75 Jahre schuhkurier - Interview mit Floris van Bommel

„Kreation ist Magie“

schuhkurier sprach mit Creative Director Floris van Bommel. (Foto: Floris van Bommel)
schuhkurier sprach mit Creative Director Floris van Bommel. (Foto: Floris van Bommel)

Die Marke Floris van Bommel wird 25. Namensgeber und Creative Director Floris van Bommel blickt auf die Anfangstage des Labels zurück, spricht über seinen Arbeitsalltag und erklärt, warum er sich nicht gerne mit der Vergangenheit beschäftigt.

Nehmen Sie uns mit in die Anfangstage der Marke: Wie und warum wurde Floris van Bommel gegründet?

Die Marke wurde von meinem Vater Frans van Bommel, dem Kopf der 8. Familiengeneration, gegründet. Er erkannte die Zeichen der damaligen Zeit und wusste, dass die „Schoenfabriek van Bommel“ modischer werden musste. Ihm war auch klar, dass dies mit dem seit 1734 etablierten, alteingesessenen Markennamen van Bommel nicht möglich war. Dieser hatte einfach einen viel zu konservative Beigeschmack. Aus diesem Grund launchte er das Sublabel Floris van Bommel. Dass mein Name für dieses neue Brand genommen wurde, hatte rein mit dem modernen, internationalen Klang und der fließenden Aussprache zu tun. Mein Vater fand, dass dies bei Floris mehr gegeben war als bei den Namen meiner beiden Brüder Reynier und Pepijn. Für ihn war grundsätzlich ganz klar, dass ein deutlicher Familienbezug bestehen musste. Soweit der Rückblick in das Gründungsjahr 1996. Ich studierte damals noch und war in keiner Weise im Unternehmen involviert. Ich begann erst 1999 in der Firma zu arbeiten und stieg in den Job ein, den ich auch heute noch innehabe: neue Kollektionen entwickeln und mich um das Marketing kümmern.

Waren Sie von Beginn an vom Erfolg der Marke überzeugt?

Niemand konnte sich damals vorstellen, was mit Floris van Bommel passieren würde. Wir wären schon damit zufrieden gewesen und hätten uns sehr gefreut, wenn es sich zu einem modischen Sublabel der Dachmarke van Bommel entwickelt hätte. Es stellte sich jedoch heraus, dass das Potential viel größer war, als ursprünglich gedacht. Floris van Bommel ist heute unsere Hauptmarke, die uns erfolgreich und stark ins 21. Jahrhundert geführt hat.

Beneiden Ihre beiden Brüder Sie, weil nicht ihr Name benutzt wurde?

Da gibt es nichts zu neiden. Es ist nicht so, dass mir die Leute jeden Morgen frisches Obst bringen und Fußmassagen geben. Es ist nur ein Name für eine Schuhmarke. Für mich fühlt es sich an, als gäbe es zwei Floris van Bommels: Der eine ist eine Schuhmarke, der andere bin ich. Die Schuhmarke wird von allen Menschen geschaffen, die in unserem Unternehmen arbeiten. Das bin nicht ich und es ist nicht meins: Es ist ein Familienunternehmen.

Gab es einen bestimmten Meilenstein in den vergangenen 25 Jahren, der entscheidend war?

Es gab viele kleine und größere Meilensteine auf dem Weg. In den Anfangstagen war es unser Ausstattungsvertrag mit dem Renault-Formel-1-Team. Das hat uns einen Push in die richtige 
Richtung gegeben. Später war es z. B. die Teilnahme an der Bread & Butter in 
Berlin, die eine wichtige Plattform für uns war, um uns als Brand groß und international zu präsentieren. Insgesamt war das eine Zeit, die mit dazu beigetragen hat, als Marke zu reifen. Und natürlich die Eröffnungen unserer zwölf Brandstores in Holland, Belgien und Deutschland: Sie sind ein wichtiges Instrument zur Verankerung unseres Status als Premiumbrand in A-Lagen. Es gab in diesen 25 Jahren so viele wichtige und schöne Momente. Wir hatten jedoch keine großen Revolutionen oder plötzliche Veränderungen. Es war ein stetiger Prozess, bei dem wir den Berg Schritt für Schritt erklommen haben und 
weiter besteigen.

Wie sieht ein typischer Arbeitstag von Ihnen aus?

Es hängt davon ab, wo wir in der Saison stehen. Am Anfang geht es für mich um Brainstorming und Entwicklung neuer Schuhkonzepte. Die Beschaffung und Entwicklung neuer Materialien steht auch zu diesem Zeitpunkt an. Wenn die Deadlines näher rücken, verbringe ich mehr Zeit in der Designabteilung und arbeite an der Kollektion: Alle Details müssen stimmig positioniert, die richtigen Materialien ausgesucht und die Balance für eine ausgewogene Kollektion sichergestellt werden. Ich bin auch viel mit unseren Grafikdesignern zusammen, um unsere Kampagnen und Projekte auszuarbeiten. Generell versuche ich jedoch, mich so gut wie möglich aus Meetings herauszuhalten. Ich skizziere neue Ideen, texte viel und plane unseren Content-Kalender. Es ist wichtig, dass ich mit unserem gesamten Output verbunden bleibe. Außerdem habe ich viele Tage, an denen ich einfach nur in meinem Büro sitze und endlos viele E-Mails schreibe. Meistens geht es um neue Projekte oder Kollaborationen, die Organisation von Fotoshootings, unsere PR-Arbeit und alle möglichen anderen Marketing-Projekte.

Welchen Teil Ihres Jobs mögen Sie am liebsten?

