75 Jahre schuhkurier – Interview mit Klaus Schwitzke

„Es geht nicht ums Zurückkehren“

Klaus Schwitzke (Foto: Steffen Schulte-Lippern)
Klaus Schwitzke (Foto: Steffen Schulte-Lippern)

Was braucht der stationäre Handel, um in Zukunft eine Chance auf Erfolg zu haben? Klaus Schwitzke, Designer, Innenarchitekt und Unternehmer, sagt: Er muss vor allem seine Kunden kennen, um deren Lieblingshändler werden zu können.

Herr Schwitzke, was macht Corona mit uns?

Klaus Schwitzke: Wir sehen derzeit zwei wesentliche Entwicklungen, die es bereits vor der Pandemie gab und die durch die aktuelle Krise noch einmal verstärkt wurden: Zum einen löst sich der Einkaufsvorgang vom Ort. Und hinzu kommt jetzt, dass sich auch das Arbeiten zunehmend vom Ort löst.
Ich muss nicht mehr in den Laden gehen, um zu kaufen, und ich muss nicht mehr ins Büro fahren, um zu arbeiten. Das betrifft natürlich nicht alle Berufsgruppen, aber doch zumindest viele, die in Städten arbeiten. Unsere Städte haben sich in der Vergangenheit weg von der Industrie und hin zu Verwaltungszentren gewandelt, und wenn Verwaltung zunehmend nicht mehr im Büro stattfindet, sondern eben vom Ort entkoppelt ist, nehmen die Frequenzen in den Innenstadtlagen ab. Das ist das Wesentliche, womit Menschen, die Läden betreiben, zu kämpfen haben: Dass sie in Zukunft ihr Geschäft mit einer geringeren Frequenz machen müssen. Dies muss zwangsläufig dazu führen, dass ein Händler sein Geschäft nicht mehr ausschließlich stationär betreiben kann. Er muss einen Teil seines Geschäfts digitalisieren.

 

Das machen viele, auch schon seit der Zeit vor der Pandemie….

Ganz genau. Die Notwendigkeit, das zu tun, hat noch einmal zugenommen.

 

Eine Möglichkeit zur Digitalisierung ist die Zusammenarbeit mit Plattformen…

Dies birgt im übertragenen Sinn die gleiche Problematik wie die Entscheidung eines Händlers, aus einer Straße in ein Shoppingcenter umzuziehen. Er begibt sich in die Abhängigkeit von der Attraktivität dieses Marktplatzes und ist nur noch zum Teil Herr über sein Geschäft.

 

…und gar nicht mehr Herr über seine Kundendaten…

…und auch nicht über die Frequenz. Das sollte man sich zumindest bewusst machen. Das heißt nicht, dass es per se richtig oder falsch ist.

 

Die Pandemie hat die Diskussion über Mieten neu angefacht. Händler müssen angesichts deutlich reduzierter Umsätze Kosten senken...

Das ist grundsätzlich richtig und hat mit der Pandemie zunächst mal nichts zu tun. Der Wert des Ladenlokals ist abhängig von der Frequenz. Wenn die Frequenz abnimmt, gibt es einen Wertverfall. Man muss sich also Gedanken machen: Folgt der Vermieter der Einschätzung des Händlers und findet man einen Kompromiss oder muss der Händler den Standort wechseln? Es gibt gar keine Alternative. Der Handel kann nicht mit den gleichen Kostenstrukturen weiterarbeiten.

 

Die Pandemie wird vielfach als Brandbeschleuniger bezeichnet, weil sie in relativ kurzer Zeit massive Veränderungen mit sich bringt. Welche Entwicklungen sehen Sie in Zukunft?

Ich mag den Begriff Brandbeschleuniger nicht. Ich finde ihn fürchterlich. Wir haben keinen Brand! Einen Brand kann ich löschen und danach ist die Welt wieder in Ordnung. So ist es aber nicht.

 

Wie würden Sie es nennen?

