75 Jahre schuhkurier – Interview mit Antje von Dewitz

„Das ist unternehmerische Verantwortung“

Vaude-Geschäftsführerin Antje von Dewitz (Foto: Nicole Maskus-Trippel)
Vaude-Geschäftsführerin Antje von Dewitz (Foto: Nicole Maskus-Trippel)

Was bewegt Antje von Dewitz? schuhkurier sprach mit der Geschäftsführerin des Outdoor-Ausrüsters Vaude über Nachhaltigkeit, Selbstwirksamkeit und Verantwortung.

Montag, 14. Juni. Antje von Dewitz kommt gerade von ihrer ersten Corona-Impfung. Der Outdoor-Ausrüster ­Vaude unterstützt die Impfkampagne an seinem Firmenstandort in Tettnang-Obereisenbach. Rund 300 Mitarbeitende wollen sich impfen lassen, berichtet die Geschäftsführerin zum Einstieg in das Gespräch. Sie selbst ist eine von ihnen.

Frau von Dewitz, nach Ihrem Pieks sind wir schon mitten im Thema: Wie hat sich Vaude in der Corona-Krise bisher geschlagen?

Antje von Dewitz: Wie allen anderen Unternehmen sind auch wir im März 2020 stark eingebrochen. Wir haben zunächst erwartet, dass wir auf das ganze Jahr ­gesehen ins Negative rutschen. Aber ab April 2020 ging es schon wieder aufwärts. Am Ende schlossen wir das Jahr mit einem Umsatzplus von 8,7% ab. Damit haben wir unsere Planung weit übertroffen, und auch jetzt liegen wir weit über unseren Vorjahresumsätzen. Also uns geht es richtig gut.

Wandern und Radfahren sind enorm angesagt. Führen Sie Ihre Entwicklung auf den allgemeinen Outdoor-Trend zurück oder handelt es sich um eine Firmenkonjunktur?

Ich denke beides. Zum einen der enorme Outdoor- und vor allem auch ­Bike-Boom, für den wir mit unser unserem Produkt-Mix das richtige Angebot haben. Knapp 50% unseres Geschäftes erzielen wir ja mit Bike-Ausrüstung und -Bekleidung. Aber Vaude erlebt auch eine Sonderkonjunktur. Die Corona-Krise hat den Bewusstseinswandel weiter vorangetrieben. Die Menschen hinterfragen ihren Konsum und möchten gerne mit gutem Gewissen einkaufen. Das spüren wir sehr stark aus allen Richtungen. So werden spezialisierte Nachhaltigkeitsläden für uns ein immer wichtigerer Absatzmarkt. Aber auch unsere Nachhaltigkeits-Fortbildungen für den Fachhandel werden sehr gut angenommen. Die Händler setzen sich zunehmend damit auseinander, welche Anforderungen nachhaltige Produkte erfüllen sollten. Und dann gelangen sie schnell zu Vaude, weil wir mit hohen, anerkannten Standards arbeiten und uns in allen Bereichen extern zertifizieren lassen. Das schafft Vertrauen, darauf kann man sich verlassen. So haben wir uns in den letzten Jahren eine Vorreiterposition und eine sehr hohe Glaubwürdigkeit bei Händlern wie Endkunden erarbeitet. Das Interesse an unserem erfolgreichen Nachhaltigkeitskonzept und unserer Expertise ist riesig. Daher wir eine Akademie für nachhaltiges Wirtschaften gegründet, um Unternehmen und Organisationen aller Art bei der ökologischen Transformation zu unterstützen. Wir werden überrannt mit Anfragen.

Auch von Unternehmen aus der Schuhbranche?

Da sind alle Branchen dabei. Auto, viel Bike, aber auch Pharmazie, Banken, Versicherungen, Reise und tatsächlich auch die erste Anfrage aus der Schuhbranche. Momentan werden einfach alle Branchen von dem Thema getrieben, sei es von ihren Mitarbeitern, den Kunden oder aus Eigeninteresse.

Was bewegt die Unternehmen? Welche Inhalte vermitteln Sie?

