Interview über Corona, Relaunch und Generationswechsel

Carl-August Seibel: „Das Schuh-Business hat keine schwache Lobby“

Carl-August Seibel (Foto: Redaktion)
Carl-August Seibel (Foto: Redaktion)

Investition in eine neue Schuhproduktion in Kenia, Neugestaltung der ehemaligen Gläsernen Schuhfabrik in Hauenstein, ein Marken-Relaunch – und alles mitten in der Corona-Pandemie. Im Gespräch mit schuhkurier schildert Unternehmer Carl-August Seibel, wie er 2020 erlebt hat und was er für 2021/22 erwartet.

schuhkurier: Werfen wir einen kurzen Blick zurück: Vor einem Jahr haben Sie davon gesprochen, dass es ein „Blutbad“ in unserer Branche geben werde. Sie sprachen von sechs Wochen Umsatzausfall durch den ersten Lockdown. Inzwischen liegen weitere Monate im Lockdown hinter uns. Hatten Sie mit Ihren Befürchtungen Recht?

Carl-August Seibel: Ja leider. Die kopf- und planlose, wirtschaftsignorante Politik der Bundes- und Landesregierungen bringt unsere Industrie in die schwerste Krise seit den 70er Jahren, als das große Schuhfabriksterben umging.

 

Wie ist 2020 für Ihre Unternehmensgruppe gelaufen?

Sehr durchwachsen, wir haben hohe Umsatzverluste und kein erfreuliches Jahresergebnis.

 

Wie hat sich der Online-Umsatz der Seibel-Gruppe entwickelt?

Sehr schöne Zuwächse haben wir im eigenen Online-Shop erzielt. Bei den Onlinekunden läuft es ebenfalls sehr gut.

 

Was waren für Ihr Unternehmen die größten Herausforderungen?

Der Lockdown in Indien mit langen Produktionsausfällen, die stark sinkenden Vorordermengen, der komplette Ausfall der Nachorder, hohe Lagerbestände bei uns und unseren Händlern.

 

...und was hat Sie positiv überrascht?

Dass nach Öffnung im Frühsommer doch viele stationäre Händler gute Umsätze gemacht haben. Das Gleiche spüren wir jetzt wieder und hoffen noch auf einige gute Wochen Verkauf stationär. Allerdings lassen sich die fehlenden Verkäufe aus den ersten Monaten 2021 nicht mehr aufholen.

 

Sie haben nach dem Verkauf der Marke Romika angekündigt, den Standort Trier schließen zu wollen. Ist dies inzwischen erfolgt?

Ja. Alle Mitarbeiter haben ein Angebot bekommen nach Hauenstein zu wechseln, was auch einige angenommen haben.

 

Blicken auf den Status quo: Ihre noch junge Schuhproduktion in Kenia ist angelaufen. Welche Signale bekommen Sie von dort, wie läuft es in der Fertigung und wo gibt es Probleme?

Ich war zuletzt im März vor Ort, im Juli geht es wieder runter. Es ist alles im grünen Bereich, wir haben jetzt im Land Lieferanten für fast alle benötigten Materialien, die Produktion wird langsam hochgefahren, die Qualität ist sehr gut. Unser Produktionsleiter Uwe Thamm ist häufig vor Ort und stellt damit sicher, dass alles gut organisiert läuft. Der Onlineshop für Kenia steht, das Onlinemarketing mit einem bekannten Influencer läuft aktuell und eine Vertriebsorganisation baut den Retail- und Schulbereich auf. Ab Sommer beginnen wir mit einem kleinen Damenprogramm, ab Herbst mit Herrenschuhen. Ich bin sehr zufrieden mit den Fortschritten und optimistisch für das Projekt.

Die aktuelle Orderrunde ist für die Industrie die Schwerste. Wie stellt sich die Situation für Ihr Unternehmen dar?

Wir sehen das mit gemischten Gefühlen. Straßenschuhe sind schwierig, hier schreiben wir zweistellig Minus. Hausschuhe sind gut, damit erreichen wir ein schönes Plus. Insgesamt werden wir aber noch einmal ein hohes Minus einfahren.

 

In welchen Bereichen hat Corona in Ihrem Unternehmen Positives bewirkt?

Das Team und die Mitarbeiter sind hoch solidarisch, wir wachsen weiter zusammen. Alle verstehen die schwere Zeit und das setzt auch neue Kräfte frei. Zudem gehen wir noch konzentrierter die Zukunftsprojekte an, die wir uns vorgenommen haben: Digitalisierung und Nachhaltigkeit – das sind die zwei Megatrends unserer Zeit.

 

Gibt es in unserer Branche auch Gewinner der Krise? Wenn ja – wer sind diese Gewinner?