Wir haben einen Transformationsprozess. Dieser war vorher schon da und ist jetzt immer noch da. Deshalb kann man auch nicht sagen, jetzt wird geimpft und danach normalisiert sich alles und wir können zu unseren alten Verhaltensweisen zurückkehren. So ist das nicht. Der Transformationsprozess hat sich sicherlich in manchen Beziehungen beschleunigt, in anderen ist er vielleicht noch gar nicht zügig genug. Das Thema Nachhaltigkeit ist sogar ein Stück weit überlagert worden in der Pandemie. Manches ist nur notgedrungen eingetreten, zum Beispiel weil keine Flüge mehr stattgefunden haben. Das war ja keine bewusste Entscheidung. Und diese Flüge werden wiederkommen.
Mit umfangreichen Öffnungen wird es erst einmal eine Euphorie geben, bestimmte Dinge nachzuholen. Davon wird wahrscheinlich auch der Handel profitieren. Das heißt aber nicht, dass die grundsätzliche Veränderungspflicht damit aufgehoben ist. Das Thema Nachhaltigkeit wird auch dazu führen, dass nicht nur anders konsumiert wird, sondern auch weniger. Darauf ist der Handel, und der Schuhhandel im speziellen, überhaupt noch nicht eingestellt.

Was wird Ihrer Meinung nach weniger konsumiert?

Ich glaube, dass das Bewusstsein für nachhaltigen Konsum und nachhaltige Produkte insgesamt zunimmt. Das bedeutet, dass die Lieferketten wieder stärker in den Fokus rücken. Das wird dazu führen, dass man sich überlegen muss: Wenn mein Geschäft abhängig davon ist, dass ich eine bestimmte Masse verkaufe und es nur dann funktioniert, wenn ich diese Masse auch wirklich umsetze, wenn es also meine Kompetenz ist, dass es viel für wenig Geld gibt, dann ist das nur für wenige zukunftsfähig. Es führt zwangsläufig zu einem Konzentrationsprozess im Markt. Das sehen wir im Lebensmitteleinzelhandel, der diese Prozesse schon durchlaufen hat. 

 

Das Thema Nachhaltigkeit wird durchaus in der Schuhbranche diskutiert. Händler erleben, dass Kunden sich aufgrund der oft höheren Preise oft noch gegen nachhaltige Produkte entscheiden. Viele können oder wollen sich das nicht leisten. Und für Hersteller ist die Fertigung eines nachhaltigen Schuhs kompliziert. Man sieht, dass das Thema kommt, und man bereitet sich darauf vor, aber es dauert noch, bis es sich durchsetzt.

Das hat die Automobilindustrie mit ihren Motoren auch gedacht. Was ist am Schuh komplizierter als am Dieselmotor? Es ist sicherlich derzeit noch ein exklusives Thema, aber die Frage ist, wie viel Prozent der Konsumenten mit einer bewussten Entscheidung und bewusstem Verhalten es geben muss, damit bestimmte Geschäftstypen plötzlich gut funktionieren – oder gar nicht mehr. Nehmen Sie die schwedische Firma Oatly, die unter anderem Hafermilch herstellt und milliardenschwer an der Börse bewertet wird, oder ein Unternehmen wie Beyond Meat und wie sie alle heißen. Man sieht, dass es ein relevanter Markt ist, der eine beachtliche Größenordnung erreicht hat.
Das wird auch in der Schuhbranche kommen. Was mache ich denn als Schuhmarke oder als Einzelhändler, wenn ich dann nicht ein klares Bekenntnis habe? Ich kann doch auch kein Restaurant betreiben, in dem ich ein vegetarisches und ein veganes Gericht anbiete und ansonsten Steaks. So ist das derzeit noch in der Schuhbranche: Es gibt die eine oder andere Marke, die auch mal einen nachhaltigen Schuh hat, aber eigentlich will man weiter
seine Steaks verkaufen.
Natürlich gibt es schon Leuchtturmprojekte mit Cradle-to-Cradle-Ansatz. Aber wie viele Schuhe sind das im Gesamtumsatz? Das ist doch lächerlich. Wir müssten eigentlich massiv in die Veränderung investieren.

