Interview mit Jung-Unternehmerin Maike Krischer

In den Startlöchern

Maike Krischer will in vierter Generation das Familienunternehmen übernehmen. (Foto: Studio Nawrath)
Maike Krischer will in vierter Generation das Familienunternehmen übernehmen. (Foto: Studio Nawrath)

Was erwarten Nachwuchs-Unternehmer von der Zukunft? schuhkurier sprach mit Maike Krischer über moderne Kundenkommunikation, die Grenzen von Nachhaltigkeit und darüber, was sich die Jung-Unternehmerin von der kommenden Regierung wünscht.

Wie schaut eine Nachwuchshändlerin in die Zukunft?

Maike Krischer: Ich merke, dass die zukünftige Übernahme des Unternehmens eine große Verantwortung ist. Insbesondere den Mitarbeitern gegenüber. Wir führen das Kaufhaus Schnückel aktuell in dritter Generation mit rund 90 Mitarbeitenden. Ich werde also nach meinem Urgroßvater die vierte Generation sein, die das Unternehmen führt. Da sind schon ein wenig die Blicke darauf gerichtet, was in Zukunft passieren wird. Wir sind vor Ort ein großer Arbeitgeber in der Region, da gibt es natürlich auch eine gesellschaftliche Verantwortung. Vor Kurzem habe ich mein Studium abgeschlossen und sammle in München meine eigenen Erfahrungen in einer anderen Branche, da meine Mutter das Unternehmen noch einige Zeit leiten wird. Aber die Verantwortung spüre ich jetzt schon.

 

Sie sind Spezialistin für digitale Kundenkommunikation. Welche Aspekte guter Kundenkommunikation fehlen dem stationären Einzelhandel und wie kann er sie bekommen?

Viele Händler haben schon gute Ansätze und probieren sich in vielen verschiedenen Medien aus. Aber manchen Händlern fehlt noch die Konsequenz in ihrer digitalen Kommunikation. Da fehlt meiner Meinung nach stellenweise einfach noch das Vertrauen, dass solche Tools einen wirklichen Mehrwert generieren. Viele Händler setzen immer noch auf eher traditionelle Kommunikationskanäle wie Print oder geschaltete Außenwerbung, was auch weiterhin effektive Wege der Kommunikation bleiben werden. Aber sie sollten für sich lernen, dass sie genauso konsequent digital kommunizieren müssen, wie sie analog kommunizieren. Wie man an solch einen Punkt kommen kann, ist an sich nicht schwierig. Und meistens ist es eher eine Frage des Zeitmanagements als des Budgets. Die Händler müssten Zeit investieren, um die digitale Kommunikation voranzutreiben. Ein externer Dienstleister kann ein möglicher Schritt sein, oder ein neuer Mitarbeiter.

 

Wie gestaltet sich gute digitale Kommunikation für den Einzelhandel?

Eine Website und die Erreichbarkeit über Whatsapp, wie es während der Lockdowns gerne genutzt wurde, sind zwei effektive digitale Kanäle, die bespielt werden können. Aber gerade im Fashionbereich spielt auch Social Media eine große Rolle, da dort die Styles gezeigt werden können.

Zudem ist die Nutzung der gängigen Social Media Kanäle meist kostenfrei. Auch hier ist es also eine Frage des Zeitmanagements. Aber auch Newsletter-Werbung kann effektiv sein, wenn ein ansprechendes Produkt versendet wird. Das heißt aber nicht, dass der Händler jeden Kanal bespielen muss, sondern es ist wichtiger, sich Kanäle zu suchen, bei dem man weiß, dass dort die eigenen Kunden unterwegs sind.

Wie holt man Kunden digital ab, die den neuen Technologien eher skeptisch gegenüberstehen?

Im Zweifelsfall überhaupt nicht. Bei uns im Kaufhaus haben wir beispielsweise eine sehr große Altersspanne unter den Kunden, vom Kleinkind bis zur älteren Dame. Die sind natürlich nicht alle im Internet unterwegs. Deshalb soll man die Kunden da abholen, wo sie auch tatsächlich unterwegs sind. Man muss einen guten Mix aus verschiedenen Kommunikationskanälen anbieten. Besonders bei Unternehmen mit einem hohen lokalen Stellenwert, die eine Verbundenheit zu den lokalen Medien haben, ist es sinnvoll, auch dort präsent zu sein. Denn solche lokalen Printmedien werden durchaus weiterhin gelesen, weil Menschen sich darüber informieren wollen, was bei ihnen in der Stadt so passiert.

 

Wie gestaltet sich ein Einstieg in digitale Kommunikation für Unternehmen, die das gerne machen würden, denen aber der Aufhänger fehlt?

