Schuhhändler aus Dörverden

Wie man bei Schuhplus mit der Corona-Krise umgeht

Georg Mahn (li.) und Kay Zimmer von Schuhplus starten eine Spendenaktion für die Impfstoff-Forschung. (Foto: Schuhplus)
Georg Mahn (li.) und Kay Zimmer von Schuhplus starten eine Spendenaktion für die Impfstoff-Forschung. (Foto: Schuhplus)

Der norddeutsche Schuhhändler Schuhplus reagiert mit Kreativität und Optimismus auf die Krise. Trotzdem sagen die beiden Verantwortlichen des Unternehmens: „Das ist das Schlimmste, was dem Schuheinzelhandel passieren konnte.“ Ein Gespräch über Katastrophen und Chancen.

Wie erleben Sie die Situation aktuell? Wächst Online bei Ihnen, während die Geschäfte zu sind?

Kay Zimmer: Wir erlebten zunächst eine vollkommene Schockstarre seitens unserer Kunden, gespeist von Angst und Unsicherheit. In den ersten Tagen nach dem Erlass der Bundesregierung sind unsere Umsätze um 80% eingebrochen, ein Zustand, den wir in diesem starken Ausmaß jedoch erwartet hatten. In Kombination mit der angeordneten Schließung unserer drei Standorte ist das aber natürlich eine echte Herausforderung für uns Unternehmer, vielmehr jedoch für das Team, denn gerade in Krisenzeiten benötigt die Mannschaft sichere und stabile Führung. Wir hatten bereits in Meetings und Gesprächen unser Team schon vor Wochen auf diese mögliche Situation vorbereitet, so dass wir durch unsere Transparenz und Vorsorge im Gegenzug auch das volle Vertrauen der Kolleginnen und Kollegen hinter uns haben. Das ist eine höchst wertvolle Grundlage.
 

Welches Feedback haben Sie auf Ihre Spendenaktion erhalten? Erleben Sie Solidarität von Kunden, die Ihnen signalisieren, dass sie die Treue halten wollen?

Georg Mahn: Die Spendenaktion ist von unseren Kunden äußerst positiv angenommen worden. Der Ausdruck von Solidarität und vor allem das aktive Handeln sind exakt die Maßnahmen, die in Momenten von Krisen greifen müssen. Und es symbolisierte unsere völlige Überzeugung, jetzt in dieser Situation einzig den Gemeinschaftsgeist zu zeigen. Wir haben das Krisenmanagement anderer Schuhhäuser ebenfalls beobachtet, aber im Gegensatz dazu verzichteten wir als Erstreaktion auf Kaufaufforderungen oder Sonderrabatte. Der Start unserer Aktion führte zu einem Anstieg der Bestellungen, allerdings sind wir längst nicht auf dem Stand der sonst üblichen Tagesperformance. Das war uns mit dieser Aktion aber auch bewusst, dass wir keine Umsatzsprünge erzielen werden. Krisen erzeugen bei den Menschen Angst – und in existenziellen Momenten gibt es nachvollziehbarer Weise keinen Platz für Schuhe. Wir verfolgen aktuell als Leitlinie: Kundenabstand ist die beste Kundennähe. Wir bereiten uns auf die Zeit „nach-Corona“ vor, wenn die Liebe und Lust am Leben und an Schuhen wieder greift.
 

Müssen wir ein Händlersterben fürchten?

Kay Zimmer: Man muss es leider in aller Deutlichkeit formulieren: Corona ist das Schlimmste, was dem gegenwärtigen Schuheinzelhandel überhaupt nur passieren konnte. Die Branche ist seit Jahren angespannt, die internationalen und globalen Einflussfaktoren haben sich enorm verstärkt und der Reaktionswille des Einzelnen war nicht unbedingt auf Turbogang gestellt, etwa in der Schaffung digitaler Absatzmärkte oder auch in der Schaffung eines Alleinstellungsmerkmals im Sortiment. Zahlreiche Unternehmer haben sich ziellos von Monat zu Monat im Hamsterrad bewegt. Jetzt schlägt unangekündigt eine Ausnahmesituation ein, wo fehlende monatliche Liquidität zu einer existenziellen Frage wird. Für zahlreiche Betriebe wird das auch der moralische Todesstoß sein, da bei vielen Selbstständigen aufgrund der unternehmerischen Orientierungslosigkeit schlichtweg keine Energie und kein Wille mehr vorhanden ist, monatlich kämpfen zu müssen.
 

Wie erleben Sie die Situation, was Hilfestellung durch den Staat betrifft? Kommt das angekündigte Geld an?

Georg Mahn: Wir nehmen aus Berlin sehr wohlwollende warme Worte in den Medien wahr, aber konkrete Maßnahmen oder Strategien gibt es aktuell keine. Hier greift in purer deutscher Manier die starre föderale Struktur, damit verbunden auch die Hoheit der Kommunen, die schlichtweg erstrahlen durch Inkompetenz und Handlungsunfähigkeit. Die Programme zur Wirtschaftsförderung, die aktuell diskutiert werden, sind allerdings ein Witz, wenn ein Zuschuss etwa die Monatsmiete beinhaltet oder Kredite durch KfW vergeben werden. Damit lastet eine Krise schwerwiegend auf den Schultern der Unternehmer. Durchgreifende Maßnahme wie eine temporäre Aussetzung der Kapitalertragssteuer oder der Gewerbesteuer sind nun entscheidend, damit es nicht branchenbergreifend zu einer dramatischen Zunahme von Insolvenzen kommt.
 

Überall ist jetzt die Rede davon, dass die Corona-Krise uns, die Gesellschaft, aber auch unsere Branche verändern wird. Glauben Sie das? Wenn ja, inwiefern wird es zu Veränderungen kommen?

Kay Zimmer: Ich bin der festen Überzeugung, dass die Corona-Krise unsere Gesellschaft sowie Teile von einst starren Wirtschaftsprozessen dezidiert verändern wird. Das Home-Office beispielsweise ist in Deutschland ein Thema, dem sich Unternehmen nur schwerfällig öffnen, da ein Qualitätsdefizit befürchtet wird. Wenn sich jetzt zeigt, dass die Leistungsfähigkeit durch neue Arbeitsmodelle konstant bleibt, im besten Fall sogar optimiert wird, dann ergeben sich darauf ganz neue Modelle für die Arbeitswelt. Durch die Krise wird ein System auf Null gefahren; Unternehmen sind förmlich gezwungen, neue Wege für den Bestandsschutz zu gehen. Ich bin mir sicher, dass zahlreiche positive Erfahrungen gesammelt werden, die die künftige Arbeitsweise verändern wird. Das beinhaltet auch die Frage nach der Relevanz von Betriebsreisen oder Prozess-Controlling, wenn plötzlich Videokonferenzen zum Tagesgeschäft werden, etwa auch in der Kommunikation innerhalb der Filialen. Im besten Fall allerdings reflektieren auch Hersteller ihre Produktionswege und hinterfragen die Zukunftsfähigkeit ihres eigenen Systems. Der grenzenlose Schrei nach Globalisierung und die Vorstellungskraft, der Herstellungsort sei stets eisern im Prozessmanagement kalkulierbar, wurde im Kern zerschlagen: Entschleunigungen könnten erste Konsequenzen sein, deren Wertigkeit jedoch spätestens in der betrieblichen Bilanz eine echte Perspektive zeigt oder nicht, denn der größte Feind von Veränderungen ist die Gewohnheit.

Petra Steinke / 24.03.2020 - 15:24 Uhr

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