 

Das ist dann aber möglicherweise das Ende der Filialisten mit 30, 40 Filialen...

Es ist das Ende derer, die alles machen wollen. Die sagen: Ich habe für jeden Kunden was und ich will keinen ausschließen. Die Thematik der Persönlichkeitsbildung und der Spezialisierung und der damit verbunden Haltung ist extrem wichtig. Ohne wird es nicht mehr gehen.

 

Ist das nicht trotzdem eher ein Thema für Freiburg oder Münster oder Düsseldorfs edle Stadtteile – und nicht für die Kölner Hohe Straße oder die Düsseldorfer Schadowstraße?

Doch. Definitiv. Es wird dazu führen, dass sich unsere Innenstädte verändern. Unser Bild von einer City, die entweder ganz exklusive Geschäfte beherbergt oder den Massenmarkt abbildet, wird sich auflösen.

 

Wie werden denn dann die Innenstädte aussehen? Was wird aus einer Kö, aus einer Schadowstraße in Düsseldorf?

Sie müssen diversifizieren, in der Nutzung und im Branchenmix. Es wäre wünschenswert, dass die Innenstadt wieder mehr Wohngebiet wird. Heute haben wir mehrere Etagen Retail und oben steht das Haus leer oder beherbergt im besten Fall ein Office oder eine Arztpraxis. Es wird hoffentlich zu einer stärkeren Durchmischung von Wohnen, Arbeiten und natürlich weiterhin Handel und Gastronomie kommen. Dann wird die Innenstadt auch Quartier-ähnlicher.

 

Was würden Sie einem Schuhfilialisten raten, der sich angesichts dieser Szenarien Gedanken über die Zukunft seines Unternehmens macht, der sich fragt, was aus Innenstadtlagen und Centern wird. Wie kann er sich neu erfinden?

Was ich beschrieben habe, ist eine Tendenz. Natürlich gibt es auch in Zukunft echte Metropolen, die einen gewissen Anteil an Frequenzlagen behalten werden, allein schon aufgrund von Verkehrsknotenpunkten. Ein Unternehmen muss sein Filialnetz an den Frequenzen ausrichten. Daneben ist die Frage wichtig, welche Größe ein Standort verträgt. In kleinstädtischen oder ländlichen Regionen wird sicherlich noch lange Zeit das Fachmarktzentrum eine Rolle spielen. Als Filialist muss ich da sein, wo die Kunden sind und nicht glauben, dass die Kunden schon zu mir kommen werden.

 

Werden die Kunden, die jetzt online gekauft haben, weil sie mussten, wieder in den stationären Handel zurückkehren?

Es geht nicht ums Zurückkehren. Kunden werden immer da kaufen, wo es am komfortabelsten ist. Das kann mal stationär und mal online sein. Der stationäre Handel wird nach wie vor Funktionen haben: Unterhaltung, Inspiration und Beratung. Und viel stärker noch als bisher braucht er Händlerpersönlichkeiten, die echte Kuration bieten, die eine Auswahl treffen aufgrund ihrer eigenen Haltung. 

 

Die Verbraucher unterscheiden sich aber sehr stark. Junge Konsumenten haben oft ein eingeschränktes Budget und können sich solche kuratierten oder auch nachhaltigen Sortimente nicht leisten, während Best Ager eher in der wirtschaftlichen Situation sind, sich ein wertigeres Produkt gönnen zu können…

Nein, die Jungen kaufen doch viel spitzer. Es ist genau andersherum. Gerade im jungen Bereich gibt es Marken, die stationäre Läden als Bühne betreiben. Dort trifft man sich und tauscht sich aus. Gekauft wird aber online. Das sind sehr spezifische Angebote. Es ist nicht so, dass nur Menschen mit einem gewissen Budget sehr selektiv kaufen. Gerade das Thema Nachhaltigkeit ist bei jungen Menschen viel präsenter als bei Best Agern, die noch ganz anders aufgewachsen sind. Sie registrieren zwar, dass das Thema da ist, aber eigentlich berührt es sie nicht. Die jetzt heranwachsende Generation, die in Zukunft die Mehrheit der Kunden stellen wird, wird ganz anders einkaufen.

