Lockerungen je nach Inzidenz

Neue Corona-Regeln: Händler im Gefühlschaos

Der Lockdown in Deutschland wurde grundsätzlich bis zum 28. März verlängert. (Foto: Unsplash/Tim Mossholder)
Der Lockdown in Deutschland wurde grundsätzlich bis zum 28. März verlängert. (Foto: Unsplash/Tim Mossholder)

Die Erwartungen waren groß, die Enttäuschung am Ende auch. Bund und Länder verlängerten den Lockdown bis Ende März, machten aber Lockerungen möglich. Welche Reaktionen gab es auf die Entscheidung? Wie gehen Händler mit den neuen Regeln um?

Nicolas Tscheche vom Herforder Schuhhaus Tscheche ist kritisch: „Für mich sind die jüngsten Entscheidungen aus Berlin nicht mehr nachvollziehbar. Ich darf einen Kunden pro 40 qm mit Termin und Kontaktnachverfolgung in meinem Geschäft begrüßen – und die Buchhandlung nebenan einen Kunden pro 20 qm ohne Termin und Kontaktangaben. Das ist mir völlig unbegreiflich. Wir leben vom Schuhe verkaufen, wir müssen Umsatz generieren, also müssen wir öffnen – auch wenn ich nicht unbedingt das Gefühl habe, dass sich das rechnen wird. Ich fürchte, wir werden alle sehr enttäuscht sein.“ Bei Tscheche können über die Homepage, Social Media-Kanäle und telefonisch Termine gebucht werden. Wie der Händler gegenüber schuhkurier erklärt, gab es bereits Anfragen. „Was uns aber fehlt, ist die Laufkundschaft, sind die Menschen, die spontan vorbeikommen, weil sie gerade in der Stadt unterwegs sind. Unser Wohl und Weh hängt darüber hinaus vom Wetter ab. Das hilft uns in den nächsten Tagen nicht.“
Wie es in Baden-Württemberg weitergehen würde, war zumindest am Freitag nach den Ankündigungen aus Berlin noch nicht klar. Elisabeth Aich vom Schuhhaus Jung in Tettnang am Bodensee zeigte sich gegenüber schuhkurier verärgert, denn das Land Baden-Württemberg hatte zu diesem Zeitpunkt noch keine Entscheidung getroffen. Inzwischen ist klar, dass die Corona-Beschlüsse aus Berlin auch in Baden-Württemberg umgesetzt werden. In Landkreisen mit entsprechenden Inzidenzwerten dürfen Händler öffnen. Elisabeth Aich wünscht sich möglichst normale Umsätze: „Dass dieser Lockdown nun schon fast drei Monate dauert und wir noch keinen Cent Hilfe erhalten haben, ist eine Katastrophe. Es werden Milliardenhilfen über die Medien kommuniziert – nur: Wo sind diese Hilfen?“ Sie habe vom ersten Tag des Lockdowns Schuhe über sabu.de, Facebook, Instagram und Whatsapp verkauft. „Ich war jeden Tag allein im Geschäft und habe mich um die Anfragen meiner Kunden gekümmert. Was mich sehr freut, ist, dass es eine große Zahl treuer Kunden gibt. Trotzdem waren die Verkäufe über sabu.de und Social Media-Kanäle nicht vergleichbar mit den Umsätzen, die wir unter normalen Bedingungen hätten generieren können.“ In den zurückliegenden Wochen habe sie das Geschäft auf Vordermann gebracht und neu dekoriert. „Wir sind gerüstet und hoffen, ab nächste Woche wieder mit Terminvergabe für unsere Kunden da sein zu können“, so Aich.
Ihre Kollegin Ute Herzog-Unger von Andante Schuhe in Bonn zeigte sich gegenüber schuhkurier entschlossen, die jüngsten Entscheidungen aus Berlin bestmöglich umzusetzen: „Wir freuen uns darauf, unsere Kundinnen wieder zu individuellen Terminen begrüßen zu dürfen. Weil wir viele Stammkunden haben, planen wir für jeden Besuch eine Stunde ein. Die Menschen haben sicherlich einiges zu erzählen, dafür möchten wir uns Zeit nehmen. Um für maximale Sicherheit zu sorgen, werden entweder ich selbst oder eine langjährige Mitarbeiterin im Geschäft ganz für die Kunden da sein.“
Während des Lockdowns hielt die Händlerin unter anderem über Instagram Kontakt zu ihren Kunden. „Wir zeigen auf diesem Kanal unsere neue Frühjahrsware, haben unser Schaufenster neu dekoriert und bekommen darauf viel positive Resonanz. Ich bin überzeugt, dass die Menschen Lust auf Neues, auf Farbe und auf Mode haben. Wir sind ein Gesicht unserer Stadt, und wir tun alles für unseren Laden, unsere Kundschaft und für unsere Stadt. Ich bin sicher, dass wir jetzt Gas geben müssen und nicht den Kopf in den Sand stecken dürfen. Es muss weitergehen. Aufgeben ist keine Option“, so Ute Herzog-Unger. 

