Wie Händler die aktuelle Situation erleben

„Gutgelaunt einkaufen“

Die Kundenströme in der Leipziger Innenstadt sind überschaubar, hier in den Höfen am Brühl am Schuhhaus Klauser. 
Foto: Volkmar Heinz
Die Kundenströme in der Leipziger Innenstadt sind überschaubar, hier in den Höfen am Brühl am Schuhhaus Klauser. Foto: Volkmar Heinz

Die Lage entspannt sich. Angesichts überwiegend sinkender Inzidenzen kommt es zu weiteren Lockerungen in den Städten und Landkreisen. Wie nimmt der Handel die derzeitige Lage wahr? schuhkurier fragte nach.

„Wir freuen uns, wieder für unsere Kundinnen und Kunden vor Ort da sein zu können“, heißt es vom Essener Schuhfilialisten Deichmann auf Anfrage von schuhkurier. „Durch die Lockerungen merken wir einen deutlichen Zuwachs und eine gesteigerte Kauflust in den Filialen. Uns haben viele positive Rückmeldungen von Kunden erreicht. Die Menschen freuen sich, bei gutem Wetter wieder gutgelaunt einzukaufen und in unserem Angebot zu stöbern. Zugleich werden nach der langen Phase der Schließungen viele Bedarfskäufe getätigt. Vor allem Familien nutzen die Gelegenheit, sich vor Ort in den Geschäften mit Kinderschuhen einzudecken. Besonders hier gab es nach unserer Beobachtung deutlichen Nachholbedarf“, so das Unternehmen weiter.
Freude nimmt auch Peter Zimmermann vom gleichnamigen Schuhhaus in Leipzig wahr: „Die Kunden kommen, freuen sich, wieder shoppen zu können und haben Lust auf neue Schuhe. Einzig Touristen fehlen noch aufgrund teils geschlossener Gastronomie, Hotellerie und Kultur. Auf jeden Fall war der letzte Samstag ein richtig erfolgreicher Tag und lässt hoffen auf mehr.“ Das Unternehmen hatte wie alle seit Mitte Dezember geschlossen. Click&Collect sei, so der Händler, von den Kunden nur zögerlich genutzt worden. „Die Winterware von 2020 liegt noch zu großen Teilen am Lager. Ein Teil unserer Lieferanten ist uns in dieser Situation hinsichtlich Zahlungen und Ware sehr entgegengekommen. Auch mit Click&Meet ab 8. März konnten wir nur etwa 20% unseres Umsatzes generieren. Vornehmlich besuchten uns damals Stammkunden und natürlich die Eltern mit ihren Kindern.“ Ähnlich habe es im Online-Shop ausgesehen, den das Unternehmen in den zurückliegenden Monaten ins Leben gerufen hatte. „Wir hatten uns bewusst dazu entschieden, diesen in Eigenregie ohne Anbindung an große Plattformen zu führen. Entsprechend größer war unser Aufwand. Natürlich konnten wir auch auf diesem Wege keinen Normalumsatz erreichen, es war nur ein kleines Zusatzgeschäft, das aber langsam wächst.“

 

Auch in anderen europäischen Ländern hatte der Handel mit Lockdowns zu kämpfen und hofft auf eine noch gute  Sommersaison. „Wir sind in allen Märkten wieder offen, was eine Erleichterung ist. Es ist eine gewisse Konsumlaune spürbar, jedoch hat uns der kalte Frühling einen Strich durch die Rechnung gemacht“, so Michael Rumerstorfer,  Vorstand der Leder & Schuh AG aus dem österreichischen Graz. Die Zuversicht überwiegt bei Rumerstorfer: „Uns ist der Restart auch dank unserer starken Partner aus der Industrie gelungen. Jetzt freuen wir uns auf die kommenden Wochen, mit geöffneten Geschäften und feierlichen Anlässen.“
Positiv gestimmt ist auch Marlies Hüser, Schuhhändlerin aus dem westfälischen Emsdetten. „Wir sehen sehr optimistisch in die Zukunft, da die Kunden von Mensch zu Mensch kaufen wollen. Die haben keine Lust mehr, in der Post in einer Schlange zu warten oder vom Paketboten abhängig zu sein.“  Die größten Hürden seien inzwischen überwunden, so die Händlerin. Sie übt aber auch Kritik an den politisch Verantwortlichen und den Medien:  „Wir können nicht von einem Restart unter normalen Bedingungen sprechen, da es weiterhin Einschränkungen für uns Händler gibt. Diese sind notwendig, aber falsch kommuniziert. Dass den Kunden von außen angekündigt wird, es gäbe nun wieder eine Normalität beim Einkaufen, weckt eine Erwartungshaltung, die enttäuscht wird. Am Ende sind wir Händler die Bösen, die die Kunden vor dem Geschäft warten lassen. Das muss differenzierter von der Tagespresse kommuniziert werden.“ Gleichwohl gebe es durch den Wegfall der Testpflicht und das sonnige Wetter eine gesteigerte Kauflust, so Hüser. Entscheidend sei zudem, den Kunden gegenüber Optimismus auszustrahlen: „Die Sorgen der Einzelhändler gehören nicht auf die Fläche“, so Hüser. Für sie bleiben aber auch Aufgaben zu lösen: „Wir haben gelernt, dass man nur kurzfristig planen kann und flexibel sein muss. Das trifft auch auf die Reduzierungen zu. Wir wissen aktuell noch nicht, wann wir mit dem Sale starten werden – im Idealfall so spät wie möglich. Da die Kunden bisher weder einen richtigen Sommer hatten noch richtig konsumieren konnten, spielen Reduzierungen für sie noch keine Rolle.“
Bei Deichmann registriert man aktuell sehr geordnete Abläufe beim Einkaufen: „Die Kundinnen und Kunden sind bisher sehr diszipliniert, denn selbstverständlich erfolgt das Einkaufen weiter unter Einhaltung der einschlägigen Hygienevorschriften und gesetzlichen Vorgaben. Dazu gehören unter anderem Hinweise zu notwendigen Schutzmaßnahmen, Handdesinfektionsmittel sowie das verpflichtende Tragen einer medizinischen Maske für Personal und Kunden. Es gilt weiterhin: Die Läden sind sichere Orte. Die Hygienekonzepte im Einzelhandel sind ausgefeilt und wirksam“, so das Unternehmen gegenüber schuhkurier.

