Betriebsräte aus Mode- und Schuhhandel

„Es geht um uns!“ Beschäftigte im Handel appellieren an Politik

„Unsere Unternehmen benötigen mehr Unterstützung der Politik“, fordern die Arbeitnehmer des stationären Handels in einem offenen Brief. Zu den Unterzeichnern gehören mehrere Verbände aus dem Sport-, Bekleidungs- und Schuhsegment.

Unterzeichnet wurde das Schreiben unter anderem von den Betriebsratsvorsitzenden der Verbundgruppen Intersport, SABU und Katag, der Handelsunternehmen L&T, C&A, K&L, Modehaus Zinser und Schuh und Sport Mücke. In dem Brief heißt es: „Wir, die Arbeitnehmer*innen des stationären Einzelhandels, sowie der dazu gehörenden Verbände und Einkaufskooperationen aus dem Sport-, Bekleidungs- und Schuhsegment, fühlen uns weiterhin von der Politik im Stich gelassen und haben Angst, dass unsere Unternehmen uns bald nicht mehr weiter beschäftigen können.“
Insgesamt gehe es im stationären Handel mit den Verbänden und Einkaufskooperationen um ca. 3,5 Mio. Arbeitsplätze.
„Der zweite harte Lockdown, der nun mehrfach verlängert wurde, nimmt dem stationären Einzelhandel unverschuldet immer mehr die Konkurrenzfähigkeit, im schlimmsten Fall die Überlebenschance. Auch da es seit Monaten keine Planungssicherheit gibt. Was passiert mit unseren Arbeitgebern und damit unseren Arbeitsplätzen, wenn der Inzidenzwert noch länger über 35 oder anderen von der Politik eingebrachten Zahlen bleibt?“
Betont werden müsse, „dass uns der Ernst der Pandemie immer noch absolut bewusst ist! Und natürlich war und ist klar und steht außer Frage, dass jedes Menschenleben zählt und gerettet werden muss.“
Es gelte aber, ganze Existenzen zu retten und den Beschäftigten und ihren Arbeitgebern nicht die Lebensgrundlage staatlich wegzunehmen. „Wir haben große Sorge für unsere Zukunft und die unserer Familien. ES GEHT UM UNS! – Und wie unsere Gesellschaft und auch unsere Städte und Gemeinden in Zukunft aussehen sollen.“
Leider, so der Brief weiter, scheine der Politik der Ernst der Lage und die Angst der Menschen im stationären Einzelhandel und den dazu gehörenden Verbänden nicht wirklich bewusst zu sein, oder aber sie würden schlichtweg ignoriert. Das sei den Unterzeichnern noch mehr bewusst geworden, da auf den ersten direkten Brief, der an alle Teilnehmer*innen der Ministerpräsidentenkonferenz Anfang Februar ging, nur drei Antworten zurückgekommen seien. Dabei sei zum einen lediglich auf eine Öffnung des Click & Collect in einem Bundesland verwiesen worden, in einer anderen wurde die Situation erklärt – diese sei den Unterzeichnern jedoch bewusst.

