75 Jahre schuhkurier – Interview mit Erik Wirsing

„Klare Nachhaltigkeitsstrategie“

Erik Wirsing, Vice President Global Innovation Schenker AG (Foto: Schenker AG)
Erik Wirsing, Vice President Global Innovation Schenker AG (Foto: Schenker AG)

Wer die Worte „Global Innovation“ in der Berufsbezeichnung trägt, der muss groß denken. Erik Wirsing, Vice President Global Innovation bei der Deutsche Bahn-Logistiktochter Schenker, spricht mit schuhkurier über die Zukunft der Logistik und darüber, wie der deutsche Einzelhandel in den kommenden Jahren dadurch beeinflusst wird.

Herr Wirsing, wird es in fünf Jahren noch zeitgemäß sein, große Mengen an Ware über den gesamten Globus zu transportieren?

Es werden immer mehr neue und vor allem digitale Geschäftsmodelle entstehen. Dazu zählt auch nachhaltige Logistik. Die Art und Weise, wie Güter über den Globus transportiert werden, wird sich bereits in fünf Jahren stark gewandelt haben. Dazu zählen unter anderem CO2-neutrale Flüge. Mithilfe von 3D-Druck werden Ersatzteile vor Ort gefertigt werden können. Zudem sehen wir eine stärkere digitale Vernetzung mit lokalen Hubs.

Welche Trends in der Logistik werden Schuhhersteller in den kommenden Jahren hautnah miterleben?

Für die Schuhindustrie werden digitale Prozesse noch wichtiger werden. Dazu zählen Künstliche Intelligenz, vernetzte Lagerhäuser und Produkte, die genau getrackt werden können. Autonome oder automatisierte Lösungen können auch in Lagerhäusern eingesetzt werden. Auch Ansätze aus der Robotik werden in Zukunft keine Fantastereien mehr sein, sondern ihre tägliche Anwendung finden.

Inwiefern werden sich Logistik-Konzepte der Zukunft auf die Lieferkette auswirken?

Im Bereich Internet of Things wird das Tracking der Lieferwege ausgebaut werden. Auch eine beinahe lückenlose Überwachung der Lagerbestände wird dann möglich sein. Das vereinfacht die Prozesse. Generell wird die Lieferkette noch digitaler ausgebaut werden. Auf der anderen Seite erwarten wir nachhaltigere Lieferketten durch kurze Wegstrecken. Auch spielen alternative Antriebe von LKWs eine immer wichtigere Rolle, besonders vor dem Hintergrund der Nachhaltigkeit. Zudem schreitet die Urbanisierung weiter fort. Im städtischen Umfeld könnten beispielsweise Drohnen für den automatisierten letzten Kilometer zum Einsatz kommen.

Bis wohin werden die Logistik-Konzepte der Zukunft reichen? Bis an die Ladentheke? Oder bis ins Wohnzimmer der Kunden, so dass stationäre Handelsangebote der Vergangenheit angehören könnten?

Zukünftig wird die sogenannte Last und Middle Mile Delivery stärker im Fokus stehen. Während ersteres den Weg zum Konsumenten beschreibt, deckt die Middle Mile Delivery die Lieferung vom Hersteller in den Handel ab. An beiden Stellen in der Lieferkette werden neue Geschäftsmodelle entstehen, die dann schlussendlich die gesamte Lieferkette abdecken werden.

Der ehemalige Karstadt-Chef Stefan Fanderl sagte einmal in einem Vortrag, dass die Logistik-Konzepte der Zukunft in die Innenstädte eingebunden werden, um den Kunden Same-Day-Lieferungen zu ermöglichen und Leerstände zu nutzen. Wo sehen Sie als Logistiker Chancen und Probleme dieses Konzepts?

