„Geschäftsmodelle müssen angepasst werden“

Ist der Einzelhandel ein Sanierungsfall?

Der Restrukturierungsbedarf im Einzelhandel ist besonders groß. Zu dieser Einschätzung kommt eine aktuelle Umfrage der Unternehmensberatung Roland Berger.

Steigende Rohstoffpreise und Inflation, die Auswirkungen der Pandemie sowie geopolitische Spannungen belasten die Unternehmen und verschärfen den Transformationsdruck. In der „Restrukturierungsstudie 2021“ von Roland Berger gehen drei Viertel der 500 befragten Experten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz von einem Anstieg der Sanierungsfälle innerhalb des nächsten Jahres aus. „Die deutsche Wirtschaft folgt nach dem starken Einbruch im Vorjahr wieder einem Aufwärtstrend – Optimismus wäre jedoch verfrüht“, sagt Sascha Haghani, Leiter der globalen Plattform Restructuring, Performance, Transformation & Transaction (RPT) und Geschäftsführer DACH bei Roland Berger. „Zahlreiche Unternehmen waren bereits vor der Pandemie in einer Schieflage. Sie haben zwar finanzielle Hilfen bekommen, jedoch ist ihre Verschuldung dadurch noch höher geworden. Die gestiegenen Rohstoffpreise und Kapitalkosten drücken weiter auf die Bilanz. Die Geschäftsmodelle müssen angepasst und Wertschöpfungsketten neu definiert werden, um Unternehmen auch in einem anhaltend volatilen Umfeld solide aufzustellen.“

Einzelhandel, Reise und Autobranche mit Anpassungsbedarf

Die Experten sehen im Einzelhandel sowie in der Tourismusbranche und der Automobilindustrie den größten Restrukturierungsbedarf. Die Lage für den stationären Einzelhandel hat sich für 30% der Befragten weiter zugespitzt (2020: 19%). Denn die Pandemie hat die Branche nicht nur aufgrund flächendeckender Schließungen vor große Herausforderungen gestellt – die steigende Präferenz für Online-Shopping hat das Kaufverhalten der Konsumenten mittlerweile dauerhaft verändert. Auch Reiseunternehmen (29%) leiden weiterhin an den Folgen von Corona. 27% der Befragten nennen die Automobilbranche, die sich in der Umstellung auf Elektromobilität in einer grundlegenden Transformation befindet.

Teurere Rohstoffe erhöhen den Druck

Versäumnisse bei der Digitalisierung und disruptive Innovationen (38%) sind wie in den Vorjahren die wesentlichen Ursachen für die notwendige Anpassung von Unternehmen. Dahinter gibt es Bewegung: Mit der Abhängigkeit von der Rohstoffpreisentwicklung (14%) und den steigenden Anforderungen in Bezug auf ESG-Kriterien (11%) werden neue Treiber für eine nötige Umstrukturierung genannt. Entsprechend gehören für die Befragten Investitionen in ESG und Nachhaltigkeit erstmals zu den wichtigsten Restrukturierungsmaßnahmen. Nur die grundlegende strategische Neuausrichtung des Geschäftsmodells und Veränderung der Wertschöpfung werden als noch relevanter erachtet. „Die Sanierungspraxis wandelt sich: Nachhaltigkeit und ESG-Investitionen sind zunehmend bedeutende Faktoren für Unternehmen, um wieder in die Erfolgsspur zu gelangen. Diese Themen sollten von Unternehmen nicht unterschätzt werden. Sie sind für eine Vielzahl von Stakeholdern, wie Investoren, Kunden oder künftigen Talenten von Bedeutung“, so Gerd Sievers, Co-Head der Plattform RPT und Partner bei Roland Berger.

Flexible Lieferketten und Kostenstrukturen rücken in den Fokus

Künftig werden nach Einschätzung der Experten präventive Maßnahmen auf der Management-Agenda eine wichtigere Rolle spielen. Zu den Top drei Themen zählen: Die Reduzierung von Abhängigkeiten in der Lieferkette (21%), eine flexiblere Kostenstruktur (20%) sowie die Schaffung neuer Arbeitsmodelle, insbesondere Homeoffice (20%).

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Helge Neumann / 22.09.2021 - 08:01 Uhr

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