75 Jahre schuhkurier - Interview mit Adam Katz Sinding

„Mode wird langweilig“

Adam Katz Sinding ist ein 
gefragter Streetstyle Fotograf. 
(Foto: Jonathan Daniel Pryce, Garconjon.com)
Adam Katz Sinding ist ein gefragter Streetstyle Fotograf. (Foto: Jonathan Daniel Pryce, Garconjon.com)

Adam Katz Sinding lebt und liebt Mode. Als gefragter Streetstyle-Fotograf reiste er von Fashion Week zu Fashion Week – bis Corona kam. Was seinen Job ausmacht und was die Zukunft der Mode bestimmen wird, erklärt der Amerikaner im Interview.

Was fasziniert Sie am meisten an Mode?

Mit den Jahren würde ich sagen: „immer weniger“. Die Kommerzialisierung der Branche kann sehr langweilig sein. Kreativität scheint zweitrangig geworden zu sein, und oft fühlt es sich auf dem Laufsteg nur noch wie „Content Creation“ an. Davon abgesehen sind bestimmte Marken für mich immer noch sehr interessant: Kiko Kostadinov, Thom Browne, Haider Ackermann, Marni, Prada, Eckhaus Latta, Craig Green, usw. Im Outdoor-Bereich liebe ich Veilance und das gute alte Acronym.

Wie kamen Sie dazu, Fotograf zu werden?

Mein Vater war ein Hobbyfotograf. Als er starb, erbte ich seine Kameras. Auch ich war in den ersten sieben bis acht Jahren nur ein Hobbyfotograf, bevor ich mich der Fotografie professionell widmete. Letztlich hat mein Umzug nach New York es mir ermöglicht, die Fotografie zu meinem Beruf zu machen.

Worauf achten Sie bei Menschen, wenn Sie Streetstyle-Fotos machen?

Das ist die Frage, die mir bei jedem Interview gestellt wird, und ich antworte immer gleich. Ich gehe jeden Tag mit null Erwartungen auf die Straße. Ich habe keine Agenda, sondern reagiere auf das, was ich sehe.  Ich sage mir nicht: „Wow, sieh dir das Kleid an“ oder „coole 
Schuhe“ oder „Heute gehe ich auf die Jagd nach Denim-Trends“. Ich gehe raus und fotografiere das, was ich vor mir sehe. Ich fotografiere, was ich interessant finde, und ich fotografiere nicht, was ich nicht interessant finde! Ganz einfach.

Sie arbeiten schon lange in der Modebranche. Die Branche hat sich im Laufe der Jahre stark verändert...

Ich habe 2011 meine erste Fashion Week in New York besucht. Seitdem hat sich wirklich alles geändert. Instagram ist wahrscheinlich schuld daran. In den ersten Jahren schien alles ein bisschen ehrlicher zu sein.  Jetzt habe ich das Gefühl, dass ich mit Outfits „gefüttert“ werde. Ich versuche aber, mich davon nicht allzu sehr beeindrucken zu lassen. Ich ziehe es vor, die Welt außerhalb der Modeschauen als eine Momentaufnahme des oberflächlichen Augenblicks zu sehen, in dem wir alle leben. Dies zu dokumentieren ist immer noch eine Dokumentation, unabhängig von ihrer Authentizität.

Ihr Job erfordert viele Reisen. Wie sind Sie in den letzten Monaten mit der Corona-Krise umgegangen?

Ich habe es sehr genossen, zu Hause zu sein. Allerdings bin ich auch mehr als genug gereist. Da ich einen amerikanischen Pass und einen Wohnsitz in Dänemark habe, konnte ich 2020 und 2021 ein paar Mal nach Hause fahren, um meine Mutter zu besuchen. Trotzdem habe ich in den letzten 18 Monaten ein „normales“ Leben geführt. 2020 bin ich 14.600 km mit dem Fahrrad gefahren, da ich viel freie Zeit hatte. Ich habe Dänemark mit dem Fahrrad, zu Fuß, beim Laufen und mit dem Auto erkundet.

Mittlerweile können wieder Fashion Weeks stattfinden. Werden Sie wieder zu Ihrer alten Routine zurückkehren?

