Alois Beck GmbH

Rainer Bendeich: „Für ein Umdenken braucht es mehr als ein Virus“

Produktionsleiter Bernd Gailing und Geschäftsführer Rainer Bendeich, Alois Beck GmbH (Foto: Alois Beck GmbH)
Produktionsleiter Bernd Gailing und Geschäftsführer Rainer Bendeich, Alois Beck GmbH (Foto: Alois Beck GmbH)

Den Erlenbacher Schuhhersteller Alois Beck GmbH traf die Corona-Krise mit voller Wucht. Schnell war die Idee geboren, Masken herzustellen. Dieses Projekt erwies sich als Abenteuer. Heute ist Geschäftsführer Rainer Bendeich froh über das Erreichte. Ein Interview. 

Herr Bendeich, wie hat sich die Corona-Krise auf Ihr Unternehmen ausgewirkt?

Rainer Bendeich: Konkret haben wir seit Mitte März einen Umsatzeinbruch von beinahe 90% im Schuhbereich. Erst in den letzten Tagen spüren wir wieder eine leichte Erholung. Kinderfüße wachsen trotz Virus. Hier wird der Bedarf nun langsam nachgeholt.
Die Planung zu Beginn des Shut-Downs war, die Produktion einige Zeit weiter laufen zu lassen, unsere Läger zu füllen und dann in einen kontrollierten Winterschlaf zu versinken. Bedingt durch die Produktion von Masken konnten wir allerdings die drohende Kurzarbeit vermeiden, wofür wir sehr dankbar sind.
Umsatz- und Zahlungsausfälle, Stornierungen und Valutierungen treffen uns. Aber wir sind ein sparsames Familienunternehmen. Durch Rücklagen und Hilfe unserer Banken werden wir diese Krise hoffentlich überstehen.
 

Sie haben sehr früh damit begonnen, Masken herzustellen. Was haben Sie in diesem Prozess erlebt?

Die Initialzündung waren die ständigen Ermahnungen unserer chinesischen Mitarbeiter in Hangzhou, Masken zu tragen. Wir erhielten sogar Care-Pakete mit Masken und vielen guten Empfehlungen. Wir haben das anfänglich belächelt. Wie überheblich dies allerdings war, sahen wir bereits einige Tage später.
Unser Produktionsleiter Bernd Gailing und ich haben uns am Freitag, den 13. März, an die Nähmaschinen gesetzt und angefangen. Am Samstag und Sonntag kamen die ersten Näherinnen, am Montag wurde die erste Charge, zugegeben mit vielen Anfängerfehlern, produziert. Zu einem späteren Zeitpunkt haben wir unseren Nähbetrieb im EU-Ausland aufgeschaltet.

 

Wo lagen große Herausforderungen? Wo Chancen?

Die Schuhbranche ist uns bekannt, hier kennen wir uns aus. Allerdings sind wir überhaupt nicht vernetzt bei den Organisationen und Unternehmen, die Masken benötigt haben. Wir hatten die Produktionskompetenz, aber keine Abnehmer. Wir haben Tage lang damit verbracht, die Warteschleifen-Melodien von Behörden und Krankenhäusern anzuhören – an die Entscheider kamen wir nicht ran. Bis zu diesem Zeitpunkt dachten wir, Schuhe zu verkaufen sei schwer. Wir wurden eines besseren belehrt.
Wir sind dann an Personen herangetreten, die uns als Firma bereits kannten und gut vernetzt sind: Bürgermeister, Banker, Steuerberater, Redakteure, lokale Unternehmer. Diese haben uns ohne großen Aufhebens einfach geholfen.
Eine weitere Herausforderung waren die internen Umstellungen. Jeder Mitarbeiter hat auch privat seine Sorgen, insbesondere in dieser Krise. Dazu kommt Schichtbetrieb bis tief in die Nacht, neue Materialien, neue Prozesse, die Gefahr der Erkrankung und Quarantäne. Wir sind Flexibilität gewohnt. Aber Entscheidungen, die wir trafen, waren bereits zehn Minuten später überholt, weil das Krankenhaus ein anderes Gummiband wünschte, das Material die Industriewäsche nicht überstanden hat oder wir die Nähtechnik ändern mussten. Das zehrt an allen Kräften.
Während die ersten Masken OP-Grün waren, will der Handel bunte Masken mit schöne Designs in hoher Qualität. Da sind wir eigentlich zu Hause. In dieser Woche werden die ersten schönen Allover-Prints fertiggestellt und ausgeliefert; auch in kundenfreundlichen Verkaufs-Sets. Wir hoffen sehr, dass unsere Händler die Idee annehmen und die Masken ihren Kunden als Zusatzartikel empfehlen. Wir denken, dass uns diese Masken noch lange begleiten werden. 


Was hören Sie aus dem Handel? Ist der Draht zu Ihren Kunden intensiver geworden?

In der Krise beweist sich der Charakter. Dieses Zitat von Helmut Schmid trifft unseren Nerv. Es geht schon lange nicht mehr ums Klopapier – es geht an die Substanz, es geht ans Herz und ums Überleben. Wir hatten sehr unschöne Erlebnisse, aber auch viele unerwartet schöne,
die ein hohes Maß an Respekt und Solidarität zeigen. Wir haben viele intensive Gespräche geführt.
Da gibt es Kunden, die zahlen ihre Rechnungen, auch wenn es schwer fällt, oder fragen höflich nach Valutierung.
Auf der anderen Seite erhalten wir Schreiben, die rechtlich nicht zulässig und menschlich äußerst fragwürdig sind. Dass die Weigerung von Zahlungen eine Kettenreaktion auslöst, die die schwächeren vorgelagerten Firmen und deren Mitarbeiter trifft, scheint manchen aber egal.
 

Hat die Krise Sie als Unternehmer verändert?

Ich nehmen Dinge bewusster war. Vieles, was vor Corona erstrebens- und wünschenswert war, erscheint mittlerweile fragwürdig.
Die Krise hat, so blöd es klingt, entschleunigt. Ich genieße die Ruhe auf den Straßen, den Himmel ohne Flugzeuge, ich habe keine Termine außer Haus, fahre noch mit derselben Tankfüllung wie zu Beginn der Krise. Es steht mal wieder das Tüfteln und Verbessern im Vordergrund, nicht das Verwalten.
Wie lange diese Phase anhält, kann ich nicht sagen. Ich versuche, dieses Gefühl zu konservieren für die Zeit, wo jeder, auch ich, wieder im Herdentrieb marschiert.
Ich habe bisher nie den globalen Handel hinterfragt, wir als Unternehmen brauchen ihn. Er stiftet Wohlstand und Frieden, denn Kunden und Lieferanten betrachtet man nicht als Feinde. Aber wie schnell der Handel völlig kollabieren kann, wirft Fragen auf.
 

Wird Corona die Schuhbranche verändern?

Der Prozess der Marktbereinigung wird sich weiter beschleunigen. Der Handel und seine Strukturen werden nach Corona anders aussehen
Es wäre wünschenswert, wenn ein Umdenken zu mehr Regionalität, zur Nachhaltigkeit, zum Einkaufen mit Sinn und Verstand, stattfindet.
Aber ich bin Realist genug, um zu wissen, dass es dazu mehr braucht als ein Virus.
 

Petra Steinke / 28.04.2020 - 09:11 Uhr

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