Was man gut machen kann, sind niederschwellige Pläne zur Umsetzung. Man kann sich beispielsweise vornehmen, mit zwei Social Media-Posts in der Woche zu starten. Das muss gar nicht aufwendig produziert werden, dafür benötigt man nur ein Handy mit einer halbwegs anständigen Kamera. Was häufig gut ankommt, ist, wenn Mitarbeiter vor der Kamera zu sehen sind. Kunden springen auf bekannte Gesichter an. Man könnte beispielsweise mit den Mitarbeitenden zweimal pro Woche einen „Look of the Week“ gestalten und hochladen. Darüber hinaus kann man sich dann überlegen, was man noch vom Unternehmen zeigen möchte. Es muss nicht immer die große digitale Strategie sein, sondern etwas, was zu einem und dem eigenen Unternehmen passt.

Auf der Cheftagung der Katag sprachen Sie über das aktuelle Thema Innenstädte und Verkehrswende. Was benötigen Einzelhändler in mittleren bis kleinen Städten, damit diese in der Zukunft weiterhin ein lebendiger Ort für die Kunden sind?

Das Thema Erreichbarkeit ist für uns enorm wichtig, denn zu uns kommen die Kunden aus dem Umfeld. Unna ist eine Kreisstadt, das heißt, dass unser Radius sehr groß ist. Und dann ist es nicht so, dass der öffentliche Nahverkehr für unsere Kunden eine reale Alternative ist, um in die Innenstadt zu kommen. Sowohl für den Kunden-, aber auch für den Lieferverkehr ist eine gute Erreichbarkeit elementar. Wenn die Kunden nicht mehr zu uns kommen können, bricht uns ein großer Teil unserer Geschäftsgrundlage und somit auch eine große Zahl an Arbeitsstellen weg. Zudem muss weiter daran gearbeitet werden, dass die Verweildauer der Kunden gesteigert wird. Dafür braucht es einen guten Mix aus Events, Gastronomie und Einzelhandel und eine gute Mischung aus großen und kleinen Läden. Zudem gewinnt das Erlebnisshopping immer weiter an Bedeutung. Dafür braucht es Events, wie verkaufsoffene Sonntage oder Late Night Shopping. Das Instrument dafür, dass so etwas erfolgreich stattfinden kann, sind Händlerverbände wie der City Werbering Unna, der solche Dinge organisiert. Zudem muss es eine gesunde Mischung aus Wohnen und Handeln in den Städten geben. In vielen kleinen Städten kann man zwar wohnen, aber der Erlebnischarakter ist weggebrochen. In größeren Städten hingegen gibt es viel zu erleben, aber niemand kann sich mehr die Mieten leisten, oder es gibt keine innerstädtischen Wohngegenden mehr. Deshalb finde ich Mittelzentren sehr attraktiv, da dort häufig beides – Gewerbe und Wohnen – gegeben ist.

Wie werden sich Menschen in Zukunft im städtischen Raum bewegen?

Als Kleinstadt kann man schon ein wenig auf die Großen schauen. Und viele Trends schwappen da ja nach einiger Zeit auch rüber. Ein Beispiel dafür sind Car-Sharing-Angebote. Für uns als Händler ist es aber erstmal wichtig, dass die Menschen überhaupt gut in die Innenstädte kommen. In dem Sinne ist es erst einmal egal, auf welchem Weg sie das tun. Es wäre schön, wenn das dann auch nachhaltiger wäre und sich alternative Mobilitätskonzepte durchsetzen, aber da fehlt aktuell noch eine überzeugende Vision.

 

Thema Nachhaltigkeit: Inwiefern spielt das Thema für das Kaufhaus Schnückel eine Rolle?

Wir überlegen als Unternehmen natürlich schon seit Längerem, was man einfach und gut umsetzen kann. Das gilt beispielsweise für den Verpackungsmüll, der bei uns durch die Anbindung an Marktplatz entsteht. Aber wenn man sich unseren gesamtökologischen Fußabdruck als Unternehmen anschaut, dann ist die Ware der Hauptbestandteil, der nachhaltiger werden müsste. Da sehe ich in erster Linie die Industrie im Fahrersitz, etwas am Produkt zu ändern, damit es nachhaltiger wird. Denn wir können im Endeffekt nur das Produkt anbieten, was uns angeboten wird und was vom Kunden nachgefragt wird.

 

Inwiefern beeinflusst das die Order?