 

Wird das auch zu ganz neuen Geschäftstypen führen?

Das kann ich Ihnen nicht sagen. Es gibt aber andere Branchen mit viel extremeren Modellen für die Art, wie man Handel betreiben kann. Nehmen wir Essens-Lieferdienste, die ein 15-Minuten-Versprechen machen. Das heißt nicht, dass die keine Räume brauchen, um Handel zu betreiben. Deren dezentrale Verkaufsstellen sind Läger, damit ein Fahrradkurier das Essen innerhalb von 15 Minuten ausliefern kann. Es gibt Experimente im Lebensmittelhandel, wo jemand 24 Stunden geöffnet hat, ganz ohne Personal. In einigen Branchen wird viel weitergedacht als derzeit im Schuhhandel. Dort kenne ich nur ein einziges Konzept, ein Händler in Polen (Eobuwie), der im Verkaufsraum keine Schuhe mehr ausstellt, sondern nur noch Screens, an denen man Schuhe auswählt, die einem dann an den Platz gebracht werden. Ich höre, dass das bei den Kunden gut ankommt. Es zeigt, dass die Bereitschaft des Konsumenten, sich auf andere Formate einzulassen, vorhanden ist.

 

Viele Händler sind derzeit sehr frustriert, weil ihnen immer noch die Perspektive fehlt. Sie fühlen sich von der Politik allein gelassen…

Aber der grundsätzliche Veränderungsprozess ist doch nicht von der Politik abhängig…

 

Wenn ein Lockdown beschlossen wird, schon.

Das ist eine vorübergehende Maßnahme. Aber es ändert nichts.

 

Sind Sie mit Blick auf unsere Innenstädte besorgt, dass es zumindest vorübergehend zu Leerständen und einer gewissen Trostlosigkeit kommen könnte? Dass es fürchterlich wird?

Nein, ich bin überhaupt nicht besorgt. Es wird nicht fürchterlich. Es gibt ganz unterschiedliche Ausgangspunkte für verschiedene Städte. Eine Stadt wie Düsseldorf hat nach wie vor in jedem Jahr Zuzug. Wenn sich durch mehr Homeoffice Pendlerströme verändern, hat das natürlich Auswirkungen auf bestimmte gastronomische Konzepte und auf den Handel. Aber das wird solche Innenstädte nicht killen. Es verändert sie einfach nur. Städte, in denen es Schrumpfungsprozesse gibt, stehen möglicherweise vor dramatischen Veränderungen. Das hat aber gar nichts mit der Pandemie zu tun. In Deutschland leben 45% der Bevölkerung in Städten, Tendenz nach wie vor steigend. Wir werden in jedem Fall mehr Menschen in Städten haben als im ländlichen Raum oder in Kleinstädten. Insofern wird es dann auch Gemeinden geben, die Dinge rückbauen müssen. Es wird eine gesellschaftspolitische Frage sein, ob man bereit ist, diese Gemeinde zu unterstützen und den Rückbau zu bezahlen. Das ist schließlich eine Investition, die keine Einnahmen bringt.
Aber irgendjemand wird sie tätigen müssen. Wenn eine Stadt eine Kläranlage betreibt, die auf 15.000 Einwohner angelegt war, und es wohnen dort nur noch 10.000 Menschen, dann geht
diese Veränderung nicht ohne Investition.

 

Was wird denn aus den vielen Centern, die wir in den zurückliegenden Jahren und
Jahrzehnten gebaut haben?

Die werden umgebaut. Und manche werden abgerissen. Im Immobilienbereich ist es doch immer so: Es besteht die Chance, dass eine neue, bessere Immobilie eine alte, schlechtere überflüssig macht. Das ist per se nicht negativ. Es ist nur traurig, wenn historische Gebäude verfallen. Wir haben aber in allen Städten viel Nachkriegsarchitektur, die schnell und günstig hochgezogen werden musste und die irgendwann einfach ausgetauscht und vernichtet werden muss. Das ist ein normaler Prozess. Bedauerlich ist es nur, wenn etwas Neues kommt, das nicht besser ist, sondern schlechter.

