Interview mit Brigitte Schellenberger

„Das größte Gift ist Fast Fashion“

Brigitte Schellenberger ist Produktverantwortliche für die Kollektionen der Schera GmbH. (Foto: Schera)
Brigitte Schellenberger ist Produktverantwortliche für die Kollektionen der Schera GmbH. (Foto: Schera)

Brigitte Schellenberger, Head of Product bei der Schera GmbH (Raffaello Rossi), wirft einen Blick auf die modischen Konsequenzen der Corona-Pandemie und erläutert, wie ihr Unternehmen damit umgeht.

 

Corona hat die Casualisierung vorangetrieben. Bereits jetzt ist aber erkennbar, dass die Konsumentinnen Lust haben, sich nicht mehr nur lässig zu kleiden. Wie erleben Sie derzeit die „Stimmung“ im Markt?

Aktuell läuft viel über lässige, aber edle Materialien. Jerseys, weiche Texturen und komfortable Schnitte sind maßgeblich in unserer H/W-Kollektion und kommen sehr gut an. Wir sprechen dabei unbedingt von wertigen Materialien.

Welche Entwicklung erwarten Sie für F/S 2022 und die dann folgende Saison? Wird es die viel beschworenen Nachholeffekte geben? Glauben Sie in modischer Hinsicht an die Roaring Twenties?

Wir glauben, dass es einen Nachholbedarf im modischen Bereich gibt. Viele Frauen wollen sich wieder schicker und expressiver kleiden. Party-Looks, die auch ausgefallener sein dürfen, werden wichtiger. Das findet Ausdruck in unserer Seductive-Kollektion, bei der wir unter anderem mit Goldlamé und Federn arbeiten. Glanz wird zurückkommen und beschichtete Materialien.

Wird Corona die Mode dauerhaft verändern?

Corona hat die ohnehin schon wichtige Lässigkeit in der Mode weiter vorangetrieben. Wir haben gemerkt, dass Looks, die edel, „angezogen“, aber auch bequem waren, sehr stark nachgefragt wurden – auch in Lockdown-Phasen. Online und auch über Händler, die mit kreativen Ideen trotz Geschäftsschließung für ihre Kunden da waren, gingen insbesondere solche Kleidungsstücke. Weich, angenehm, bequem, lässig – das war und bleibt auch wichtig. Unsere Marke Raffaello Rossi steht seit jeher für diesen Look. Wir hatten daher auch in den akuten Phasen der Corona-Pandemie wenig Einbrüche, was uns sehr freut. Alles, was man gemeinhin als klassisch bezeichnet, etwa die schmale Wollhose, wird allerdings an Bedeutung verlieren.

Wie nachhaltig kann Mode wirklich sein?

Grundsätzlich erzeugt jedes Produkt, das hergestellt wird, einen Abdruck. Ich habe gewisse Zweifel daran, dass plötzlich so viele Produkte recycelt und nachhaltig sein sollen. 
Das größte Gift ist aus meiner Sicht Fast Fashion, bei der unzählige Teile produziert werden, die kaum etwas wert sind und die man nach wenigem Tragen wegwirft. Als Gegenbewegung finde ich den wachsenden Second Hand-Markt interessant, bei dem gute und langlebige Produkte ein zweites Leben bekommen. Vielleicht steigt auch die Zahl der Menschen, die Mode bewusst maßvoll konsumieren, die also lieber ein gutes Kleidungsstück kaufen als fünf wertlose.

Für uns ist wichtig, dass wir ausschließlich in Europa und in der Türkei produzieren, und daran werden wir nichts ändern, weil uns die soziale Komponente bei der Produktion sehr wichtig ist und wir uns klar gegen die Ausbeutung von Arbeitskräften positionieren. Wir arbeiten nach Oeko-Tex 100 und haben uns der Better-Cotton-Initiative angeschlossen. In unseren Kollektionen werden Polyamide eingesetzt, deren CO2-Bilanz besser ist als bei anderen Materialien.

Werden wir uns irgendwann alle „genderless“ kleiden?

Das glaube ich nicht. Kleider machen Leute. Ein Outfit ist Ausdruck von Persönlichkeit. Dabei können die Grenzen zwischen den Geschlechtern fließen oder bewusst aufgelöst werden. Ich denke aber, dass sich die meisten Frauen gern wie Frauen kleiden.

Modetrends sind das eine – Materialien das andere. Wie wichtig ist für Ihr Unternehmen das Experimentieren mit unterschiedlichen, auch neuen Materialien?

Wir sind seit jeher auf der Suche nach neuen, innovativen Materialien und haben uns auch schon vor Corona mit weichen, dehnbaren, komfortablen Texturen beschäftigt.

Häufig entsteht der Eindruck, man könne alles tragen. Brauchen wir eigentlich noch Trends?

Ja, Trends spielen weiterhin eine Rolle. Menschen, vor allem junge Leute, wollen sich orientieren. Trends entstehen möglicherweise nicht mehr auf klassischem Weg und es gibt kein Modediktat. Man kann das aktuell sehr gut in der Mode beobachten: Junge Frauen tragen derzeit überwiegend weit geschnittene Hosen. Die Skinny Jeans hat demgegenüber an Bedeutung verloren.

Wie stark sind die Einflüsse von TV-Serien, Social Media-Kanälen und anderen Formaten auf die Mode?

Genau darüber entstehen heute Trends. Wenn ein Outfit auf Pinterest oder Instagram von vielen gelikt wurde, wird es häufig nachgestylt. Daran orientieren sich User, weshalb diese Kanäle großen Einfluss auf die Mode haben. 

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Christopher Mastalerz / 12.11.2021 - 11:11 Uhr

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