Große Freude herrscht aktuell bei Schuhhändlerin Kirsten Graßmay von Stüben Fuß und Schuh aus Neumünster in Schleswig-Holstein: „Wir schweben heute auf einer Insel der Glückseligkeit“, so die Händlerin zu Beginn dieser Woche gegenüber schuhkurier. Der Spezialist für Laufkomfort und Bequemschuhe will in wenigen Wochen mit einem speziellen Kulturangebot starten: „Wir veranstalten ab Juli unsere Kulturreihe ’Kultur hinterm Schuhregal‘ mit drei Konzerten mit Jazz, Klassik und Popmusik. Zudem ist eine Lesung geplant und weitere Termine sind auch schon in der Pipeline“, berichtet Kirsten Graßmay. Die Resonanz sei überwerwältigend gewesen: „Die Menschen sind hungrig nach Kultur und Erlebnissen! Die ersten Tickets waren bereits nach acht Minuten verkauft.“
Gabor Klaus vom Unternehmen GK Schuhmoden aus Dresden ist erst einmal erleichtert: „Nach dreimonatiger kompletter Geschäftsschließung war es für mich, wie für viele Branchenkollegen sicherlich auch, sehr befreiend, trotz vorgegebener Rahmenbedingungen Anfang März diesen Jahres wieder öffnen zu dürfen und für meine Kunden da zu sein“ berichtet der Händler gegenüber schuhkurier. „Es war definitiv im mehrfachen Sinne für unsere Schuhbranche, somit auch für mich als Einzelhändler, keine leichte Zeit. Nicht zu wissen was wird, wie lange wir schließen müssen – und das auch noch bei einer Jahreszeit, die den Namen Winter mal verdiente.“
Auch wenn sich die entstandene Umsatzlücke dieses Jahr nicht mehr schließen lassen werde, sei er allen dankbar, die dazu beigetragen haben und es auch weiterhin tun, „dass auch ein kleines Schuhgeschäft weiter am Markt seine Existenzberechtigung hat. Stellvertretend für viele möchte ich meine zahlreichen Stammkunden und die Firmen Pölking, Josef Seibel Schuhfabrik und Eisenhardt erwähnen. Jeder Tag fängt für mich bei null an und der erste Schuhverkauf ist für mich der wichtigste. Danach kann es nur noch besser werden. Die Nachfrage nach schönen Frühjahr- und Sommerschuhen ist da. Wenn die noch teilweise vorhandenen Unsicherheiten der notwendigen Klarheit endlich weichen werden, können wir auch allmählich zur Normalität zurückkehren.“
Der Ingolstädter Schuhhändler David Weihard von Dein Schuhladen Linn musste auf Lockerungen länger warten. „Wir sind jetzt gerade erst bei einer Inzidenz unterhalb von 50. Bislang haben wir unsere Kunden also nur mit Terminvereinbarung begrüßen dürfen“, so der Händler Anfang der Woche.  Der Zuspruch sei gut, aber: „Wir vermissen immer noch die klassische Laufkundschaft, die eher zufällig vorbeikommt und sich im Geschäft umsieht. Viele sind noch verunsichert, weil sie nicht wissen, welche Regeln derzeit gelten, was sie dürfen und was nicht. Andererseits muss man sagen: Wer aktuell den Laden betritt, hat Lust und Laune – und kauft auch.“