Wir haben inzwischen auch nachhaltige Marken im Sortiment, auf die wir aufmerksam gemacht wurden. Aber immer unter der Prämisse, dass die Marke auch modisch ist, die der Kunde auch nachfragt. Wir bemerken durchaus ein Interesse der Einkäufer, die bei der Order nachfragen, ob auch eingehalten wird, was auf den Labels versprochen wird. Aber wenn der Kunde am Ende nicht das Bewusstsein dafür hat, und eine Marke nicht kauft, weil sie nachhaltig ist, können wir das als Händler auch nicht umsetzen.

Sie sprachen bei der Katag von einer Subvention nachhaltig produzierter Produkte. Mit welchen weiteren Ideen könnten Kunden zum Kauf von Sustainable Fashion animiert werden?

Ich finde erstmal den Ansatz der Subventionen ganz interessant. Aktuell arbeite ich viel für die Automobilindustrie und da ist es ganz normal, dass ein nachhaltiges Verhalten, das gesamtgesellschaftlich gewünscht wird, subventioniert wird. Man sollte auch in andere Branchen schauen. In der Lebensmittelbranche setzen sich viele Start-ups wie Etepetete und Too-good-to-go gegen die Lebensmittelvernichtung ein. Da kann man auch in unserer Branche mal fragen, was mit den Waren geschieht und ob man nicht ähnliche Projekte für retournierte oder defekte Waren ins Leben rufen könnte, die nicht als A-Waren in den Handel gehen können. Das Konzept wird bei Lebensmitteln bislang gut angenommen. Der Kunde weiß, dass es keine fehlerfreie Ware ist, die er da abholt. Aber er kann der Ware dennoch einen Zweck verleihen, anstatt dass sie vernichtet wird. So kann der Zyklus der Ware ein Stück weit optimiert werden. Während Corona gab es bei uns solche Aktionen auch mit A-Ware, um das Lager zu leeren, und es hat im Endeffekt die Kundenbindung sehr gestärkt. Die Verbraucher haben sich darüber gefreut. Deshalb denke ich, dass so etwas auch als Nachhaltigkeitsaktion gut ankäme.

 

Was wünschen Sie sich als Nachwuchshändlerin von der zukünftigen Regierung?

Ich habe mir lange Gedanken über diese Frage gemacht. Am Ende sind mir drei Punkte wichtig. Da ist einmal die Fairness zwischen Online und Offline. Sowohl bei den gezahlten Steuern als auch bei den Öffnungszeiten herrscht eine große Diskrepanz. Wettbewerbsgleichheit und Fairness zu schaffen, wäre für mich ein sehr großes Anliegen und ein Schritt in die richtige Richtung. Der zweite Punkt sind die lebendigen Innenstädte. Es muss ein Raum geschaffen werden, in dem Menschen gerne verweilen und sich wohlfühlen. Ein Punkt, der meiner Meinung nach gerne unter den Tisch fällt, ist der soziale Aspekt von Einzelhandel. Unsere Geschäfte sind Orte des Zusammentreffens, dort finden soziale Kontakte statt. Zumal wir eine große soziale Verantwortung haben: nicht nur aufgrund der Arbeitsplätze, die wir der Region bieten. Wir haben einen hohen gesellschaftlichen Wert, der seitens der Politik stärker anerkannt werden müsste. Enorm wichtig für den Handel ist außerdem die Schaffung von Rechtssicherheit bei den verkaufsoffenen Sonntagen. Bürokratische Hürden sollten endlich abgebaut und Planungssicherheit für Händler gewährleistet werden. 

Login für Abonnenten
Sie möchten alle Inhalte lesen?
  • Website-Login
  • E-Paper-Zugang
  • Alle Newsletter
Christopher Mastalerz / 24.09.2021 - 11:25 Uhr

Weitere Nachrichten

„Wir wollen mit neuen Modellen etwas Besonderes bieten und den Bedarf wecken.“ Jan Brinkmann, Pius Gabor

„Es geht nur noch aufwärts“

Interview mit Jan Brinkmann

Pius Gabor ist 2020 unter extremen Bedingungen an den Start gegangen. Wie hat sich die Marke aus Rosenheim weiterentwickelt? Was bringt die Zukunft für den Herrenschuhmarkt? schuhkurier sprach mit Geschäftsbereichsleiter Jan Brinkmann.

Miguel Pomares erzählt im schuhkurier-Interview von der Ecoalf-Philosophie und dem Stand der Industrie in Nachhaltigkeitsfragen. (Foto: Ecoalf)

„Buy Less, but better“

Interview mit Miguel Pomares

Ecoalf gehört zu den Vorreitern der Nachhaltigkeitsbewegung. Das Unternehmen aus Spanien produziert Schuhe aus recycelten Materialien. schuhkurier sprach mit Miguel Pomares, der das Schuhsegment von Ecoalf verantwortet.