 

Wie organisiert man in den Kommunen diesen Veränderungsprozess?

Am Wissen und am Know-how wird es nicht scheitern. Die Frage ist eher: Findet sich das Team in einer Gemeinde, das wirklich einen längerfristigen Plan entwickelt und das auch unabhängig von Wahlperioden eine gewisse Kontinuität in der Weiterentwicklung der Stadt beibehält? Ich glaube, das ist die Herausforderung.

 

Wer gehört ihrer Meinung nach zu so einem Team?

Natürlich muss die Politik dabei sein, das ist klar. Aber es sollten schon auch andere Interessengruppen mitwirken: Handel, Kulturschaffende und andere Berufsgruppen, die in der Stadt tätig sind. Stadtentwicklung muss aus der Gesellschaft einer Stadt kommen. Ein Bürger, der in Münster lebt und dort tätig ist, hat eine andere Vision davon, was Münster sein soll, als irgendein Jurymitglied, das irgendwoher eingeflogen wurde. Stadtentwicklung braucht eine Bürgerbeteiligung, und diese sollte einigermaßen repräsentativ sein.

 

In einigen Städten gründen Kommunen Immobiliengesellschaften, um bestimmte Immobilien zu kaufen und entwickeln zu können. Das muss sich eine Kommune leisten können…

Es gab eine Zeit, in der die Städte ihre Immobilien verkauft haben, was zum Teil eine echte Fehlentwicklung war. Das sieht man am Beispiel Berlin. Aber es gibt inzwischen zahlreiche Städte mit Immobiliengesellschaften. Ein Beispiel ist Monheim oder auch München-Haar, wo man vor allem denkmalgeschützte Immobilien aufgekauft und saniert hat und wo man in den Bau von Schulen und Kindergärten investiert. So konnten über die Investitionen der Gemeinde bestimmte Entwicklungen gesteuert werden. Das kann ein Weg für einige Gemeinden sein. Ebenso gibt es auch private Initiativen, die wie Genossenschaften funktionieren und die Ansiedlung bestimmter Handelskonzepte ermöglichen.

 

Welche Rolle spielt in den Städten in der Zukunft denn die Mobilität? Werden wir mit dem Straßenverkehr anders umgehen, wird es weniger Fußgängerzonen geben – und mehr Plätze zum Aufladen von Elektrofahrzeugen?

Die Priorisierung von Verkehr wird sich neu regeln. Wir werden es wahrscheinlich erleben, dass der Fußgänger mehr Bedeutung erlangt. Es wird wieder mehr Wege geben, die man zu Fuß erledigt.
Darauf sind Städte derzeit kaum eingestellt – vielleicht in den klassischen Fußgängerzonen, aber nicht in den Quartieren. Auch die Fahrradmobilität wird eine andere Bedeutung erhalten und idealerweise auch der öffentliche Personennahverkehr. Das ist allerdings noch am schwierigsten, weil wir noch sehr antiquierte Verkehrsmittel haben. Wir organisieren alles entlang einer Wegstrecke, und das im Extremfall auch noch sternförmig. Ich komme also nicht von Quartier A zu Quartier B, wenn dieses nicht auf der Hauptachse liegt. Ich muss erst ins Zentrum und dann wieder raus ins nächste Quartier. Der öffentliche Nahverkehr muss sich dem Individualverkehr annähern und wir brauchen eine netzartige Struktur statt einer linearen. Das gibt es in vielen Ländern der Welt: Sammeltaxis, bei denen jeder zu jeder Zeit aus- und einsteigen kann. Es besteht eine Chance, dass dies auch hierzulande kommt. Dann wird auch öffentlicher Nahverkehr wahrscheinlich viel stärker angenommen als heute. Und es wird weniger Autos in der Stadt geben – zumindest weniger Autos, die individuell besessen werden und die meiste Zeit irgendwo am Straßenrand stehen. Die Fläche, die dann gewonnen wird, weil weniger Parkplätze gebraucht werden, könnte man dafür nutzen, die Stadt lebenswerter zu machen.

