Caprice-Geschäftsführer im Interview

Jürgen Cölsch: „Es kommt das Danach“

Caprice-Geschäftsführer Jürgen Cölsch (Foto: Gilles Pecqueur)
Caprice-Geschäftsführer Jürgen Cölsch (Foto: Gilles Pecqueur)

Beim Pirmasenser Schuhhersteller Caprice sieht man sich für 2021 gut gerüstet. Im Interview erklärt Geschäftsführer Jürgen Cölsch, was ihn zuversichtlich auf die kommenden Monate blicken lässt.

schuhkurier: Die Wortmann-Gruppe hat im Jahr 2020 eine insgesamt zufriedenstellende Entwicklung genommen – auch aufgrund des umfangreichen Maßnahmenpakets, das im Zuge der Corona-Pandemie geschnürt wurde. Wie sieht es konkret bei Caprice aus?
 

Jürgen Cölsch: Dank vom Markt gut angenommener Kollektionen sind wir bisher deutlich besser durch die Krise gekommen als zunächst angenommen. Von den in den Produktionsländern teilweise verhängten Lockdowns waren unsere Fabriken aufgrund erfolgreich umgesetzter Hygienekonzepte nur kurzfristig betroffen, so dass wir die gesamte Ordermenge pünktlich und in gewohnter Qualität an unsere Kunden ausliefern konnten.

 

Blicken wir noch einmal zurück: Was war im Jahr 2020 Ihr schlimmster Moment?
 

Als im März Militärtransporter im Konvoi im norditalienischen Bergamo die Särge voller Covid-19-Toten in Krematorien brachten.

 

…und wann haben Sie sich – trotz Pandemie – gefreut?
 

Als im November feststand, dass Trump die Wahl verloren hat.

 

Trotz sich überschlagender Ereignisse waren alle in den zurückliegenden Monaten gefordert, sich für die Zukunft zu rüsten. Wie schafft man es, sich zu motivieren und nach vorne zu blicken?


Es macht einen Unterschied, ob man mit einem ohnehin schon angeschlagenen Unternehmen in eine Krise geht oder ob man gut unterwegs ist und dann ausgebremst wird. Wir haben den Vorteil, dass wir in der Vergangenheit gut gewirtschaftet und uns ein Liquiditätspolster aufgebaut haben. Viele in unserem Team wachsen über sich hinaus, gerade weil wir schwierige Zeiten durchleben, und nutzen die Krise, um darüber nachzudenken, wie Caprice gestärkt aus ihr hervorgehen kann. Mir persönlich macht es Freude zu sehen, wie resiliente Kolleginnen und Kollegen durch ihre Belastbarkeit und Widerstandsfähigkeit andere motivieren. Dies lässt sich nur gemeinsam erreichen, wenn alle an einem Strang ziehen. Ich halte daher nichts vom ständigen Arbeiten zu Hause. Im Homeoffice entsteht wenig Gemeinschaft, und gerade die war und bleibt ursächlich für die Stärke unseres Unternehmens.

Welchen Verlauf erwarten Sie für die Orderrunde H/W 2021 – in Deutschland und in den ausländischen Märkten?
 

Es ist leider nicht abzusehen, dass die Umsätze schon in den kommenden Wochen besser werden als sie derzeit sind. Doch die Zeit nach dem Ausnahmezustand wird kommen und die Geschichte lehrt uns, dass es nach Krisenzeiten immer einen Aufbruch in der Modewelt gab. Für diese Zeit muss sich der Schuhhandel rüsten. Ohne neue Schuhe und Innovationen, am besten Alleinstellungsmerkmale, wird der „Wiederaufbau“ nicht gelingen. Daher sind wir zuversichtlich, dass wir mit unserer frischen und innovativen Kollektion Herbst/Winter 21-22 gute Ergebnisse erzielen werden.

 

Das Messegeschehen bleibt anspruchsvoll – die Expo Riva Schuh findet beispielsweise nur digital statt. Wo und wie werden Sie mit dem Handel in Kontakt treten?
 

Digitaler Informationsaustausch wird immer wichtiger. Unser IT-Team ist momentan dabei, all unsere Showrooms digital fit zu machen. Modernste Kommunikationstechnik wird in den Caprice-Orderbüros installiert. Kunden erhalten die Möglichkeit, sich in die Präsentationsräume unserer Salesmanager online einzuwählen. Auch ein visueller Kontakt zum Kollektions- oder Produktmanagement ist durch diese moderne Technik möglich. Natürlich wird Caprice auch auf allen wichtigen virtuellen Messe-Plattformen präsent sein.

 

Wofür werden wir künftig physische Messen brauchen?
 

Digitale Veranstaltungen sind heutzutage unverzichtbar. Sie bieten große Flexibilität und innovative Gestaltungsmöglichkeiten. Aber den Erlebnischarakter einer physischen Messe werden sie nicht komplett ersetzen können. Wir arbeiten in einer Branche, in der das Produkt im Mittelpunkt steht und die Haptik noch eine sehr wichtige Rolle spielt. Caprice-Schuhe muss man fühlen, erleben und solche Events sind dafür perfekt geeignet.

 

Schuhhersteller benötigen möglichst früh Planungssicherheit für ihre Produktion – Händler wünschen sich maximale Flexibilität. Wie kann beides sinnvoll zusammengeführt werden?


Unsere Produktionsrhythmen können erst angepasst bzw. umgestellt werden, wenn sich auf allen Märkten eine deutliche Veränderung des Konsumverhaltens nachhaltig zeigt. Aus Beschaffungssicht haben sich die Orderrhythmen in der Vergangenheit größtenteils bewährt. Wir benötigen weiterhin frühe Aufträge, um einen reibungslosen Saisonübergang ohne Ausfälle in den Fabriken zu gewährleisten.