Bei ganz vielen steht am Anfang die Frage, ob man mit Nachhaltigkeit wirtschaftlich erfolgreich sein kann. Auch sehen viele erst einmal einen hohen Berg vor sich. Sie möchten gerne starten, wissen aber nicht, wo anfangen. Im ersten Schritt vermitteln wir daher, was wir machen und welche Stolpersteine wir überwunden haben, damit es für die Teilnehmer greifbar und überschaubar wird. Dann geht es um Fragen der Unternehmenskultur und wie die Mitarbeiter mitgenommen werden. Und natürlich um konkrete Schritte: Was mache ich als erstes? Wie kontrolliere ich meine Lieferkette zuverlässig, und wie mache ich sie transparent?

Welche Hürden werden am Anfang überschätzt?

Viele haben Riesenskrupel, sich auf Nachhaltigkeit einzulassen und dies offen zu kommunizieren, weil sie noch nicht perfekt sind. Sie fürchten, sich angreifbar zu machen und kritisiert zu werden. Diese Angst ist total überbewertet. Wenn Unternehmen es ernst meinen und ankündigen, sich auf den Weg zu machen und transparent darüber zu informieren, dann gibt es keine negativen Stimmen. Wenn Sie sagen, ich bin auf dem Weg und das sind meine ersten Schritte, erhalten Sie nur Bestätigung. Anders ist es natürlich, wenn Unternehmen nur so tun als ob und dabei bewusst Green Washing betreiben.

Wie sehen typische erste Schritte aus?

Am Anfang steht häufig die Einführung eines Managementsystems, an dem man sich messen und orientieren kann. Das können z.B. die Sustainable Development Goals der United Nations oder die Bewertung über eine Gemeinwohlbilanz sein. Wo stehe ich da im Vergleich zu anderen Unternehmen? Anhand der Kriterien lassen sich auch bereits Handlungsbereiche erkennen. Diese Bestandsaufnahme finde ich extrem wichtig, damit man seine großen Baustellen und Hebel zur Lösung erkennt. Bei Vaude konzentrieren wir uns auf zwei wichtige Kernbereiche. Das ist unser gesamtes Wirtschaften hier am Standort selbst sowie unser gesamter Kernprozess, also die Produktentwicklung vom ­Design über die Materialauswahl, Produktion bis zum Transfer der Information an die Kunden sowie die Reparatur und das Recycling am Ende. Es geht um den gesamten Kreislauf des Kerngeschäfts und nicht nur darum, Papier umzustellen und dann zu glauben, man habe etwas getan.

Nachhaltigkeit ist mit Aufwand und Kosten verbunden. Können sich das auch kleine Unternehmen leisten?

In den Köpfen steckt immer noch die Vorstellung, dass man sich um Nachhaltigkeit kümmert oder nicht. Unter dem Strich ist alles teuer – und daher mache ich es vielleicht lieber nicht. Aus meiner Sicht ist Nachhaltigkeit jedoch nicht teuer. Unsere Haltung als Unternehmen ist, dass wir Teil eines Problems sind. Die globale Textilindustrie ist genauso wie die Schuhindustrie echt problematisch. Daher sehen wir den Tatsachen ins Auge. Wir verstehen uns als Mitverursacher des Klimawandels, als Mitverursacher von Mikroplastik in den Meeren und des Artensterbens durch die vielen Pestizide und Chemikalien, die bei der Produktion entstehen, und als mitverantwortlich für prekäre Arbeitsbedingungen und so weiter. Es geht darum, dass man sich bewusst wird, dass die Auswirkungen des eigenen wirtschaftlichen Handelns Schäden in der Natur verursachen, Menschen ausbeuten oder sich negativ auf die nachfolgende Generation auswirken. Für diese globalen Herausforderungen suchen wir alternative, zukunftsfähige Lösungen, die einen möglichst kleinen ökologischen Fußabdruck hinterlassen und größtmögliche Lebensqualität stiften. Nachhaltig Wirtschaften ist daher nichts anderes, als unternehmerische Verantwortung wahrzunehmen. Von daher würde ich sagen, egal wie groß dein Unternehmen ist, ist es deine Aufgabe zu schauen, dass du sauber arbeitest.

Sie haben von Baustellen und den großen Themen gesprochen. Welche bestehen noch für Vaude und wo sind Sie schon ziemlich weit?