 

An was für ein Zeitfenster denken Sie bei dieser Entwicklung? Wird das in zwanzig Jahren Realität sein? In zehn Jahren?

Keine 20 Jahre. Maximal zehn. Die Entwicklung wird schneller gehen, als wir denken.

 

Sehen Sie international Städte, die sich in eine solche Richtung verändern?

In Paris kann man schon viel Veränderung sehen. Die Bürgermeisterin Anne Hidalgo lässt Straßen für den Verkehr schließen und für Fahrradfahrer und Fußgänger umwidmen.
Ebenso in Wien. Dort wurde auf der Mariahilfer Straße der motorisierte Verkehr verlangsamt und alle Verkehrsteilnehmer haben den gleichen Raum („Begegnungsstraße“). Ich kann vor einen Laden fahren und etwas einladen. Aber ich bin nicht schneller als ein Fußgänger. Hierzulande haben wir vieles gesehen etwa mit Blick auf Pop-Up-Fahrradwege. Wir sehen im Übrigen, dass der Fahrradverkehr in der Pandemie zugenommen hat. Viele haben erkannt, dass es eigentlich ganz nett ist, mit dem Rad ins Büro zu fahren. Die Infrastruktur für Mobilität wird sich dem anpassen.

 

Die relativ schnelle Veränderung derzeit macht vielen Menschen Angst.

Ja, das ist auch nachvollziehbar. Aber es ist doch so: Als die SB-Lebensmittelhändler aufkamen, wurden Lebensmittel über den Ladentheke verkauft. Gibt es heute noch einen Laden, in dem Lebensmittel über die Ladentheke verkauft werden?
In der Nische ja, bei Manufactum oder bei Dallmayr. Aber doch nicht mehr in dem Maße, wie das früher üblich war. Wir stehen heute vor der gleichen Situation. Verändern sich Kundenbedürfnisse, werden Dinge ausprobiert, einige werden floppen und andere werden funktionieren. Am Ende des Tages sieht die Einzelhandelslandschaft anders aus.

 

Wie werden Geschäfte künftig aussehen, was Gestaltung, Interieur und Materialien angeht?

Die Geschäfte werden über das Geschäftsmodell bestimmt und nicht über die Technik. Die Gestaltung des Verkaufsprozesses bestimmt die Gestaltung des Ladens. Alles andere sind Arbeitsmittel. Auch im Bauen ist Nachhaltigkeit ein sehr aktuelles Thema, nicht nur von der Haltung her. Es wird auch regulatorisch immer bedeutsamer. Man muss sich zwangsläufig damit auseinandersetzen. Zunächst einmal geht es aber um die Fragen, wie man seine Kunden erreicht, welche Erwartungshaltung die Kunden haben und wie der Verkaufsprozess funktionieren soll.

 

Muss man im Zuge dessen auch über Ladenöffnungszeiten neu denken und entscheiden?

Ladenöffnungszeiten sind ein sehr deutsches Konzept und müssen eigentlich nicht regulatorisch organisiert werden. Ein Händler kann doch selbst entscheiden, ob er am Sonntag aufmachen will oder nicht. Wir diskutieren ein Recht auf Home Office – und nun muss man jemanden dahingehend bevormunden, ob er am Sonntag arbeitet oder nicht. Für viele Berufsgruppen stellt sich die Frage gar nicht. Welcher Polizist, Arzt oder Feuerwehrmann kann sich das denn aussuchen?  Das brauchen wir nicht zu regeln. Das würden die Kunden und entsprechend die Händler und Mitarbeiter schon selber tun. Wenn ich sonntags einkaufen möchte und das im stationären Handel nicht kann, setze ich mich aufs Sofa und kaufe trotzdem. Bei der Entscheidung, irgendwo hinzugehen, um einzukaufen, werden Menschen reglementiert. Das ist doch absurd. Stellen Sie sich vor, am Sonntag könnte man nicht in die Eisdiele gehen – es gäbe nur Eis to go. Niemand würde auf eine solche Idee kommen! Genau so macht man es aber im Moment: Am Sonntag kannst Du keine Schuhe im Geschäft kaufen, dann bestellst Du sie bitte bei Zalando.

