Digitales Ordern nach Corona

„Die Nachorder wird digitaler“

Digitales Ordern – nicht bloß in Corona-Zeiten. (Foto: Unsplash)
Digitales Ordern – nicht bloß in Corona-Zeiten. (Foto: Unsplash)

Digitales Ordern spielt in der aktuellen Saison eine neue und nicht zu missachtende Rolle. schuhkurier hat verschiedene Orderplattformen zur aktuellen Situation befragt.

In einer Umfrage, die schuhkurier im Februar dieses Jahres unter Händlern in der DACH-Region durchführte, gaben rund 50% an, in der aktuellen Saison auf digitale Orderangebote zu setzen. Auch die DHBW Heilbronn hat in seiner Studie zur digitalen Order festgestellt, dass der Anteil der in Deutschland gekauften Waren digital gehandelt wurde. Die Studie entstand in Zusammenarbeit mit dem BTE und dem BDSE. Zwei Drittel der Händler haben laut der Studie bereits eine digitale Vororder geschrieben, über 50% geben allerdings an, dass das nur aufgrund der Corona Pandemie geschehen ist. Etwas mehr als die Hälfte der Einkäufer hat weniger als 10% der Order digital geschrieben. Es gibt aber auch Einkäufer, die mehr als die Hälfte des Ordervolumens der vergangenen Saison digital geschrieben haben. Tendenziell ordern größere Unternehmen eher digital als kleinere. Lieferantenübergreifende Orderplattformen sind den meisten der befragten Einkäufer nicht bekannt. Nur wenige haben bereits über eine solche Plattform geordert. Am bekanntesten ist die Fashion Cloud. 12% der Einkäufer geben an, über die Fashion Cloud geordert zu haben.

„Wichtig wird in der nahen Zukunft sein, Corona-Notlösungen abzuschalten und die digitale Order weiter zu professionalisieren“, schätzt Prof. Dr. Oliver Janz, Studiengangleiter BWL-Handel / Fashion Management an der DHBW Heilbronn, die Situation ein. „Viele Händler wünschen sich dafür eine lieferantenübergreifende Orderplattform, die den Orderprozess vereinfacht und die Transparenz erhöht.“ Aktuell sind sich die deutschen Fashion-Händler noch nicht einig: Manche Händler lehnen die digitale Vororder ab, andere wiederum geben an, in Zukunft bis zu 100% ihrer Bestellungen online abwickeln zu wollen. Tatsache ist aber, dass 96% aller Händler, die bereits Erfahrungen mit der digitalen Order gesammelt haben, auch in Zukunft digital bestellen wollen. „Es wird wohl auf eine Hybridlösung hinauslaufen“, vermutet Janz.

We Want Shoes

Von einer „Schockstarre“ spricht der We Want Shoes-Gründer Saydou Bangoura im Gespräch mit schuhkurier, wenn er sich an die Monate März und April des vergangenen Jahres zurück entsinnt. Inzwischen hätten die Händler jedoch Mittel und Wege gefunden, mit der Corona-Situation umzugehen – und entsprechend zu ordern. „Wir verzeichnen aktuell eine normal laufende Order“, so der Experte. Bangoura betreibt die Plattformen We Want Shoes und Circular, die laut eigener Angaben aktuell rund 26.000 Händler in ganz Europa nutzen. Rund 50% entfallen laut Bangoura auf den deutschsprachigen Raum. Während auf We Want Shoes rund 150 Marken ihre aktuellen Kollektionen vorstellen, sind auf Circular rund 100 Lieferanten vertreten. „Dabei gibt es allerdings Überschneidungen bei den beiden Plattformen. Circular ist auf nachhaltige Marken ausgelegt. Wenn also eine Marke, die bei We Want Shoes ausstellt, nachhaltig ist, dann ist sie meist auch bei Circular zu finden“, sagt der CEO. Insgesamt haben sich bei den beiden Plattformen die Odervolumina im aktuellen Einkaufsgeschehen erhöht. Besonders gut gingen derzeit Marken mit einem Bezug zur Nachhaltigkeit, berichtet Bangoura. Dies schreibt er dem veränderten Kaufverhalten der Konsumenten durch die Corona-Krise zu. Eine Neuerung in der aktuellen Order ist der Live-Showroom bei Circular. Gehen Aussteller live, wartet im Showroom ein Ansprechpartner darauf, dass Interessierte in den Showroom „eintreten“. Kunden können mit den als aktiv angezeigten Marken in Verbindung treten und sich im Austausch mit dem Ansprechpartner über die Kollektionen informieren. Dies ersetze zwar nicht das „Touch and Feel“ einer physischen Order, ergänze aber ein Stück weit den zwischenmenschlichen Kontakt, der im digitalen häufig verloren ginge. Für die kommenden Orderrunden erwartet Saydou Bangoura ein hybrides Modell: „Der direkte Kontakt auf einer physischen Messe ist für die  Händler wichtig, aber bei der Nachorder wird es in Zukunft digitaler ablaufen.“