Beim Thema Umweltschutz haben wir wirklich schon ein hohes Niveau. Über 90% unserer Kollektion erfüllen die Bedingungen unseres eigenen, strengen Green Shape-Labels, das für umweltfreundliche und faire Produkte aus nachhaltigen Materialien steht. Beim Thema Klimawandel, bzw. unserem Ziel, mit allen Produkten klimaneutral zu werden, haben wir schon viel erreicht, aber uns neue, ambitionierte Ziele gesetzt. Seit 2012 sind wir am Firmensitz in Tett­nang klimaneutral, auch unsere Produktion hier am Standort. Nun wollen wir einen großen Schritt weitergehen und weltweit klimaneutral werden. Um dieses Ziel zu erreichen, bauen wir aktuell den Anteil an biobasierten und recycelten Materialien bei unseren Produkten deutlich aus, weil dadurch fossile Ressourcen geschont und Emissionen reduziert werden. Aber das reicht noch nicht aus. Im nächsten Schritt müssen auch unsere Produzenten ihre Energieversorgung umstellen und wir dann auch irgendwann in Kompensationsleistungen gehen.

Wie aufwändig ist es, Lieferanten und Partner mit ins Boot zu holen?

Als wir im Jahr 2009 unseren sehr konsequenten Weg begonnen haben, hatten wir 65 Produktionsstätten und über 150 Materiallieferanten. Wir waren immer nur ein ganz kleiner Partner mit bis zu 5% Auslastung. Entsprechend schwierig gestaltete sich die Umstellung der Lieferkette. Oft hieß es, dass wir die einzigen seien, die z.B. den Bluesign-Standard nachfragten. Und für uns allein würde man den Prozess nicht umstellen bzw. wir müssten eben 20.000 Euro pro Jahr für die Umsetzung zahlen. Wir mussten daher extrem viel Überzeugungsarbeit leisten. Wir konzentrierten uns auf die Produzenten, die mit uns an einem Strang zogen, reduzierten die Zahl unserer Partner und zogen Mengen zusammen, um mehr Gewicht zu bekommen. Gleichzeitig suchten wir weitere Verbündete.
Das war aber 2009 und ist damit sehr lange her. Es wird leichter, je mehr Kunden nachhaltige Produkte fordern und Wettbewerber mitziehen. Dann steigt die Nachfrage, und es wird für Hersteller attraktiver, sich auf diesen Weg einzulassen. Immer mehr Lieferanten kommen außerdem aktiv auf uns zu und wollen mit uns Materialien entwickeln. Mit einem unserer Lieferanten haben wir beispielsweise ein Fleece aus Holzfasern entwickelt, als ein Lösungsansatz gegen Mikroplastik in den Meeren. Wenn hier Fasern durch das Waschen oder Tragen ins Meer gelangen, dann lösen die sich mit der Zeit organisch auf.

Sie sprachen von Verbündeten. In welchen Bereichen arbeiten Sie mit Wettbewerbern zusammen?

In der Outdoor-Branche engagieren arbeiten wir uns traditionell recht viel gemeinsam. Bei Fair Wear zum Beispiel teilen wir uns mit anderen Marken die Kosten für die Audits, wenn wir mit der gleichen Produktionsstätte zusammenarbeiten. Wir stimmen uns untereinander ab, wer welche Aufgaben übernimmt. Wir arbeiten auch eng mit der European Outdoor Group sowie dem Sportartikel-Herstellerverband BSI zusammen. In beiden Verbänden verfolgen wir gemeinsame Projekte. Aktuell geht es z.B. darum, dass Umverpackungen zu 100 Prozent recycelt werden.
Wenn wir ein Material entwickeln, wie das Fleece-Material aus Holzfasern, dann nutzen wir es zwei Saisons exklusiv und machen es dann aber allen zugänglich. Denn nur wenn viele mitmachen, kann das neue Material auf dem Markt richtig Fuß fassen. Zusammenarbeit macht beim Thema Nachhaltigkeit Sinn – auch branchenübergreifend. ­Allein stirbst du in Schönheit.