 

Welche modischen Impulse werden in der neuen H/W-Kollektion wichtig sein?
 

Durch die Textilmode, die im kommenden Herbst/Winter verkürzte Hosenformen und Röcke in unterschiedlichen Längen präsentiert, erhält der Schuh wieder Platz für eine eigene Inszenierung. Fashion Styles werden neu interpretiert. Kontraste kommen richtig zur Geltung. Kernige Boots werden zu feinen Kleidern getragen – cool und feminin zugleich. Chunky Boots, Chelsea Boots, Combat Boots stehen im Fokus der neuen Caprice-Kollektion. Loafer präsentieren sich mit dicken, robusten Profilsohlen. Die „Langschäfter“ bleiben für uns ein wichtiges Segment. Sneaker werden in den verschiedensten Ausführungen präsentiert. Transparente Sohlen und grobe Bodenbetonungen erhalten einen besonderen Platz. Pumps, Loafer und Stiefeletten zeigen sich in neuen Karreeformen. Softleder, Lackleder, weiche Nubuks und feinste Velours, aber auch edle Stretchmaterialien bestimmen das neue Kollektionsbild. Das Farbspektrum wird geprägt durch Schwarz-, Blau-, Grau-, Natur-, Creme-und Grüntöne. Accessoires werden ein wichtiger Bestandteil der Kollektion. Feinste Elastiks, edle Schmuckteile und hochwertige Details geben dem Schuh seinen speziellen Ausdruck.

 

Welche technischen Innovationen werden Sie zur neuen Orderrunde präsentieren?
 

Caprice wird mit einer neu entwickelten Technologie, die den Namen „Climotion“ trägt, zur Saison Herbst/Winter einen Meilenstein in puncto innovatives und perfektes Laufen setzen. Climotion steht für Cli (Klima), Motion (Bewegung) und Emotion (Gefühl). Technisch steht Climotion für eine Kombination aus Weichheit, Flexibilität, Dämpfung und Klimaregulierung, die für ein unvergleichlich samtweiches Laufgefühl sorgt. Der Fuß wird in einem neu entwickelten ultraweichen, elastischen Kissen aus High-Tech-Elastomeren eingebettet, das auswechselbar und mit perforiertem Leder überzogen ist. Über in das Kissen eingelassene Kanäle wird der Fuß ganzflächig permanent belüftet. Schuhe mit der Climotion Pro-Ausstattung verfügen zudem über in die Laufsohle eingelassene, transparente Hexagon-Elemente, die beim Auftreten dämpfend wirken und für eine optimale Luftzirkulation im Schuhinnenraum sorgen. Die Technologie haben wir gebrauchsmusterrechtlich geschützt und zum Patent angemeldet.

 

Inwieweit ist die Digitalisierung in Ihrem Unternehmen vorangeschritten bzw. beschleunigt worden – in der Kommunikation mit dem Handel, aber auch in Entwicklung und Produktion?


Mit der Einführung moderner 3D-Technologien im Entwicklungsprozess wurde bei Caprice ein entscheidender Schritt im Bereich der Innovation und Perfektion getan. Schon vor Corona war uns bewusst, dass Digitalisierung ein wichtiger Baustein für den Forschungsprozess unseres Unternehmens sein wird. Deshalb haben wir frühzeitig in additive Fertigung investiert. 3D-Drucker und digitale Schneidetische gehören mittlerweile zur Standardausstattung unserer Entwicklungsabteilung. Auch digitales Schuhdesign wird für unser Kollektionsteam immer wichtiger. Kurze digitale Informationswege zu unseren internationalen Workshops und Produktionsstätten sind Grundvoraussetzung für schnelle Entwicklungs- und Fertigungsprozesse. Seit Monaten kommunizieren wir mit unseren Kunden über virtuelle Kommunikationswege. In diversen Teams-Sitzungen werden Kundenwünsche, Anregungen und Modetrends besprochen und diskutiert. Die digitale Transformation stellt sicher, dass Caprice auch in Zukunft den wachsenden Ansprüchen des Marktes gerecht wird.

 

Der stationäre Handel steht unter Druck. Zunehmend befassen sich Kampagnen mit der Zukunft der Innenstädte. Inwieweit kann Caprice stationäre Händler unterstützen?
 

In dieser herausfordernden Zeit hat der partnerschaftliche Gedanke weiterhin bei Caprice eine sehr wichtige Bedeutung. Mit ausdrucksstarken und exklusiven Kollektionen zu fairen Preisen sowie patentierten Innovationen können wir einen hohen Beitrag zur Attraktivitätssteigerung des Innenstadtangebotes leisten. Wir glauben auch sehr stark an die Kreativität unserer Partner, um Kunden ein unverwechselbares Shopping-Erlebnis anzubieten.

 

Eine Möglichkeit der Unterstützung ist die exklusive Kollektion, die Sie für den stationären Handel anbieten. Wie viele Modelle und Styles gehören dazu? Und wo kann der Handel diese Modelle ordern? Wie gestaltet sich das Preisgefüge?
 

Mit unserer ersten „Exclusive Kollektion“ möchten wir den stationären Handel bestmöglich unterstützen. Wir bieten unseren Partnern Alleinstellungsmerkmale an, die sie als Verkaufsargument gegenüber der offensiven Preispolitik einiger Online-Versandhändler nutzen können. Die Exclusive-Linie, die aus ca. 60 unterschiedlichen Varianten besteht, beinhaltet Artikel aus jedem Segment der neuen Kollektion. Auch die starke Preis-Leistung findet sich in diesem differenzierten Produkt-Sortiment wieder. Caprice Exclusive wird international über unseren Vertriebsaußendienst angeboten.

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Petra Steinke / 11.01.2021 - 13:15 Uhr

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