 

Wenn sie auf die kommenden Jahre blicken, was macht Ihnen Sorge? Was fürchten Sie?

Die Frage, wie sehr sich der Zustand unserer Umwelt noch weiter verschlechtert. Das ist die größte Hürde, die wir haben.

 

Skeptiker argumentieren, dass etwa über den Klimawandel nicht in Deutschland entschieden wird und dass beispielsweise CO2-Einsparungen hierzulande nichts nützen, weil andere Länder viel mehr Emissionen in die Atmosphäre einbringen.

Das ist eine ganz seltsame Argumentation. Das klingt so, als würde ich sagen: Irgendwo anders wird Müll weggeschmissen, also kann ich meinen Müll hier auch wegschmeißen. Die gegenüber klauen auch – also kann ich auch klauen? Das ist totaler Quatsch. Was Umweltschutz angeht, ist die Stoßrichtung für die Mehrheit unserer Parteien klar. Es wird eigentlich nur darum gerungen, wie man den Weg richtig organisiert.
Und das ist auch keine leichte Aufgabe: Wo muss man etwas regulieren und wo sollte man es besser nicht tun, weil es sich privat viel schneller organisiert? Vieles wird Schwarz-Weiß diskutiert. Das hilft leider nicht.

 

Ein Argument gegen mehr Umwelt- und Klimaschutz beinhaltet einen dadurch möglicherweise entstehenden wirtschaftlichen Schaden.

Nichts zu tun, wäre wirtschaftlicher Schaden. Umwelt- und Klimaschutz verhindert doch wirtschaftlichen Schaden! Welchen wirtschaftlichen Schaden haben wir dadurch, dass sich die Automobilindustrie so lange nicht verändert hat? Die Wettbewerbsfähigkeit, die die Automobilindustrie in Deutschland durch das Schlafen verloren hat, ist doch ein wirtschaftlicher Schaden! Das zu lange Festhalten an der Kohle verursacht schon seit Jahrzehnten Schaden. Jeder weiß, dass es viel besser gewesen wäre, frühzeitig in innovative Lösungen, Industrien, Firmen, Arbeitsplätze und Bildung zu investieren.
 

Zu diesem Thema passt das Lieferkettengesetz, das im vergangenen Jahr vorgestellt und jetzt verabschiedet wurde. Es gab dafür viel Kritik, weil es mitten in der Pandemie für die Unternehmen zur Unzeit kam…

Ich kann doch nicht sagen: Ich weiß zwar, dass es das Richtige ist, aber im Moment kommt es gerade blöd, ich mache daher weiter das Falsche!

 

Es ist aber zweifellos für einen Schuhhersteller kompliziert, einen Schuh wirklich nachhaltig – ökologisch und sozial – herzustellen…

Es entstehen Gott sei Dank immer wieder neue Marken, die diese Themen angehen. Gerade auch im Schuhbereich. Insofern ist nicht alles gut, aber es macht Hoffnung, dass am Ende junge Unternehmerinnen und Unternehmer die alteingesessenen unter Druck setzen, um sich zu verändern.

 

Was braucht ein Händler Ihrer Meinung nach, um sich für die Zukunft gut aufzustellen?

Die Kenntnis über den Kunden ist die Grundlage. Vielleicht gibt es da noch zu viele Missverständnisse. Man muss sich vor Augen führen, wer in Zukunft die Kunden sein werden. Wir hatten vor der Pandemie ein Überangebot in verschiedenen Märkten. Das musste erst einmal raus. Das ist bitter für die nicht Profilierten, die es trifft und die schließen müssen. Vermutlich ist es aber so, dass die Kundinnen und Kunden dieses Angebot einfach nicht gebraucht haben. Alle anderen müssen eine Kundenbeziehung aufbauen. Damit die Konsumenten entscheiden: Das ist mein Lieblingshändler, den will ich mir erhalten.

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Petra Steinke / 18.06.2021 - 11:41 Uhr

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