Die Umstellung auf eine nachhaltige Produktion fordert nicht nur von den Lieferanten die Offenheit für neue Wege, sondern auch von den eigenen Mitarbeitern. In einem Fernsehinterview sagten Sie, dass die Anfänge bei Ihnen hart und auch zäh waren.

Es war ein sowohl als auch. Ich habe nicht die Nachhaltigkeit zu Vaude gebracht. Schon lange vor meiner Zeit gab es viele Mitarbeiter, die sich leidenschaftlich mit dem Thema auseinandersetzen. Wer viel draußen ist, weiß, was es zu bewahren gilt. Daher gab es auch schon vor 2009 nachhaltige Projekte bei uns. Der Grundstein war gelegt. Als es darum ging, alles konsequent umzustellen, und zwar Schritt für Schritt, zog dies aber auch viele Einschränkungen nach sich. Das Produktmanagement konnte nur noch auf zertifizierte und auditierte Materialien zurückgreifen. Dadurch schränkte sich die Auswahl ein, erhöhten sich der Aufwand und auch die Kosten. Dagegen gab es Widerstände. Auch die Verunsicherung stieg. Wir wussten alle, dass wir ein Riesenrisiko eingehen.
Auf allen Ebenen leisteten wir daher extrem viel Überzeugungsarbeit. Wir brauchten großen Durchhaltewillen. Es ist schwierig, konsequent auf dem Weg zu bleiben und nicht dauernd Kompromisse zu machen. Denn am Anfang fragte kein Kunde nach den Produktionsbedingungen. Auch aus dem Handel hörte man nur: ’Wir brauchen das nicht‘.

Hatten Sie den Widerstand unterschätzt?

Nein, weil ich mir ja selbst nicht sicher war, ob das überhaupt funktionieren kann. Es gab keine großen Vorbilder für nachhaltiges Wirtschaften. Um die Produktpalette umzustellen und alle Lieferwege in Asien irgendwie zu transformieren und transparent zu gestalten: Wenn das sicher gewesen wäre, wäre es kein Problem gewesen. Der Widerstand war für mich daher total verständlich.
Ich war vielmehr überrascht, wie viele Zielkonflikte auf uns zukamen. Nachhaltig arbeiten ist das ständige Management von Zielkonflikten, also Preis gegen Funktion zum Beispiel. Es gibt kein Schwarz-Weiß und so viele unterschiedliche Perspektiven. Das Thema ist sehr komplex. Wir haben am Anfang daher auch ganz schön gestritten, bis wir gelernt haben, eine lösungsorientierte, hierarchieübergreifende und interdisziplinäre Kultur zu schaffen. Das war und ist ein Prozess.

Hat die bewusste Entscheidung zu einer nachhaltigen Wirtschaftsweise auch die Organisation Ihres Unternehmens ein Stück weit umgekrempelt? Werden dadurch Kräfte entfesselt, mit denen Sie am Anfang nicht gerechnet haben?

Das hängt natürlich davon ab, wie ein Unternehmen vorher aufgestellt ist. Um konsequent nachhaltig zu sein, braucht man aus meiner Perspektive eine Kultur, in der sich alle auf Augenhöhe begegnen. Wenn ich so eine Organisation noch nicht habe, muss ich da erstmal hinkommen. Ich komme nicht weit, wenn nur die Führungskräfte entscheiden. Dann entsteht ein Flaschenhals, weil eine Person alle Informationen verarbeiten und dann entscheiden muss. Das ist schwer, weil man die Komplexität auf verschiedenen Ebenen immer wieder auflösen muss. Dafür braucht es die entsprechenden Kompetenzen. Die Reduktion der Komplexität ist ein Teil der Lösungsfindung unter Berücksichtigung von Zielkonflikten. Das muss man sich erst aneignen bzw. aufbauen.

Ganz anderes Thema: Vor kurzem feierte das staatliche Siegel „Grüner Knopf“ seinen ersten Geburtstag. Vaude ist von Anfang an mit dabei. Warum?