In den Deichmann-Filialen laufen zurzeit besonders Sportschuhe und Modelle für Kinder gut. „Durch das aktuell sonnige und warme Wetter zieht in diesen Tagen auch die Sommerware deutlich an“, so das Unternehmen. In Österreich steigt auch die Nachfrage nach klassischer Schuhmode: „Wir merken, dass die Konsumenten sich wieder chic machen wollen“, so Michael Rumerstorfer von der Leder & Schuh AG aus Graz. „Im Juni stehen die ersten Hochzeiten und Konfirmationen auf dem Plan, der Wunsch nach schönen Schuhen ist merklich spürbar. Wir spüren selbst bei klassischen Herrenschuhen den Bedarf der Kunden, sei es durch Anlässe oder die Rückkehr ins Büro.“ David Weihard, Schuhhändler aus Ingolstadt, nimmt eine gesteigerte Nachfrage nach Beratung wahr: „Man kann klar erkennen, dass es Nachholbedarf gibt. Vor allem Menschen, die gern Bequemschuhe kaufen, sind weniger online-affin. Sie legen Wert auf Beratung.“ Und noch ein weiteres Thema steht nach Überzeugung Weihards bei seinen Kunden hoch im Kurs: „Wir setzen zwar bei unserem Sortiment auf klassische Fabrikate, aber auch auf Spezialitäten wie die nachhaltige Serie von Timberland oder die Marke Asportuguesas. Beides läuft gut. Die Kunden wollen mal was anderes. Und das wird auch ein erfolgversprechender Weg für den stationären Handel sein.“ Der oberbayerische Schuhhändler will sein Angebot künftig stärker auf die Nachfrage ausrichten: „Wir werden uns künftig noch mehr von der breiten Masse verabschieden und ein besonderes Angebot zusammenstellen müssen.“  Dass dies belohnt wird, davon ist der Händler überzeugt und nimmt auch jetzt schon wahr: „Unsere modeaffinen Kundinnen und Kunden kaufen auch gern mal mehrere Paare.“

Daniel Naumann vom Unternehmen Orthopädietechnik Naumann in Cottbus durchlebte eine besondere Situation: „Durch unsere Orthopädieschuhtechnik hatten wir auch während der Lockdowns geöffnet. Also konnten wir Schuhe verkaufen. Das passierte meist in Zusammenhang mit einer Versorgung oder bei Kinderschuhen, weil die Füße gewachsen waren. Aber dadurch, dass auf den Straßen nicht wirklich öffentliches Leben pulsierte, dass niemand shoppen ging, hatten wir merklich weniger Frequenz und unser Umsatz beim Schuhverkauf betrug gerade mal 20 bis 30%. Um liquide zu bleiben, haben wir uns auch dem Online-Geschäft zugewandt und über Plattformen verkauft. Trotzdem haben wir noch reichlich Winterware im Lager. Mit den ersten Lockerungen stiegen die Verkaufszahlen auch hier im Laden langsam wieder an.“
Der Schweizer Händler Dieter Spiess blickt optimistisch auf die jüngsten Entwicklungen: „Die aktuelle Situation in der Schweiz kann man trotz den beiden Lockdowns als zwischenzeitlich zufriedenstellend bezeichnen. Der Schuhhandel ist mehrheitlich mit einem blauen Auge davon gekommen. Während in Städten die Frequenz eher gering war, konnte der regionale Handel profitieren. Das ’Einsperren‘ in den letzten Monaten hat bei den Kunden ein Vakuum verursacht. Die Menschen suchen spürbar die zwischenmenschlichen Kontakte, den sozialen Austausch. Jetzt kommt die Chance des stationären Handels. Jedoch müssen den Kunden spürbare Emotionen und Erlebnisse, neben dem gewünschten Sortiment, geboten werden.“ Die Kaufkraft sei vorhanden, ist Spiess überzeugt. „Die Konsumenten wollen Geld ausgeben, inzwischen auch im Modebereich und nicht nur für Heim und Garten. Auf den Tag genau ab 1. Juni sind auch die Temperaturen sommerlich geworden. Nutzen wir diesen Moment; die Menschen beginnen langsam, aber sicher aus ihrer Lethargie zu erwachen und suchen fröhliche und positive Gesichter in unseren Geschäften, die ihnen schöne Schuhe anbieten. Der Online-Handel ist inzwischen eine feste Größe. Es liegt am stationären Handel, dazu die richtige Antwort und Handlung zu finden.“ Allerdings macht sich der Händler aus dem Schweizerischen Gelterkinden auch Sorgen: „Was mich stark beschäftigt, ist die vom Handel selbstgemachte Margenerosion begünstigt durch VIP-Sales, Party-Sales, Mid-Season-Sales usw. Das ist doch alles Blödsinn.“  

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Petra Steinke / 10.06.2021 - 08:55 Uhr

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