Quintet24

Als Verbundgruppen-übergreifende Plattform im Juni letzten Jahres von ANWR, SABU und dem Kooperationspartner Mobimedia eingeführt, ist an die Orderplattform Quintet24 inzwischen auch die Verbundgruppe GMS angeschlossen. „Aktuell sind ca. 6.000 Händler aktiv, über 10.000 Händler sind eingeladen. Wir arbeiten intensiv mit den Verbundgruppen ANWR, SABU und GMS zusammen, die nun monatlich mit neuen Funktionen und starker Integration in die jeweiligen Prozessebenen erweitern“, erklärt Mobimedia-Vorstandsmitglied Hannes Rambold. Man führe aktuell 160 Marken aus dem Mode-, Sport- und Schuhbereich, wobei rund 40 Marken aus der Schuhbranche kommen. Auch Hannes Rambold zieht ein positives Zwischenfazit zu der aktuellen Orderrunde: „Wir haben bewusst auf einfache Integrationen im Stil eines digitalen Messekataloges verzichtet, weil Digitalisierung in einer effizienten Kooperation zwischen Handel und Hersteller weiterhelfen muss. Hier reicht eine Infoseite mit Kontaktdaten bei Weitem nicht aus. Unsere Kunden verzeichnen in der Videocall unterstützten Online-Order keine Einbußen gegenüber der Präsenzorder. Hochwertige Marken wie Bogner und Betty Barclay können ebenso online ordern, wie etwa die Schuhmarken Ricosta, Gabor, Paul Green und Marc O’Polo.“ 
Für die zukünftigen Orderzyklen sieht auch Rambold keine rein digitale Order: „Wir wissen heute aus den Erfahrungen, dass wir eine Koordination von digitalen und Präsenzangeboten haben werden. Daraufhin ist unser Angebot eingerichtet. Eine digitale Vorbereitung der Orderauswahl mit einem breiten Informationsangebot der Lieferanten verbessert die Entscheidungssituation der Einkäufer. Messen werden hybrid stattfinden. Bereitstellung der Musterware wird mit digitalen Inhalten ergänzt. Präsentationstermine und Ordertermine können entkoppelt werden. Zwischenprogramme werden digital angeboten. Damit wird der Einkäufer eine permanente Ordermöglichkeit haben, um sein Warenangebot ständig aktuell und begehrenswert bespielen kann. Trotzdem wird er auf die Prüfung echter Musterware nicht verzichten. Eine reale Branchenmesse wird das saisonale Highlight insbesondere als herausragende Dienstleistung der Verbundgruppen. Der Einkäufer wird sich digital Besuchspläne zusammenstellen. Die Order selbst wird dann verstärkt über Videocalls abspielen. Der Einkäufer gehört ja ins Geschäft und nicht auf die Autobahn.“

Fashioncloud

Bei Fashioncloud verteilen sich rund 450 Marken auf die Vor- und Nachorderbereiche der Plattform. Während die Nachorder über Fashioncloud seit letztem Jahr möglich ist, ist die Option der Vororder eine Neuerung: Erst seit einigen Monaten ist dies möglich, viele Marken werden laut Unternehmen aktuell eingepflegt. Insgesamt verfügt die Plattform nach eigenen Angaben über zirka 15.000 Händler mit über 40.000 POS, die das Angebot zur Order eher zögerlich wahrnehmen. „Während des letzten Jahres haben wir eine neue Offenheit der Branche gegenüber digitalen Lösungen wahrgenommen. Viele Händler und Marken sehen die Vorteile einer digitalen Order-Lösung, wie z.B. effizientere Termine, weniger Reisekosten, einen schnelleren Überblick. Gleichzeitig gibt es weiterhin gewisse Vorbehalte gegenüber einer reinen digitalen Order, u.a. die fehlende Haptik und der fehlende persönliche Austausch. Teilweise kann dies zwar durch Video-Calls ausgeglichen werden, aber es bleibt dennoch eine Diskrepanz“, so Fashioncloud gegenüber schuhkurier. Digitale Lösungen seien auch während den corona-bedingten Einschränkungen eher ergänzende Angebote geblieben. Man habe jedoch bei der über die Plattform laufenden Fashion Week die Nachfrage der Kunden nach ansprechend aufbereitetem Kollektionsmaterial und schnell abrufbaren Informationen gespürt. Für die Zukunft sieht Fashioncloud ein Verankern der digitalen Angebote: „Wir sehen ein großes Potenzial bei den Einzelnachbestellungen – fehlende Wunsch-Artikel der Kunden können direkt nachbestellt werden.“ Für die kommenden Monate plant Fashioncloud, die Emotionalisierung der Produkte noch weiter voranzutreiben. Zudem sollen intelligente Lösungen,  darunter beispielsweise automatisierte Order-Angebote, weiterentwickelt werden. 

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Laura Klesper / 11.03.2021 - 10:28 Uhr

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