„Zeitpunkt eine Katastrophe“

Causa Giesswein: So reagiert der Handel

Giesswein Merino Runners (Foto: Giesswein)
Giesswein Merino Runners (Foto: Giesswein)

Mitten im Lockdown kündigt der Walkwaren-Hersteller Giesswein an, den B2B-Vertrieb der Merino Runners einstellen zu wollen. Die Reaktionen aus der Branche folgen umgehend.

„Wenn wir das Schreiben von Giesswein richtig verstanden haben, steht die bei weitem erfolgreichste Produktgruppe des Merino Runners dem Fachhandel in Zukunft nicht mehr zur Verfügung. Diese Entscheidung ist für uns vollkommen unverständlich und ein Schlag ins Gesicht des Fachhandels, der die Marke mit aufgebaut hat“, erklärt SABU-Geschäftsführer Stephan Krug. Auch die ANWR findet deutliche Worte: „Die Entscheidung zum Direktvertrieb der Merino Runners durch Giesswein hat unsere angeschlossenen Häuser zutiefst irritiert“, erläutert Tobias Eichmeier, Geschäftsführer der ANWR Schuh GmbH, gegenüber schuhkurier. „Langjährige Zusammenarbeit in gegenseitigem Interesse von Hersteller und Handel werden unter dem Blickwinkel von Strategie und kurzfristiger Gewinnmaximierung einseitig zu den Akten gelegt. Hat doch gerade der Fachhandel viel dazu beigetragen, die Marke und deren Produktgruppen aufzubauen. Für die von den Restriktionen betroffenen Produkte und auch für weitere gibt es viele und gute Alternativen auf dem Markt. Als Verband werden wir entsprechend handeln.“ Dies ist bereits am 23. Februar geschehen: Die ANWR hat ihren Mitgliedsunternehmen mitgeteilt, dass sie den ZR-Vertrag mit Giesswein kündige

Die Händlerin Britta Goertz aus Lübbecke erklärt: „In meiner Brust schlagen zwei Herzen. Einerseits bin ich von der Entscheidung von Giesswein enttäuscht und finde auch die Form der Kommunikation nicht angemessen. Auf der anderen Seite haben wir in den vergangenen Jahren gute Umsätze und Erträge mit Giesswein erzielt. Letztlich steht somit jeder Händler vor der Entscheidung, entweder rational oder emotional zu handeln. Giesswein folgt dem Beispiel anderer Marken, die auf einen exklusiven Vertrieb setzen. Für den Handel ist dieses Vorgehen immer wieder ärgerlich, da es meist Fabrikate mit einem positiven Image und einer gewissen Anziehungskraft betrifft."

Thomas Zumnorde, Schuhhändler aus Münster, will die Entscheidung des Lieferanten rational betrachten. „Die Art und Weise, uns als Händlern mit einem pauschalen Schreiben mitzuteilen, die Produktkategorie ’Merino Runners‘ künftig nicht mehr ordern zu können, hat mich sehr erschrocken. Die Kommunikation ist eine Katastrophe und der Zeitpunkt ein absolutes Unding. Wir streben weiter eine Zusammenarbeit mit dem Unternehmen an und halten es für möglich, dass hier das letzte Wort noch nicht gesprochen ist. Denken wir an den Kofferhersteller Rimowa. Das Unternehmen ist vor einigen Jahren ähnlich vorgegangen. Dennoch führen heute auch einige stationäre Händler weiter das Fabrikat.“

Einen empörten Beitrag formuliert Schuhhändler Ingo Hänel aus Römerstein: „Es ist an Frechheit wohl kaum zu überbieten, was sich da Schwarz auf Weiß auf unseren Schreibtischen eingefunden hat. Mit Plattitüden wird politisch korrekt umschrieben, wie man ab sofort (!) den großen Reibach ohne den Einzelhandel machen wird. Ohne den Einzelhandel, der das Produkt dieses Herstellers über Jahre konsequent aufgebaut und einen großen Teil zu dem Erfolg beigetragen hat. Der Handel hat in dieses Produkt investiert, hat es breit und tief in die Regale gestellt, hat eigene Werbung auf allen Kanälen für das Produkt gemacht, hat Verkaufspersonal geschult und gegebenenfalls auch mit eigenem Zuschuss das Verkaufspersonal mit diesen speziellen Sneakern ausgestattet, damit das Produkt am POS noch sichtbarer und glaubhafter ist. Der Handel hat dem Produkt eine hohe Exklusivität gewährt und andere – bestimmt nicht schlechtere, vergleichbare – Produkte aus den eigenen Regalen ferngehalten. Der Handel hat ’die Story erzählt‘, hat den Endkunden mit dem sehr ungewohnten Material zusammengebracht, hat Emotionen rübergebracht und Begehrlichkeiten geweckt.
So, und jetzt kommt dieser Hersteller und nimmt das Produkt dem Einzelhandel ausnahmslos mit einer Frist von wenigen Tagen weg – aus fadenscheinigen Gründen, die keine Sekunde einer genaueren Prüfung standhalten. Ehrlich wäre: „Es ist einfach: Ich streiche Eure Handelsspanne ein und kann davon (und damit) gut leben. Danke für’s Aufbauen und Bekanntmachen!“ Aber nein, es werden tollste Floskeln bemüht, um diese Entscheidung mit hohlen Phrasen als notwendig darzustellen.
Was dem Ganzen noch die Krone aufsetzt: Der gleiche Hersteller hofft auf ’satte‘ Vororder in einem anderen Segment. So kann und darf nicht mit dem Einzelhandel umgegangen werden! Egal ob in schlechten oder guten Zeiten. Diese bodenlose Geringschätzung für den Einzelhandel gehört in den Orderbüchern beantwortet. Ein jeder möge für sich entscheiden, wen er als verlässlichen Partner ansieht. Ich für meinen Teil würde mir wünschen, dass der deutsche Schuhhandel hier mit einer Stimme spricht. Ich jedenfalls sehe ab sofort ein sehr ’ovales Limit‘ vor.“

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Petra Steinke / 24.02.2021 - 09:34 Uhr

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