Interview

Michael Tackenberg: „Erschreckend!“

Das Jahr 2021 wird für die Industrie schwieriger als 2020, sagt Michael Tackenberg. schuhkurier sprach mit dem Vorsitzenden von CADS.

Herr Tackenberg, wie hat die Corona-Krise die Arbeit von CADS beeinflusst?

Auch wir mussten erhebliche Einschränkungen hinnehmen. Insbesondere die wichtige Arbeit der CADS Arbeitsgruppen wurde durch die Corona-Krise stark beeinträchtigt. Sämtliche Treffen konnten nur digital stattfinden. Speziell am Anfang der Krise hatten die einzelnen Teilnehmer außerdem wenig Zeit, da sie sich in der angespannten Lage in ihren Unternehmen mit Resourcing-Themen beschäftigen mussten.
 

Im Rahmen der Mitgliederversammlung 2019 in Berlin wurde ein Code of Conduct verabschiedet. Wie hat sich dieser bewährt?

Sie haben Recht, der Code of Conduct wurde damals in Berlin an die CADS Mitglieder verteilt und wir freuen uns nun sehr darüber, dass er in den Unternehmen gelebt wird. Nach meiner 
derzeitigen Einschätzung halten sich unsere Mitglieder an die Regeln. Die Corona-Krise hat u.a. massive Auswirkungen auf die Produktion. 

War 2020 das anstrengendste Jahr für die Schuhindustrie?

Nein. 2021 wird mit Sicherheit noch schwieriger. In 2020 war die Anpassung der Kapazitäten die große Herausforderung. Jetzt gibt es deutlich mehr Probleme auf Handelsseite. Der Lockdown ist schlimm. Die Ungewissheit, welche Schuhe in den nächsten Monaten überhaupt verkauft werden können, belastet Industrie und Handel gleichermaßen. Order findet quasi kaum statt. Hinzu kommt, dass das Geld bei vielen Unternehmen noch knapper geworden ist, was erheblich einschränkt, in neuen Kollektionen zu investieren. Ich sehe die Gefahr, dass der Handel zu viel „alte Ware“ hat.

Wird die Corona-Krise zu einer tiefgreifenden Veränderung der Lieferketten in der Schuhindustrie führen? Etwa im Hinblick auf „Near-Shoring“ und eine weitere Flexibilisierung bzw. Verkürzung der Lead-Times?

Sicherlich werden darüber viele Hersteller nachdenken. Aber eines ist auch klar: Die meisten Hersteller haben sich in gewisser Weise abhängig von Asien gemacht. Viele Teile, ich denke da zum Beispiel an Sohlen oder Accessoires, sind in Europa gar nicht mehr erhältlich. Früher hat man Accessoires sehr gern bei italienischen Lieferanten gekauft. Diese Lieferanten beziehen ihre Ware aber auch aus China. Dann kann man auch direkt dort ordern. Das Gleiche gilt für EVA-Sohlen, früher eine Domäne der italienischen Produzenten. Die Herstellung wurde längst nach Asien verlagert; es wäre jetzt mit erheblichen Komplikationen verbunden, diese Produktion in Europa wieder aufzubauen. Die Kapazitäten sind einfach nicht vorhanden. Schneller und flexibler wäre es allerdings, wenn wir dazu übergingen, mehr digital zu entwickeln. Das schont die Ressourcen. Weniger Muster müssten hergestellt, weniger Fahrten unternommen werden. Natürlich ist der Input aus dem Handel auch wichtig. Aber ich muss einen Schuh doch nicht in 16 Farben präsentieren. Ich denke, es geht bei der Kollektionsentwicklung um einen Mix aus persönlichen und digitalen Kontakten. By the way ist das gelernt: Neue Autos werden ja auch digital konfiguriert. Die Auseinandersetzung um das 
Lieferkettengesetz läuft weiter.

Wie lautet die Position von CADS?

Ich kann an dieser Stelle immer wieder nur betonen: Hier trifft Theorie auf Praxis. Allen Akteuren, die den deutschen Markt bedienen, müssten dieselben Hürden und Vorgaben auferlegt werden. Das scheint den Politikern nicht klar zu sein. Und das finde ich unverständlich bzw. sogar erschreckend! Man kann doch nicht zwei Gesetze machen. Schon die aktuelle Debatte um ein deutsches und ein europäisches Lieferkettengesetz ist fatal. Das kann nicht funktionieren. Die Voraussetzungen müssen für alle gleich sein. Wenn es mit rechten Dingen zuginge, dürften bei Einhaltung des Lieferkettengesetzes viele asiatische Schuhe gar nicht erst hier auf den Markt kommen.

Wie wirkt sich die Corona-Krise auf die Bedeutung des Themas Nachhaltigkeit in der Schuhbranche aus? Sinkt oder steigt das Interesse der Öffentlichkeit?

Mein Empfinden ist gerade leider, dass der Stellenwert etwas nachlässt. Die Unternehmen haben größere Probleme. Existenzängste und Ungewissheit machen sich breit. Bei einigen geht es ums Überleben. Das Thema Nachhaltigkeit ist vor dem Hintergrund der Pandemie ein „nice to have“ und wird etwas zur Seite gedrängt. Mal ehrlich, wenn ich am Hungertuch nage, ist Nachhaltigkeit doch ein Luxusproblem.

Wo sehen Sie Schwerpunkte für CADS in 2021?

An erster Stelle sehe ich hier die Notwendigkeit, die CADS Mitglieder am Lieferkettengesetz aktiv mitarbeiten zu lassen. Außerdem werden wir uns wieder stärker mit dem Thema Nachhaltigkeit beschäftigen und die Bedeutung in den Vordergrund stellen. Hier wollen wir auch stärker im Bereich PR und Lobbyarbeit aktiv werden.

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Laura Klesper / 29.01.2021 - 09:24 Uhr

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