Interview mit Florian Wortmann

„Marken brauchen eine Haltung“

Frei, individuell und „ageless“: Florian Wortmann will Baldessarini für neue Zielgruppen attraktiv machen. (Foto: Baldessarini)
Frei, individuell und „ageless“: Florian Wortmann will Baldessarini für neue Zielgruppen attraktiv machen. (Foto: Baldessarini)

Florian Wortmann ist Geschäftsführer der zur Ahlers AG gehörenden Marke Baldessarini. Er erklärt, was Slim-Fit mit Freiheit zu tun hat, warum Individualität wichtiger ist als Macht und wie in der Mode die Grenzen zwischen den Geschlechtern aufbrechen.

Was hat Corona mit der Männermode gemacht?

Am Anfang hat die Krise die schon vorher spürbare Casualisierung extrem vorangetrieben. Alle sind gefühlt nur noch in Tracksuits herumgelaufen und keiner hatte mehr Lust, sich richtig anzuziehen – bis der Respekt vor dem eigenen Spiegelbild wieder wichtiger wurde. Jetzt merken wir, dass es wieder angezogener wird. Man hat wieder mehr Lust sich schön zu kleiden. Auf den Komfort, den man in der Corona-Zeit im Lieblingspulli gespürt hat, möchte man allerdings nicht verzichten, sondern ihn weiter erleben: im Hemd, im Sakko und im Anzug. Das wirkt sich auf die Kollektionsarbeit der Hersteller aus: Früher gab es hier und da noch 100% Wollstoffe. Das interessiert heute keinen mehr. Es geht um Komfort, Komfort und Komfort.

Was bedeutet das für Schnitte und Silhouetten?

Die Silhouette wird bequemer. Hosen und Sakkos werden weiter, die Revers werden breiter. Vorher musste alles „slim“ sein. Wenn man das philosophisch betrachten möchte, kann man schlussfolgern, dass sich der Mann nach Corona wieder nach mehr Freiraum und Spielraum sehnt und daher offener ist für weite Silhouetten. Und er wird experimentierfreudiger. Das merken wir sehr deutlich. Gerade nach Corona ist dieses typische Bild aus dunkelblauem Anzug und weißem Slim-Fit-Hemd aufgebrochen. Eine ähnliche Entwicklung gibt es auch in der DOB.

Auf der Schuhmesse Micam in Mailand war ebenfalls deutlich spürbar, dass die Schuhmode einerseits schicker wird, andererseits aber komfortabel bleiben soll. Welche Anforderungen bringt das für Ihre Marke mit sich?
Es gibt extreme Anforderungen, auf die wir Antworten finden müssen. Wir haben es dabei nicht nur mit dem Thema Komfort zu tun, sondern auch mit dem Thema Nachhaltigkeit. Das heißt, wir beschäftigen uns beispielsweise mit der Frage, wie wir Wolle so gesponnen bekommen, dass sie einen natürlichen Stretcheffekt hat. Und wenn wir doch Elasthan verarbeiten müssen, kommt es darauf an, dass es wirklich recycelte Garne sind. Auch im Stoff-Sourcing verfolgen wir heute ganz andere Ansätze. Unsere Lieferanten in die Richtung zu bewegen, in die wir wollen, das ist herausfordernd. Wichtig ist aber festzuhalten, dass dies kein neuer Trend ist. Corona hat eigentlich nichts neu gemacht – die Krise hat viele Entwicklungen nur beschleunigt.

Der klassische Herrenanzug war – zumindest vor der Krise – Ausdruck einer gewissen Attitude, womöglich auch Ausdruck von Macht. Hat sich das geändert? Drückt Männermode heute eine andere Attitude aus?
Daran glaube ich sehr. Gerade in Zeiten der Diversität geht es nicht mehr so sehr darum, etwas wie Macht auszudrücken. Man beschäftigt sich mehr mit sich selbst und sucht Möglichkeiten, den eigenen Stil im Outfit darzustellen. Es geht also eher um Individualität als um Macht. Man erkennt das unter anderem daran, dass immer häufiger Einflüsse aus der DOB auch in der HAKA zu finden sind. Ein konkretes Beispiel sind Schuhabsätze, die teils etwas höher und femininer sind. Das macht eine tolle Silhouette, gerade auch mit weitem Hosenbein. Das Freiheitsgefühl oder der Individualitätsgedanke, dass sich auch in der Männermode weibliche Einflüsse finden, wurde in der Corona-Pandemie sehr gepusht.

