Interview mit Miguel Pomares

„Buy Less, but better“

Miguel Pomares erzählt im schuhkurier-Interview von der Ecoalf-Philosophie und dem Stand der Industrie in Nachhaltigkeitsfragen. (Foto: Ecoalf)
Miguel Pomares erzählt im schuhkurier-Interview von der Ecoalf-Philosophie und dem Stand der Industrie in Nachhaltigkeitsfragen. (Foto: Ecoalf)

Ecoalf gehört zu den Vorreitern der Nachhaltigkeitsbewegung. Das Unternehmen aus Spanien produziert Schuhe aus recycelten Materialien. schuhkurier sprach mit Miguel Pomares, der das Schuhsegment von Ecoalf verantwortet.

Was zeichnet die Ecoalf-Philosophie aus?

Ecoalf will eine neue Generation von Recycling-Produkten entwickeln, die hinsichtlich Qualität und Design mit den besten nicht-recycelten Produkten mithalten kann. Wir streben danach, so wenig natürliche Ressourcen wie möglich zu verbrauchen und so wenig Abfall wie möglich zu erzeugen. Deshalb sind unsere Sneaker nicht nur leicht und bequem und zu 100% vegan, sondern werden mit keinerlei metallischen Bestandteilen in innovativen Produktionsprozessen hergestellt, so dass sie einfach zu recyceln sind.

 

Was heißt das konkret?

Als B Corp haben wir 2019 während der Weltklimakonferenz in Madrid die Net Zero 2030-Vereinbarung unterzeichnet. Unser Ziel für die kommenden Jahre ist es daher, ein kohlenstoffneutrales Unternehmen zu werden. Im Jahr 2020 gehörten unsere „Ocean Waste“ Sneaker zu den Schuhen mit den niedrigsten CO2-Fußabdrücken auf dem Markt. Die Gründe liegen in einem innovativen Strickverfahren, Ökodesign und Materialien wie Sohlen aus Algen und Schäfte aus „Ocean Yarn“. Dabei handelt es sich um ein Garn, das aus Plastikflaschen gesponnen wird, die im Rahmen des „Upcycling the Oceans“ Projekts der Ecoalf Foundation vom Meeresgrund gesammelt werden. Wir setzen auch auf Transparenz und nutzen das Bewertungssystem BCOME. Dabei bewertet ein unabhängiger Drittanbieter unsere ökologische, soziale und ethische Effizienz. Es zeigt zum Beispiel an, wie viel Wasser für die Herstellung eines Artikels benötigt wurde und wie viel wir einsparen konnten. In der kommenden H/W-Saison wird jedes Produkt von Ecoalf mit einem QR-Code versehen sein, über den diese Informationen für jeden abrufbar sind.

 

Was sind die größten Herausforderungen, mit denen Sie aktuell konfrontiert sind?

Die größte Herausforderung ist die Kreislauffähigkeit der Endprodukte. Das Projekt „Upcycling the Oceans“ sammelt mit Hilfe von mehr als 3.000 Fischern Abfälle vom Meeresgrund ein. Bisher haben wir auf diese Weise mehr als 700 Tonnen Abfall gesammelt. Nur 5 bis 10% der gesammelten Abfälle bestehen aus PET, das wir in hochwertiges Garn und dann in Kleidungsstücke und Schuhe umwandeln können. Der Rest wird sortiert und zu anderen Artikeln recycelt. Eine der wichtigsten Komponenten der Kreislaufwirtschaft ist die Verlängerung des Lebenszyklus der Produkte. Deshalb investieren wir in Forschung und Entwicklung, um zu gewährleisten, dass jedes Paar Schuhe eine möglichst lange Lebensdauer hat.

Und wo sehen Sie Chancen?

Wir freuen uns, Ecoalf 1.0 auf den Markt zu bringen. Diese neue Premium-Linie vereint neutrale Farben und minimalistisches Design. Sie wird uns viele Möglichkeiten bieten, modernste Materialien und Verfahren zu entwickeln. In der Kollektion Herbst/Winter 2021 haben wir zum Beispiel Traubenabfälle und Pflanzenöl zu einem hochwertigen veganen „Leder“ kombiniert, bei dessen Herstellung keine Tiere zu Schaden kommen.

 

Wie wichtig ist das Wholesale-Business für Ecoalf?

Wholesale ist für uns extrem wichtig. Es macht 70% unseres Gesamtumsatzes aus und ermöglicht es uns, die Marke Ecoalf in neuen Märkten sichtbar zu machen. Unsere Schuhe haben ein klassisches Design und eine hervorragende Qualität, aber das Besondere an ihnen ist, dass sie aus recycelten Materialien hergestellt werden und einen der niedrigsten CO2-Fußabdrücke auf dem Markt haben. Das noch stärker in Richtung der Endverbraucher zu kommunizieren, ist eine Herausforderung.

 

Wie hat sich Ecoalf in Deutschland entwickelt?

Der erste Flagship-Store, den wir außerhalb Spaniens eröffnet haben, war 2017 das Geschäft in Berlin. Wir sind froh, dass es nach den Einschränkungen und Schließungen wieder seine Türen öffnen kann. Deutschland ist mittlerweile unser zweitgrößter Markt.

 

Widersprechen sich die industrielle Schuhproduktion und Nachhaltigkeit nicht grundsätzlich?

Ja, es ist richtig, dass der Einsatz von recycelten Materialien und nachhaltige Produktionsprozesse die CO2-Emissionen und den Wasserverbrauch zwar erheblich reduzieren, aber dennoch Auswirkungen auf die Umwelt haben. Wir setzen daher auf eine „buy less, buy better“-Philosophie. Wir entwickeln nicht jeden Monat neue Trends, sondern kreieren zeitlose, hochwertige Produkte mit einem langen Lebenszyklus. Der ewige Zyklus des „Kaufens und Wegwerfens“ hat schreckliche Folgen für unseren Planeten.

 

Es gibt Kritiker, die sagen, die Verwendung von recycelten PET-Flaschen für die Schuhproduktion sei ein Schwindel...

Diese Haltung könnte daher stammen, dass einige Unternehmen nicht transparent sind und man nicht nachvollziehen kann, woher die verarbeiteten Plastikflaschen tatsächlich stammen. Für unsere Schuhkollektion verwenden wir recycelte PET-Flaschen, die wir im Rahmen unseres eigenen „Upcycling the Oceans“-Projekts aus dem Meer sammeln. Und diejenigen Flaschen, die an Land gesammelt werden, sind nach dem Global Recycled Standard (GRS) zertifiziert, der von der gemeinnützigen Organisation Textile Exchange verwaltet wird.

 

Bewegt sich die Schuhindustrie in die richtige Richtung?

Viele Unternehmen investieren in Forschung und Entwicklung, um neue nachhaltige Materialien und Prozesse zu entwickeln. Und es gibt Zertifizierungen, die den Verbrauchern helfen, die Geschichte hinter jedem Schuh zu verstehen. Abgesehen davon denke ich jedoch, dass das Geschäftsmodell der Schuhindustrie trotz aller Bemühungen ein großes Problem darstellt. Anstatt den Massenkonsum von minderwertigen Schuhen zu fördern, müsste sie ebenfalls auf die „buy less, buy better“-Strategie setzen. Und die Kundinnen und Kunden müssten dies natürlich ebenfalls in ihren Kaufentscheidungen berücksichtigen. 

Das Interview stammt aus der aktuellen Ausgabe des schuhkurier mit Berichten und Interviews rund um den Schwerpunkt Damenschuhe.

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Christopher Mastalerz / 19.08.2021 - 14:08 Uhr

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