Die besten Momente sind die, in denen ich kreieren kann. Kreation ist Magie. Ich setze mich mit dem Bewusstsein hin, nichts zu haben und dennoch etwas Neues, Originelles zu brauchen. Dabei tauche ich in eine Art Twilight-Zone ein, in der ich mich um das zu lösende Problem herum treiben lasse. Neue Ideen tauchen dann ziemlich schnell auf. Ich liebe es, das zu tun und dabei die kompliziertesten Dilemmata zu knacken: beim Texten, der Konzeption eines neuen Schuhstyles, der Ausarbeitung einer Kampagne, beim Erfinden eines weiteren kleinen Witzes für ein Etikett oder eine Sohle oder einfach bei allem, was gebraucht wird.

Was inspiriert Sie?

Ich lasse mich von Menschen inspirieren, die wundervoll und großartig in dem sind, was sie tun. Die Disziplin, mit der sie arbeiten oder agieren, spielt dabei 
keine Rolle. Wichtig ist das Talent und das richtige Mind-Set. Wenn ich inspirierende Menschen in einem Interview, einer Dokumentation oder im wirklichen Leben sehe, fühle ich mich manchmal sehr dumm und klein. Das spornt mich immer wieder an, ein besserer Mensch zu werden und einen besseren Job zu machen.

Wie gehen Sie bei der Entwicklung eines neuen Schuhdesigns vor?

Wir gehen wie Profiler, die für das FBI arbeiten, an die Sache heran. Wir erstellen Profile eines typischen Kunden für einen speziellen Schuh und in welcher Situation er diesen typischerweise tragen wird. Ein Vater, der am Wochenende am Rande eines Sportplatzes steht und seinen Kindern beim Fußballspielen zusieht, ist etwas ganz anderes als ein Vater, der seinen Kindern beim Hockeyspielen zusieht. Manchmal entwickeln wir einen Style, der uns zwar allen gefällt, von dem wir aber dennoch nicht wissen, wer ihn kaufen wird, weil er nicht wirklich zu unseren Profilen passt. Das führt meistens dazu, dass der Style am Ende doch wieder aus der Kollektion genommen wird.

Wie hat sich Ihr Arbeitsprozess in den vergangenen Jahren verändert?

Es hat sich sehr viel verändert. Die Marke und das Unternehmen haben sich so enorm gewandelt. Nichts ist heute mit dem Zustand vor 25 Jahren vergleichbar. Die ersten 20 Jahre habe ich viel in Portugal, wo ca. 75% unserer Schuhe hergestellt werden, gearbeitet. Ich hätte fast durchgehend nach Portugal ziehen können, weil damals unsere komplette Design- und Entwicklungsabteilung dort ansässig war. An einem bestimmten Punkt wurde das zu viel und wir haben das Design komplett von Portugal nach Holland verlegt. Anstatt nur dort an der Kollektion zu arbeiten, können wir dies jetzt inhouse in Holland täglich das ganze Jahr hindurch tun. Als ich im Unternehmen anfing, haben wir noch mit einer externen Werbeagentur zusammengearbeitet. Ich war kreativ zwar sehr involviert, aber die Agentur hat den eigentlichen Work-Flow übernommen. Vor zehn Jahren haben wir die Zusammenarbeit beendet und alle Arbeiten inhouse verlagert. Aktuell gibt es vier Vollzeit-Grafikdesigner und insgesamt sechs Mitarbeiter, die an all unseren Kampagnen, Werbeprojekten und Inhalten arbeiten. Unsere interne „Werbeagentur“ ist jetzt größer als die damalig extern beauftragte.

Wie werden Schuhe in Zukunft aussehen? Und wo werden sie verkauft?

Das ist eine sehr interessante Frage. Wenn man über die letzten 25 Jahre spricht, ist es schockierend zu sehen, wie sehr Sneaker, das Internet und die Technologie im Allgemeinen unser Arbeitsfeld verändert haben. Ich denke, es wäre naiv zu glauben, dass unsere aktuelle Situation die neue Normalität für die kommenden Jahrzehnte ist. Die Technologie entwickelt sich exponentiell weiter. Gute Lederalternativen stehen kurz vor der Marktreife, der 3D-Druck wird wahrscheinlich ein großer Disruptor sein, IT und KI werden das Geschäft weiter verändern. Was sich wohl nie ändern wird, ist die Nachfrage nach starken Marken, sowohl für uns als Produzent als auch für den unabhängigen Handel. Unsere Aufgabe ist es, eine starke Marke zu bleiben und mit allem Neuen Schritt zu halten.

Haben Sie einen Lieblingsschuh aus den vergangenen 25 Jahren?

Ich bin kein großer Fan vom Zurückblicken. Ich hasse Reunions und alte Fotos. Auch wenn ich auf all die Schuhe zurückblicke, die wir gemacht haben, sehe ich hauptsächlich die Fehler und die Kämpfe. Der Blick nach vorne macht viel mehr Spaß. Die Zukunft ist ein Meer endloser Möglichkeiten. Meine Lieblings-
schuhe sind immer die, an denen ich 
gerade arbeite.

Was macht Ihnen Sorgen?

Nichts. Ich akzeptiere das Leben, wie es ist.

Und was gibt Ihnen Hoffnung?

Menschen, die schöne Schuhe tragen.        

 
Login für Abonnenten
Sie möchten alle Inhalte lesen?
  • Website-Login
  • E-Paper-Zugang
  • Alle Newsletter
Helge Neumann / 08.12.2021 - 11:43 Uhr

Weitere Nachrichten