Ist der dunkelblaue Business-Anzug damit Geschichte? Wird es mehr Individualität in der Mode geben als vor der Pandemie?
Früher stand der klassische Herrenanzug für größtmögliche Seriösität und eine gewisse gesellschaftliche Stellung. Meiner Ansicht nach fallen diese Grenzen nach und nach weg. Auch wenn in einigen Bereichen der klassische Business-Anzug immer noch dazu gehört, wird der Trend zu individuellen Looks, auch im beruflichen Umfeld, immer größer. Man merkt es daran, dass in vielen Bereichen eine Duz-Kultur Einzug gehalten hat. Qualität und Kompetenz werden sich mehr und mehr durchsetzen und nicht irgendwelche Seilschaften und Politik. Es geht nicht mehr um Selbstdarstellung, sondern um den Kern.

Die New York Fashion Week vor wenigen Wochen stand unter dem Tenor des Re-Starts. Haben Sie das Gefühl, dass die Modebranche insgesamt aus dem Corona-Blues erwacht?
Ja, das ist sehr deutlich spürbar. Auch in unserem Unternehmen. Ich habe seit acht Monaten die Ehre, diese tolle Marke zu neuem Leben erwecken zu dürfen. Jeder Gedanke ist erlaubt, jeder neue Weg möglich. Wir verspüren eine ganz große Euphorie, und die nächste H/W-Kollektion wird nochmal extremer als die jetzige, was Silhouetten und Kombinationen von Stofflichkeiten angeht. Auf dem deutschen Markt würde ich mir allerdings noch mehr Begeisterung wünschen. Der Handel wünscht sich einerseits stetige Innovationen, auf der anderen Seite kauft er dann doch wieder sehr konservativ. Also werden wir in unserer eigenen Kollektion so überskizzieren, dass am Ende das Heruntergebrochene trotzdem noch innovativ ist. Ich sehe mich da ganz klar als Opinion Leader.

Welche Kunden sprechen Sie an? Eher jüngere oder eher ältere Männer?
In meinem Altersumfeld sind oft eher die jungen Anwälte, Ärzte und Bankangestellten recht konservativ gekleidet, wohingegen die Mitte 40- bis 60-Jährigen viel offener sind, gerade auch in ihrem Kleidungsstil. Ich clustere meine Zielgruppe daher nicht mehr nach Alter, sondern nach Lebensgefühl. Ich bin der Meinung, wer dieses Freiheitsgefühl und diese Experimentierfreude, die wir mit Baldessarini ausdrücken möchten, teilt, den können wir begeistern. Wir haben als Marke ganz klar ein gewisses Selbstbewusstsein. Wir nehmen uns aber nicht ganz so ernst. Es ist Luxus mit einem Augenzwinkern. Wer das fühlt, der sei unser Gast, ob er nun 20 ist oder 60.

Wird Mode genderless?
Ich finde es schade, dass das überhaupt diskutiert wird; für mich sollte es schon so sein. Ich finde die Entwicklung gerade sehr spannend, dieses Verschwimmen von Grenzen. Die DOB ist so schnell und experimentierfreudig. Wir haben inzwischen viele typische DOB-Stoffe in unserer Kollektion. Wir schauen uns auch viel mehr DOB-Messen an als HAKA-Messen, um das Genderless-Thema zu treiben. Und es macht auch viel mehr Spaß. Warum soll nur die Dame körperbetont tragen dürfen und nicht der Herr? Warum sollen nicht beide oversized tragen dürfen? Warum darf ich nicht mit einem Lurex-Pullover herumlaufen? Das alles bricht auf, und ich bin glücklich, Zeitzeuge sein zu dürfen.

Wie nachhaltig kann Mode sein?
Das ist für mich keine Frage mehr. Mode muss nachhaltig sein. Die Frage, die stattdessen geklärt werden müsste, lautet: Wie wird Nachhaltigkeit finanziert? Wir beschäftigen uns in unserem Unternehmen intensiv mit Nachhaltigkeit. Wir behaupten nicht, ein 100% durch die gesamte Wertschöpfungskette nachhaltiges Brand zu sein. Wir sind aber verpflichtet, gerade im Premium-Segment, so nachhaltig wie möglich zu arbeiten, weil das eine Form des neuen Luxus ist. Früher war es cool, mit dem Luftkühler-Porsche herumzufahren, eine Luxus-Uhr am Handgelenk. Heute ist es vielleicht eher das Elektrofahrzeug und die Apple Watch. Wobei die Frage, ob das wirklich nachhaltig ist, noch beantwortet werden muss. Wir geben unser Bestes, um den Kunden aufzuklären. Es gibt beispielsweise nichts nachhaltigeres als Leinen. Man muss nicht alles aus recycelten Plastikflaschen herstellen. Also beschäftigen wir uns mit Naturfasern. Unsere Jeans sind ab September 2022 BCI-gelabelt. Wir beschäftigen uns mit GOTS und unseren Verpackungen. Es ist ein Riesenthema für uns. Aber: Den perfekten Weg gibt es nicht. Das wäre eine Illusion. Uns geht es darum, vor allem ehrlich zu kommunizieren.