Es gibt immer Gewinner. Für mich sind das die Menschen und die Unternehmen, die trotz dieser Krise positiv und optimistisch bleiben und ihre Konzepte anpassen. Wir werden dazu gehören.

 

Wortmann-CEO Jens Beining hat sich in einem Interview mit schuhkurier sehr kritisch über Online-Plattformen geäußert. Diese seien der „Sargnagel des stationären Handels“. Stimmen Sie zu?

Es gibt unterschiedliche Plattformen – gute und nicht so gute. Zugegeben, dies es ein schwieriges Feld, auf dem wir uns bewegen, aber ohne geht es nicht mehr. Wir müssen als Hersteller sehr darauf achten, mit wem wir arbeiten. Selektion ist angesagt.

 

Und nun ein Blick in die Zukunft: Die Gläserne Schuhfabrik ist ein Investment an Ihrem Standort mitten in der Pandemie. Was versprechen Sie sich von diesem Projekt?

Der Umbau des ganzen Komplexes in unser neues Besucher- und Erlebniszentrums Josef Seibel – Schuhfabrik mit angeschlossenem Restaurant ’1886‘ ist trotz Corona-Pandemie mit all ihren Auswirkungen fast abgeschlossen. Wir investieren viel Geld in unsere Kernkompetenz: Schuhe entwickeln, produzieren und vermarkten. Die Marke Josef Seibel bekommt ja gerade einen Relaunch verpasst. Hier zeigen wir den neuen Weg der Markenführung physisch. Die Brandbox gibt einen Überblick, was wir tun und warum. Wir sind in diesem Jahr 135 Jahre alt, die fünfte Generation ist schon am Start und wir haben viel Lust, den Besuchern, Kunden, Lieferanten und Mitarbeitern unsere neue, nachhaltig 100% in Hauenstein produzierte Spirit of Nature Kollektion und unseren konfigurierbaren Sneaker 1886 zu zeigen und nahe zu bringen. Insgesamt eines der absoluten Top-Projekte, die wir gerade bearbeiten.

 

Wann sehen Sie für unsere Branche das Schlimmste überstanden?

Leider erst Mitte 2022 durch den langen Nachlauf der Saisons.

 

Das Messegeschehen ist in den zurückliegenden Wochen stark beeinträchtigt gewesen. Wann rechnen Sie mit einer Normalisierung?

Messen sind ja leider seit einigen Jahren auf dem Abwärtstrend und ich befürchte, durch Corona wird es nicht besser. Als Kommunikationsplattform werden sie vermutlich erst wieder in 2022 wichtig.

 

Unsere Branche hat es lange nicht geschafft, Interessen zu bündeln und mit einer Sprache zu sprechen, um sich Gehör zu verschaffen. Warum hat das Schuh-Business so eine schwache Lobby?

Das Schuh-Business hat keine schwache Lobby – da widerspreche ich. Wir arbeiten als HDS/L für die Industrie ebenso wie die Händlerverbände sehr konzentriert und auch gut zusammen. Aber wenn sich schon so prominente Verbände wie BDA und BDI im Wirtschaftsministerium, Finanzministerium und Kanzleramt kaum Gehör verschaffen können, wie man ja leider in den letzten Monaten erlebt hat, dann ist es selbstverständlich für kleinere Industrien bzw. Segmente des Handels noch viel schwieriger. Meine Meinung habe ich anfangs schon gesagt: Unsere Regierung ist wirtschaftsignorant.

 

Mit welcher Entwicklung rechnen Sie für die Seibel-Gruppe für das Jahr 2021?

Leider werden wir auch dieses Jahr mit Umsatzverlusten rechnen müssen. Da die Hoffnung ja bekanntlich zum Schluss stirbt, hoffe ich doch noch auf ein einigermaßen vernünftiges zweites Halbjahr und damit auf ein zumindest kleines positives Jahresergebnis.

 

Welche Perspektive sehen Sie für sich selbst und den Generationenwechsel in Ihrem Unternehmen?

Meine Tochter Franziska, ihr Mann Michael Fischer und ich bilden seit einem Jahr die Geschäftsführung unserer Unternehmensgruppe. Wir sind ein gutes Team und daher wird der Generationenwechsel in den nächsten zwei bis drei Jahren sehr gut gelingen.

 

Wie wird Ihrer Meinung nach eine „neue Normalität“ in unserer Branche aussehen?

Der Verbraucher wird weniger Schuhe kaufen, dafür bewusster und nachhaltiger. Slow Fashion statt Fast Fashion ist angesagt. Wir werden super digital sein müssen, ob in Beschaffung, Vertrieb, Marketing oder Kundenservice. Wir müssen beweglich bleiben, aber trotzdem als gut erkannte und bewährte Konzepte weiterführen und am Markt durchsetzen.

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Petra Steinke / 15.07.2021 - 07:33 Uhr

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