhalt: „Jeder denkt an sich. Auch Lieferanten, die uns trotz Schließung unserer Logistik Ware schicken. Sogar Winterware haben wir trotz der aktuellen Situation schon bekommen. Aber wir brauchen ein Commitment, bei dem jeder Marktteilnehmer ein Stück weit Verzicht übt, um den anderen zu helfen. Dann können alle davon profitieren.“ Auch hier sei die Textilbranche mit gutem Beispiel vorangegangen: Etliche Lieferanten hätten schnell reagiert und seien dem Handel entgegengekommen.
Zur Frage der Partnerschaft gehört für Bödeker auch die Frage der Fairness: „Warum können Onlinehändler Ware von Lieferanten stornieren, weil sie direkten Zugriff auf dessen Lager haben – und die stationären Händler können das nicht?“ Hier liege, so der Händler, ein Missverhältnis vor.

Dass die Corona-Krise die Branche nachhaltig verändern wird, davon ist der Händler, der stets zwei verschiedenfarbige Schuhe trägt, überzeugt. Die Zusammenarbeit zwischen Industrie und Handel, Saisonrhythmen, Messen – alles müsse neu bewertet werden. Um einen massiven Preisverhau nach Öffnung der Geschäfte zu vermeiden, sei eine politisch verordnete reduzierungsfreie Zeit eine Möglichkeit, die man verfolgen könne, meint er. Schließlich könne der entstandene Verlust nur dadurch minimiert werden, dass Ware zu möglichst regulären Preisen abfließt.
 

„Was wird in Zukunft wichtig sein?“


Und auch in der gesellschaftlichen Wahrnehmung wird sich nach Überzeugung des Pfälzers vieles ändern. „Jetzt sitzen die Menschen in ihren Home Offices, die Digitalisierung bringt in dieser Zeit viel Nutzen. Aber zugleich sind Videokonferenzen und ähnliches kein Ersatz für den zwischenmenschlichen Kontakt, das persönliche Gespräch und das Netzwerk, das entstehen kann, wenn Menschen einander begegnen.“ Darum will er nach Corona kein „Weiter so“, betont Bödeker. „Ich hoffe, dass mehr Bewusstsein entsteht und wir nicht einfach zurückkehren in den alten, gewohnten Trott. Ich wünsche mir, dass persönliche Begegnungen und Gespräche in Zukunft wichtiger werden – und überhaupt die Dinge, für die wir uns zuletzt viel zu wenig Zeit genommen haben.“

Gleiches gelte für das Konsumverhalten. „Jeder hat doch Lieblingsorte, die er immer wieder gern aufsucht. Das kann der Park sein, die Wiese am Rhein – oder auch ein bestimmtes Restaurant, der Friseur, vielleicht ein tolles Schuhgeschäft. Mein Wunsch wäre, dass die Wertschätzung dieser Orte zukünftig zunimmt. Dass wir mehr als vorher würdigen, was wir haben.“

Für ihn selbst, seine Familie und sein Team gelte derzeit vor allem eines: „Diese Krise bringt uns wieder näher zusammen. Wir machen jetzt das Beste aus der Situation“, sagt er. „Alle gemeinsam.“

Petra Steinke / 09.04.2020 - 15:38 Uhr

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