Auch Stefan Breuer vom Schuhhaus Breuer aus Wassenberg blickt optimistisch auf die kommenden Wochen: „Wir bekommen viele Anrufe von interessierten Kunden, die Termine buchen wollen, insbesondere zum Kauf von Kinderschuhen. Nach aktuellem Stand werden wir bis kommenden Freitag gut zu tun haben. Ich bin sehr positiv davon überrascht, wie viele Kunden uns trotz Lockdown die Treue gehalten haben. Auch viele Neukunden haben Kontakt zu uns aufgenommen. Es legen offenbar wieder mehr Eltern Wert darauf, die Füße ihrer Kinder vermessen zu lassen, um gut passende Schuhe zu kaufen.“ Die ländliche Lage des Schuhhauses nahe der niederländischen Grenze komme dem Unternehmer in der aktuellen Situation zu Gute. „Wir haben ein kleines Geschäft in einem kleinen Ort, und wir bieten persönlichen Service. Das wird gut angenommen. Wir haben ein Hygienekonzept, auf dessen Einhaltung wir größten Wert legen.“
Laurent Becker vom gleichnamigen Schuhhaus in Rees zeigt sich besorgt über die mögliche Entwicklung in den kommenden Wochen: „Wir sehen die geplanten Öffnungsschritte einerseits positiv, haben andererseits aber auch Sorge, dass die Infektionszahlen wieder steigen könnten. Wenn jetzt viele Händler wieder öffnen dürfen, werden die Menschen vielleicht leichtsinnig und nehmen die Dinge nicht mehr so genau. Dann wären wir in vier Wochen wieder da, wo wir vorher waren.“ Da das Unternehmen nicht nur Schuhhandel betreibt, sondern auch eine orthopädische Werkstatt, hat man auch während der Geschäftsschließung einige Serviceleistungen anbieten können. Nach dem ersten Lockdown im vergangenen Jahr habe es viel Zuspruch von Kunden gegeben, die ganz bewusst nicht im Internet gekauft hätten. Für die anstehenden Öffnungen sei man gut vorbereitet, so Becker: „Man kann telefonisch Termine vereinbaren oder über ein Tool, das uns über den SABU angeboten wurde: Next Level Shopping ermöglicht uns die Beratung per Video und hat auch eine Kalender-Funktion für die Terminbuchung. Je nach Auslastung werden wir freie Zeitfenster dafür nutzen, den Kunden, die sich angemeldet haben, schon einmal Auswahlen zusammenzustellen. Daher fragen wir bei telefonischen Terminvereinbarungen schon nach den Wünschen der Kunden. Wir wollen sicherstellen, dass wir sie umfassend beraten können. Unsere Kunden schätzen das sehr, viele von ihnen kennen wir seit Jahren.“ 

Bernd Frölich vom Schuhhaus Frölich aus Duderstadt startete die Woche mit gemischten Gefühlen: „Trotz eigentlich erfreulicher Inzidenzen dürfen wir in unseren vier Geschäften leider nur Click & Meet anbieten, weil wir uns am Landesinzidenzwert orientieren müssen. Es sind Kunden da und wir haben einige Termine vergeben. Wir arbeiten mit angezogener Handbremse, aber es ist besser als nichts. Ich sehe die jetzt erlaubten Öffnungen als Chance, um überhaupt eine Rückmeldung auf unser Angebot zu erhalten und wieder mit Menschen in Kontakt treten zu können.“ Während des Lockdowns habe man durch die geöffnete Ladentür bedienen dürfen. Für die Anprobe mussten die Kunden zu einer 20 m entfernten Sitzbank gehen. „Wir haben ihnen dafür eigens einen kleinen Teppich mitgegeben, damit die Anprobe komfortabel ablaufen kann. Wir sind Platzhirsch an unseren Standorten. Die Menschen kommen ganz bewusst zu uns. Es fällt mir aber schwer zu verstehen, warum wir so starken Restriktionen unterliegen, während bei Edeka die Polonaise an der Frischetheke erlaubt ist oder bei Real Schuhe und T-Shirts in Massen verkauft werden dürfen“, so Frölich. „Ich frage mich auch, wie wir den Einkauf für Herbst/Winter gestalten sollen. Wie sollen wir die kommende Saison valide planen? Die Krise wirft auch ein Schlaglicht auf unser Geschäftsmodell als solches, bei dem wir uns sechs Monate im Voraus für einen Zeitpunkt festlegen müssen, der gar nicht kalkulierbar ist.“

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Petra Steinke / 11.03.2021 - 16:59 Uhr

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