„Es ist für die Mitarbeiter*innen des stationären Fachhandels nicht zu verstehen, dass der Verkauf von Sportartikeln, Textilien, Schuhen und weiteren Non-Food-Artikeln weiterhin bei Lebensmitteleinzelhändlern als systemrelevant eingestuft wird. Wenn Sie schon in den Wettbewerb und in die freie Marktwirtschaft eingreifen, dann bitte auch konsequent. Ein finanzieller Ausgleich zwischen wirtschaftlichen Gewinnern und Verlierern der Pandemie wäre ein richtungsweisender Anfang.
Unsere Einzelhändler haben allesamt bereits 2020 in gute und funktionierende Hygienekonzepte investiert und damit ein sicheres Einkaufen möglich gemacht. Gerade hat eine aktuelle Studie unter Beteiligung der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin bewiesen, dass es im Einzelhandel nicht zu einer erhöhten Infektionsgefährdung durch das SARS-CoV-2-Virus kommt. Warum wird daher die Ansteckungsgefahr in überfüllten Lebensmittelfilialen, vor allem an den Wühltischen mit Non-Food-Artikeln, als geringer eingestuft?
Die Rücklagen der Unternehmer werden immer weiter aufgebraucht, während andere die Möglichkeit bekommen, sich an der Situation zu bereichern! Wie sollen Unternehmen, die aktuell große Teile ihres Kapitals verlieren und zukünftig nicht mehr wettbewerbsfähig sind und bleiben, weiterhin unsere Arbeitsplätze sichern und dies mit einem marktüblichen Arbeitsentgelt? Außerdem spülen Sie durch die aktuellen Regelungen immer mehr Kunden von uns, aus dem inhabergeführten Mittelstand der Innenstädte, zwangsweise zu den großen Online-Riesen, die zu Teilen auch noch ausländische Unternehmen sind. Große Unternehmen, wie Amazon aus den USA, die Steuervergünstigungen erhalten und teilweise keinerlei Steuern in Deutschland zahlen müssen, bereichern sich zusätzlich.
Es stellt sich die Frage, welche Gesellschaft Sie nach der Krise sehen wollen. Scheinbar eine Gesellschaft...
- ohne belebte Innenstädte.
- ohne eine marktgerechte Diversität.
- mit Unternehmern*innen, die aufgrund staatlicher Anordnung nicht mehr konkurrenzfähig sind.
- mit vielen, teilweise perspektivlosen Arbeitslosen.
- mit vielen Menschen, die an Depressionen oder anderen Gesundheitsproblemen aufgrund der Nachwirkungen der Krise leiden.
- mit Online-Handelsriesen aus USA und Fernost als mächtige Monopolisten.“

 

Die Forderungen der Arbeitnehmer-Vertreter
 

 In dem schreiben formulieren die Unterzeichner konkrete Forderungen:
„Eine gerechte Entschädigung
- Die versprochenen finanziellen Hilfsleistungen müssen unverzüglich und unbürokratischsowie in der notwendigen Höhe ankommen.
- Konsequenz und gleiches Recht auf den Verkaufsflächen, d.h. zum Beispiel kein Verkauf von Non-Food-Artikeln im Lebensmitteleinzelhandel.
- Und/oder eine sichere Öffnungsstrategie des stationären Einzelhandels mit aktualisierten, guten und verantwortbaren Hygienekonzepten.
- Anordnung zur wirtschaftlichen Solidarität der Unternehmen, die während der Pandemie keine Nachteile haben, bzw. sogar davon und von Ihren Entscheidungen profitieren.
- Klarer Appell der Politik im stationären Einzelhandel zu kaufen, um diesen zu unterstützen und der Gesellschaft dabei klar zu machen, warum dies so wichtig ist.

Die Arbeitnehmer*innen des stationären Einzelhandels müssen, wie viele, mit dem Homeschooling klarkommen, und damit, dass unsere Kinder Oma und Opa gerade nicht sehen dürfen und einiges mehr! Warum nimmt eine gewählte Regierung es in Kauf, dass viele von uns zusätzlich ihre Arbeit verlieren könnten und dadurch in unseren Familien der Stressfaktor durch Ausweglosigkeit, fehlende Perspektive, Depressionen ... nochmal erhöht wird? Das Kurzarbeitergeld ist eine gute Überbrückungshilfe, um Arbeitsplätze vorerst zu sichern, aber auf längere Sicht haben wir Arbeitnehmer*innen dadurch eben nicht genügend Geld in der Tasche, um die Lebenshaltungskosten von uns und unseren Familien zu decken. Und dies gilt vermutlich nicht nur für die Arbeitnehmer*innen unserer Branche!
Wir haben lange genug zugeschaut und erwarten jetzt Lösungen und Hilfe, für die Zukunft von uns und unseren Familien, sowie für die Unternehmen, für die wir gerne arbeiten!“

Petra Steinke / 01.03.2021 - 13:05 Uhr

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