Dahinter steht unsere Haltung als Unternehmen: Wenn ich nachhaltig wirtschafte, will ich meiner unternehmerischen Verantwortung gerecht werden. Doch seit wir diesen Weg konsequent gehen, stelle ich immer wieder fest, dass es leichter ist, dieser Verantwortung nicht nachzukommen. Wir leben in einem System, in dem es leichter ist, Verantwortung abzuschieben, als sie zu übernehmen. Seit dieser Erkenntnis sind wir als Unternehmen politisch sehr aktiv. Wir wollen dazu beitragen, dass nachhaltiges Wirtschaften die Regel wird für alle und nicht die Ausnahme bleibt für einzelne Pioniere. Wir brauchen Aufklärung und Transparenz für den Konsumenten, der auch genau das immer mehr fordert. Toll, dass sich die Regierung und Entwicklungshilfeminister Müller mit dem Grünen Knopf ein übergreifendes, staatliches Metasiegel für fair und ökologisch hergestellte Textilien zur Aufgabe gemacht haben. Damit hat es die Chance auf eine wirklich breite Bekanntheit und Akzeptanz. Für uns war von Anfang an klar, dass wir die Initiative unterstützen.

Ähnlich begründen sie auch ihr Engagement für das Lieferketten-Gesetz, das von vielen Wirtschaftsvertretern abgelehnt wird?

Ja, ich muss doch Verantwortung dafür übernehmen, was ich mache. Als Begründung gegen das Gesetz kann ich nicht sagen, dass ich nicht weiß, wie meine Lieferkette aussieht. Diese Transparenz muss ich mir erarbeiten, das ist eine moderne Unternehmensaufgabe. Wie kann ich dafür Sorge tragen, dass ich ein System habe, das die Risiken erkennt und Verbesserungen kontinuierlich unterstützt? Das finde ich eine völlig logische Konsequenz aus meiner Haltung.
Aber nachhaltiges Wirtschaften ist wegen des Mehraufwands und des Risikos aktuell immer noch ein Wettbewerbsnachteil. Mit dem gesunden Menschenverstand betrachtet, ist das schizophren. Das Lieferketten-Gesetz trägt nicht nur zu einer fairen Globalisierung bei, sondern auch zu gleichen Wettbewerbsbedingungen für nachhaltige Wirtschaftsunternehmen.

Welche Bedenken und Einwände aus der Wirtschaft können Sie nicht nachvollziehen?

Die Kosten sind so ein Thema. Natürlich kostet es etwas, sicherzustellen, dass Menschen nicht ausgebeutet werden. Es gibt kein Recht auf billige Produkte, wenn damit andere Menschen ausgebeutet werden.
Laut Studien sinkt das Vertrauen der Konsumenten in Unternehmen immer mehr. Kann man sich dann immer noch wegducken und sagen, das geht nicht? Auch aus wirtschaftlicher Perspektive halte ist es für wichtig, sich diese Disziplin aufzubauen. Ich brauche heute ein gutes Lieferkettenmanagement, weil das mein Kunde schon gestern von mir erwartet hat. Er wollte gestern schon von mir wissen, dass unsere Produkte nicht dazu beigetragen haben, dass Menschen oder die Umwelt ausgebeutet werden.

Der Kunde erwartet nachhaltiges Engagement. Gleichzeitig hinterfragt er aber nicht immer den Preis der Produkte. Sein Verhalten scheint manchmal schizophren.

Darum ist es wichtig, aus verschiedenen Perspektiven an dem Thema zu arbeiten, wie etwa mit dem Grünen Knopf. Aber es wird schon deutlich sichtbar, dass die Kundinnen und Kunden immer aufgeklärter sind. Wenn ich mir dann die Generation Z vor Augen führe, die sind wirklich radikal und strafen Unternehmen ab, wenn die Wertvorstellungen nicht übereinstimmen. Dort herrscht die Haltung, dass wir ihnen eine Welt voller Baustellen hinterlassen, und jetzt schauen wir einmal, wer uns hilft beim Aufräumen und wer sich wegduckt. Mit einem Blick auf die nachrückende Generation ist es essentiell wichtig, sich ordentlich aufzustellen, um diese Herausforderungen mit anzupacken.

Vaude versteht sich als Partner des Fachhandels. Wie bewerten Sie dessen Situation? Wie kann er sich attraktiv aufstellen?