Zunächst einmal ist es wichtig, sich mit der Etablierung neuer Geschäftsmodelle gegen die aufstrebenden Digital Forwarder durchsetzen zu können. Same-Day-Lieferungen erfordern schnelle, kurze und nachhaltige Lieferketten. Durch effizientes Supply Chain Management können nicht nur Kosten eingespart werden, es wird auch eine neue Nähe zum Kunden generiert. Aber natürlich haben diese Entwicklungen nicht nur ihre Vorteile. Denn durch die fortschreitende Urbanisierung werden die Innenstädte immer voller und dichter besiedelt. Um drohende Problemstellen wie zusätzliche Staus zu vermeiden, erfordert es eine komplexe Planung und hohe Anforderungen an die Prozesse dahinter.

Der Einsatz von intelligenten Robotern in größeren Lägern ist schon lange keine Zukunftsmusik mehr. Werden in Zukunft auch mittelständische Unternehmer Roboter in ihren Lägern einsetzen?

Immer mehr Start-ups beschäftigen sich mit diesem Bereich und bieten individuelle Lösungen an. Das kann zu einer Effizienzsteigerung führen. Mittelständler müssen auf Dauer wettbewerbsfähig bleiben. Die Konkurrenz ist stark. Zudem müssen Kosten und Nutzen genau abgewogen werden.

Hat die Corona-Krise der Entwicklung logistischer Konzepte einen Vorschub geleistet? Wenn ja, welche Prozesse wurden beschleunigt?

Corona hat die Digitalisierung weiter vorangetrieben. Prozesse wurden verstärkt digitalisiert und Kunden setzen vermehrt auf Plattformlösungen. Das führt zu einer gesteigerten Flexibilität, zum Beispiel die Möglichkeit, flexibel freie Lagerkapazitäten zu buchen.

Welche logistischen Prozesse sollten Unternehmer aktuell nicht verpassen, um gut für die Zukunft aufgestellt zu sein?

Unternehmer sollten vor allem darauf setzen, ihre Supply Chain digital zu vernetzen. Auch spielt das Thema E-Commerce eine wichtige Rolle, um vom Kunden wahrgenommen zu werden.

Wo sehen Sie für den Logistik-Sektor die größten Herausforderungen in den kommenden Jahren?

Das Thema Nachhaltigkeit ist eine große Herausforderung für die Logistik. Noch nicht ganz ausgereifte Technologien, fehlende Ladeinfrastruktur oder künftige Einschränkungen für Dieselfahrzeuge beispielsweise bewirken ein Umdenken und fordern Alternativen in der Logistik. Bei DB Schenker ist somit Nachhaltigkeit, das heißt natürlich auch Umwelt- und Klimaschutz, eine Thematik mit Top-Priorität. Um den Herausforderungen entgegenzutreten und Nachhaltigkeit langfristig zu stärken, bedarf es einer klaren Nachhaltigkeitsstrategie, die wir bei Schenker bereits verfolgen und auch in Zukunft sehr hoch priorisieren werden. Dabei geht es beispielsweise um alternative Antriebe für LKWs oder auch klimaneutrale Flüge für eine nachhaltigere Luftfracht, die es bei DB Schenker aktuell schon gibt.

...und wo die größten Chancen?

Viele neue Technologien werden die Logistikprozesse effizienter gestalten. In strategischen Partnerschaften mit Start-ups können neue Lösungen schnell pilotiert und ins operative Geschäft integriert werden. Es gibt jetzt schon viele Forschungsansätze dazu, auch zu den eben genannten alternativen Antreiben. Schlussendlich werden diese Entwicklungen zu neuen Geschäftsmodellen und Kundensegmenten führen. Logistics as a Service wird eine maßgebliche Rolle spielen.

Eine Havarie wie die der Ever Given im Suez-Kanal offenbart die Schwachstellen der internationalen Warenströme. Was kann man daraus lernen?

Man sollte immer einen Plan B haben. Die Haverie der Ever Given zeigt zudem, das bestehende Supply Chains hinterfragt werden müssen. Re-Globalisierung könnte ein wirkungsvoller Ansatz sein.

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Laura Klesper / 07.05.2021 - 11:13 Uhr

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