Steigt die Nachfrage von Kunden im Hinblick auf Nachhaltigkeit? Spüren Sie Druck von der Straße bei diesem Thema? Oder sind Sie eher proaktiv, weil die Verbraucher noch nicht so weit sind?

Handlungsdruck ist auf jeden Fall da. Wir haben in der Ahlers AG eine eigene Abteilung eingerichtet, die Complianceund Nachhaltigkeitszertifizierungen prüft und vorantreibt. Vor allem viele jüngere Konsumenten machen Druck. Ihnen ist das Thema Nachhaltigkeit wichtig. Aber sie haben oft das Geld nicht. Ältere Menschen kaufen eher nachhaltig, weil sie es sich leisten können und auch wollen. Und es gibt auch ältere, die aus Verpflichtung der Jugend gegenüber nachhaltig konsumieren.

Es gilt zunehmend, dass man alles tragen kann. Gibt es irgendwann keine Trends mehr?
Ganz im Gegenteil! Trends sind ungemein wichtig. Sie machen es doch gerade spannend! Nur weil die Grenzen verwischen, heißt das nicht, dass es keine Trends mehr gibt. Ich glaube sogar, dass es mehr Trends geben wird als früher, allein schon durch den Wunsch nach Selbstverwirklichung. Trends sind unser größter Antrieb. Gäbe es keine Trends mehr, wäre das für unsere Branche ein Riesenproblem.

Sind Marken in der Pandemie noch einmal wichtiger geworden, weil sie Orientierung bieten?
Für die Kunden ist es wichtiger geworden, welche Haltung eine Marke einnimmt. Marken können nicht allein durch ein gutes Produkt im Markt sein. Sie müssen sich ganz klar positionieren, eine Haltung zeigen, womöglich auch politisch. Dazu sind Marken meiner Ansicht nach verpflichtet. Und Kunden werden genau hinschauen und sind gut informiert.

Welche Haltung hat Baldessarini?
Wir legen Wert auf den Freiheitsgedanken. Wir beschäftigen uns intensiv mit Genderneutralität, Diversität und Nachhaltigkeit und positionieren uns ganz klar gegen Rassismus. Wir lieben die guten Dinge. Wir sind natürlich und nahbar.

Wie hat Corona Ihr Unternehmen verändert?
Es war eine schwierige Zeit, in der wir alle in der gesamten Ahlers AG sehr zusammenrücken mussten. Sie hat aber auch viel Gutes bewirkt. Man musste sich gegenseitig helfen und hat die Kollegen noch einmal neu schätzen gelernt. Es war viel Zusammenhalt spürbar und die Unternehmensbereiche konnten von den Erfahrungen und Fähigkeiten der anderen profitieren. Ich glaube auch, dass mehr Vertrauen zu den Menschen entstanden ist, es gab einen kulturellen Change bis hin zur Duz-Kultur. Und es kamen neue Menschen ins Unternehmen, die die Veränderungen im besten Sinne vorangetrieben haben.

Glauben Sie, dass das kommende Jahr die Rückkehr zur Normalität, wie wir sie vor Corona kannten, bringen wird?
Bange ist mir vor der Zukunft nicht. Wir hatten eine super Orderphase und sehr gute Auslieferquoten. Das Schlimmste haben wir überstanden – es sei denn, es kommt wieder zu neuen Lockdowns. Im Rückblick bin ich froh über die positiven Effekte der Krise. Ich weiß nicht, wie viele Meetings und wie viel Überzeugungsraft es gebraucht hätte, um so digital, kollegial und nachhaltig zu werden, wie wir es heute sind.

Gibt es ein Lieblingsoutfit, das Sie für die kommende F/S-Saison empfehlen können?
Ich nenne es mal „Neo-Classic“: Ein oversized Anzug aus Tencel/Wollgemisch, kombiniert mit einem lässigen, geprinteten Resort-Shirt. Dazu Schuhe mit kleinem Absatz. That’s it! 

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Christopher Mastalerz / 03.12.2021 - 13:53 Uhr

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