Hoffentlich nicht in dem Maße, wie ich vorher gearbeitet habe. Ich liebe meinen Job, aber ich möchte nicht mehr wie früher 300 Tage im Jahr unterwegs sein. Wenn die Fashion Weeks verkürzt würden, wäre ich sehr glücklich. Ich fände es toll, wenn die Herren- und die Damenmode-Saison in einer Veranstaltung zusammengefasst würden, so dass ich nur zwei Monate im Jahr reisen müsste, anstatt vier Monate wie es früher der Fall war. Aber vielleicht ist das nur ein Traum.

Was wird die Zukunft der Mode bestimmen?

Der Konsum. Mode genießt ein hohes Ansehen, weil sie in gewisser Weise elitär ist, aber mittlerweile ist Mode Teil eines jeden Aspekts unserer Kultur geworden. Musik, Kunst, Essen – alles hat etwas mit Mode zu tun. Sie ist überall, und weil sie überall ist, besteht die Gefahr, dass sie langweilig wird. Wenn jedes 13-jährige Kind einen Gucci-Gürtel oder eine DSquared Icon-Cap, Yeezys oder was auch immer sonst gerade angesagt ist, trägt, dann ist es nicht mehr elitär. Ich finde es toll, dass sich die Leute für Mode interessieren, verstehen Sie mich nicht falsch. Aber wenn die Leute nur noch Dinge kaufen, weil sie sie haben müssen, um relevant zu sein, dann geht die ganze Authentizität verloren. Mode sollte als eine stille Form der Selbstdarstellung genutzt werden. Und nicht so, wie wir Instagram nutzen: „Schaut mal Leute, ich war am Grand Canyon, seht ihr?“ Wir kaufen Hype- oder Trend-
artikel, um den Leuten zu zeigen, dass wir relevant sind. Es ist wie ein Wettrüsten, wir werden nie das Ende erreichen. Das ist toll für den finanziellen Erfolg der Marken, aber wahrscheinlich nur kurzfristig.

Was ist Ihre Meinung zu Influencern?

Das ist eine schwierige Frage. Kurz gesagt: Ich hasse die Vorstellung, dass es sich dabei um eine Berufsbezeichnung handelt. Ich glaube auch, dass es viele verschiedene Arten von Influencern gibt. Es gibt jene, die nur für Produkte werben, an die sie wirklich glauben. Und dann gibt es Influencer, die jede Zusammenarbeit annehmen, die sie bekommen können. Die ersten respektiere ich, letztere verabscheue ich. Ich finde es nicht fair, anderen – vor allem unterschwellig – zu sagen, dass sie etwas in ihrem Leben haben und dafür bezahlen müssen, nur weil man es umsonst bekommen hat und dafür bezahlt wurde, es zu bewerben. Das führt zu Neid, unnötigem Konsum und am Ende zu Traurigkeit.

Wie sieht ein typischer Tag während der Fashion Week aus?

Ich wache erschöpft vom Vortag auf. Kaffee kochen. Ich beende die Retusche, die ich am Vorabend nicht fertiggestellt habe. Ich schwinge mich auf mein Fahrrad und fahre zur ersten Show – wenn ich rechtzeitig aufgewacht bin. Ich besuche jede Show, die ich an diesem Tag besuchen kann. Ich fotografiere den Ein- und Ausgang dieser Shows oder lasse den Eingang aus, wenn ich Backstage-
Zugang habe. Unterwegs etwas zu essen finden (zum Mitnehmen). Shows, Shows, Shows. Nach Hause fahren. Zum Lebensmittelladen fahren. Meine Karten importieren. Joggen gehen, während die Fotos importiert und die Vorschaubilder erstellt werden. Zurückkommen und duschen. Fotos markieren und auswählen. Eine zweite Auswahl treffen. Dann beginne ich mit der Retusche. Dabei Wein trinken. Die Fotos exportieren. Die Dateien umbenennen. In Ohnmacht fallen. Und am nächsten Tag von vorne beginnen...

Was ist Ihre Lieblingsstadt?

Meine Lieblingsstadt ist die, in der ich lebe: Kopenhagen. Ich denke, dass sie auch die stilvollste Stadt ist. Dicht gefolgt von Paris.

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Helge Neumann / 20.12.2021 - 09:28 Uhr

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