Aktuell hat sich bei den Konsumenten natürlich etwas aufgestaut. Viele Leute wollen jetzt einfach erstmal shoppen gehen. Das hilft hoffentlich vielen, die Verluste aus der Coronazeit zu minimieren. Grundsätzlich hat sich gezeigt, dass diejenigen Händler wesentlich besser durch die Krise kamen, die sich digitale Kompetenzen aufgebaut haben.
Gleichzeitig könnte jetzt auch die Sternstunde für diejenigen stationären Händler kommen, die eine tolle persönliche individuelle Beratung anbieten, die online nicht möglich ist. Hier muss der Fachhandel seine Stärken herausarbeiten. Das wird jetzt Hochkonjunktur haben für alle, die sich Einkäufe im Internet aufgespart haben, weil sie doch lieber ins Geschäft gehen, sich beraten lassen und das Produkt in die Hand nehmen wollen.

Vaude bietet für Händler Nachhaltigkeitsworkshops an. Wie sind diese besucht?

Die Nachfrage ist sehr stark. Die Workshops entstanden aus dem Gedanken heraus, dass die Kunden schon länger nachhaltig einkaufen wollten – es aber nicht getan haben. Dieser Gap liegt häufig einfach daran, dass sie nicht aufgeklärt werden und ihnen im Laden oder online dann doch die Motivation fehlt, nachhaltig einzukaufen. Online können wir alle Informationen zur Verfügung stellen. Aber im Geschäft braucht man jemanden, der auch proaktiv auf Kunden zugeht und alles erklärt. Wenn wir die Verkaufsteams eineinhalb Tage trainieren und ihnen Schulungsmaterial an die Hand geben, bauen sie diese Kompetenz auf und trauen sich, Kunden auch kompliziertere und kritische Fragen zu beantworten. Damit steht auch nicht mehr der Preis im alleinigen Fokus, sondern Nachhaltigkeit wird zum ernsthaften Verkaufsargument, und es besteht die Möglichkeit, höherwertig zu verkaufen.

Die Mitarbeitenden im Verkauf müssen mit ihren Kunden auf Augenhöhe über Nachhaltigkeit diskutieren können. Ansonsten vermeiden sie das Thema. Wie sichern Sie diese Fähigkeit intern bei Vaude? Was bewegt Sie im Bereich Human Resources? Haben Sie Schwierigkeiten, Mitarbeiter zu gewinnen?

Obwohl wir in der Provinz liegen, ab vom Schuss sind und am Standort Vollbeschäftigung herrscht, haben wir abgesehen von unserer Manufaktur in den meisten Fällen keine Probleme, Mitarbeiter zu bekommen. Im Gegenteil: Wir werden gesucht. Viele Bewerber legen bewusst Wert auf die Sinnhaftigkeit ihrer Arbeit und die Vereinbarkeit zwischen Beruf und Privatleben. Hier haben wir schon viel aufgebaut. Wir hatten vor Corona bereits Vertrauens-Arbeitszeit eingeführt und das Mobile Arbeiten im Home Office etc. gefördert. Das ist vielen Leuten wichtig.

Sie selbst haben vier Kinder und leben persönlich vor, dass sich Karriere und Familie vereinbaren lassen.

Mit Maßnahmen wie unserem Kinderhaus, das wir in Kooperation mit der Stadt Tettnang betreiben, unterstützen wir diesen Weg. All das ist Teil unserer Vertrauenskultur, die wir in den letzten zehn Jahren aufgebaut haben. Wichtig ist uns zum Beispiel ein gutes Zeitmanagement, so dass Termine nicht plötzlich abends angesetzt werden. Auch Führungskräfte sollen die Möglichkeit haben, eine gute Work-Life-Balance zu verwirklichen. Dafür braucht man ein Klima, in dem jeder eingeladen ist und auch Lust dazu hat, Mitverantwortung zu übernehmen, selbst wenn man Kinder hat und Zeit für die Familie haben möchte.

Dafür brauchen Sie Mitarbeitende, die Verantwortung übernehmen und sich einbringen wollen.

Wir befassen uns sehr stark mit dem Thema Selbstwirksamkeit. Führungskräfte agieren folglich nicht mehr in erster Linie als Entscheider und Kontrolleure. Stattdessen definieren sie als Moderatoren und Gestalter den Rahmen, damit ihre Teams gut arbeiten können.
Wir schulen tatsächlich auch alle bei ­Vaude zum Thema Selbstwirksamkeit. Wie ticke ich, wie ticken die anderen? Es geht darum, seine eigene Haltung und seinen Gestaltungsraum zu erkennen und Beziehungskompetenz aufzubauen und sich nicht als Opfer seiner eigenen Gefühle zu verstehen. Das macht natürlich nicht jeden zum großen Mitunternehmer. Aber dieser Prozess setzt unheimlich viel frei, so dass es uns Stück für Stück gelingt, diesen automatischen Blick auf ,die da oben‘ gegenüber „Wir hier unten“ abzuschaffen.
Auf diesem Weg baut sich Vertrauen auf und der Wille, selbst mitzudenken. Ich verstehe, wo das Unternehmen hin möchte. Dann denken Menschen mit und übernehmen gerne Verantwortung, weil es einfach natürlich wird.

Vaude bietet auch Schuhe an. Wie wichtig ist dieses Segment für Sie?

Schuhe bieten wir seit ca. fünfzehn Jahren an. Es ist unser jüngster Produktbereich. Schuhe komplementieren unser Outdoor- und Textilsortiment. Der Schuhmarkt hat sich gerade durch den aktuell ausgelösten Outdoorboom nochmals im Multifunktionsbereich stark entwickelt. Daher ist das für uns ein sehr interessantes Segment. Gleichzeitig hat es ein sehr starkes und etabliertes Wettbewerbsumfeld. Wir wollen auch in diesem Bereich mit nachhaltigen Lösungen punkten und sehen großes Potential. Der Schuhmarkt bietet definitiv noch weniger nachhaltige Lösungen als der Textilmarkt. Das ist eine Rolle für Pioniere. Innovative Entwickler sind extrem gefragt. Bei uns im Fokus ist besonders der hohe Einsatz von recycelten und biobasierten Materialien.

Wo liegen die besonderen Herausforderungen? Bei den Materialien oder beim Kleber?

Bei den Obermaterialien gibt es gute Alternativlösungen oder zertifizierte Leder. Bei der Sohle wird es dann schon schwieriger, weil die Performance gesichert sein muss. Wir bieten nachhaltige Alternativen zu konventionellem Gummi, beispielsweise aus recyceltem Naturkautschuk, Autoreifen oder Kork. Bei den Stützen und Schutzelementen setzten wir auf biobasierte TPU-Elemente aus Mais oder Speiseöl. Kleber und Lösungsmittel sind eine Herausforderung. Und dann macht natürlich der vielfältige Mix an Materialien am Ende das Recycling schwierig. Hier bieten wir die Möglichkeit der einfachen Trennung und Rückführung der Einzelbestandteile wie zum Beispiel bei unseren neuen Sneaker Modellen aus Portugal.

Welchen Eindruck haben Sie von der Schuhbranche?

Ich sehe einerseits totale Leidenschaft und Herzblut, weil der Schuh ja etwas ganz Spezielles ist. Es gibt viel Innovation und Begeisterung in der Produktentwicklung. Im Vergleich zur Outdoor-Branche erkenne ich noch wenig Nachhaltigkeitsbestrebungen und damit auch eine große Chance, sich da zu behaupten.
Momentan fragen die Konsumenten vor allem bei Kleidung kritisch nach. Ich glaube, der Schuh wird das nächste Segment sein, das genauer unter die Lupe genommen wird. Daher erstaunt mich, dass sich da auf breiter Basis noch nicht so wahnsinnig viel bewegt. Ein bisschen von dem ganzen Herzblut und der Leidenschaft könnte also auch in die Richtung schwenken: Jetzt machen wir es nicht nur modisch, funktional und bequem, sondern auch umweltfreundlich und fair.

Login für Abonnenten
Sie möchten alle Inhalte lesen?
  • Website-Login
  • E-Paper-Zugang
  • Alle Newsletter
Christopher Mastalerz / 23.07.2021 - 12:00 Uhr

Weitere Nachrichten