Interview mit Harald Riess

Rieker startet die (R-)evolution

Harald Riess ist Verkaufsleiter beim Tuttlinger Schuhhersteller Rieker. (Foto: Sebastian Harms/Rieker)
Harald Riess ist Verkaufsleiter beim Tuttlinger Schuhhersteller Rieker. (Foto: Sebastian Harms/Rieker)

Zur neuen Orderrunde präsentiert der Tuttlinger Schuhanbieter Rieker die neue Produktgruppe Rieker Evolution. schuhkurier sprach mit Harald Riess, Vertriebsleiter bei Rieker, über das neue Projekt, die Resonanz des Handels und die Folgen der Corona-Krise.

Herr Riess, starten wir mit einem kurzen Rückblick auf 2020: Wie ist das Jahr für Ihr Unternehmen gelaufen?

2020 war eine große Herausforderung für unser Unternehmen. Es war stark geprägt von der Corona-Pandemie und den damit verordneten Schließungen des Schuhfachhandels. Im Vergleich zu 2019 waren die Verkäufe entsprechend rückläufig. Wir hatten Lockdowns und ein großer Teil der Bevölkerung arbeitete vom Home Office aus. Dadurch wurde weniger eingekauft. Zudem kam es zu Verschiebungen zwischen den Vertriebskanälen. Online konnte durch die Pandemie hinzugewinnen. Aber der Rückgang im stationären Handel konnte durch den Online-Zuwachs nicht kompensiert werden.

Was hat das mit Ihrem Unternehmen gemacht?

Wir waren in einer gewissen Alarmbereitschaft. Das war ja eine nie dagewesene Situation. Wir mussten uns zusammensetzen und überlegen, was wir tun würden. Wie würden wir dem Handel am besten helfen können? Wir haben den Handel mit zusätzlichen Valutierungen, Liefertermin-Verschiebungen, Einlagerung von Ware und der ganzen Palette, die zur Verfügung stand, unterstützt.

Und wie entwickelt sich 2021?

Eine schnelle Erholung von der Pandemie war auch aufgrund der weiteren Schließungen nicht zu erwarten. Das braucht seine Zeit. Der Handel hatte die Vororder F/S 2021 immer noch vorsichtig disponiert. Dies konnte durch eine erhöhte Nachorder etwas ausgeglichen werden. Aber man muss sehen, dass auch die Schuhindustrie stark von der Pandemie betroffen ist. Die geringen Abverkäufe im Schuheinzelhandel und damit verbunden volle Läger bedeuten, dass die Händler für die neuen Saisons tendenziell weniger bestellen. Zusammengefasst: Die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise erreichen uns als Hersteller teilweise erst zeitversetzt. Somit ist auch für das Geschäftsjahr 2021 nochmals mit Umsatzeinbußen zu rechnen.

Kommen wir zur Orderrunde F/S 2022 – spüren Sie im Handel eine gewisse Offenheit und mehr Zuversicht?

Die Aufbruchstimmung ist eindeutig da. Auch die Aufgeschlossenheit Neuem gegenüber, sprich unserer neuen Rieker-Evolution-Linie. Der Handel hat zweifellos noch Bestände, in der Branche würde man von Altware sprechen. Aber die Frage ist doch: Wie beurteilt das der Konsument? Erkennt er die ganzen Kollektionen? Wenn ein Schuh nicht gerade eine Farbe hat, die aus dem modischen Raster fällt, ist er nicht unbedingt für den Konsumenten erkennbare „Altware“. Man sieht bei den Dispositionen, dass der Handel sehr auf Neues in den Kollektionen setzt, damit er einen Mix anbieten kann aus dem, was er noch hat, und dem, was neu ist.

Was sind Ihre wesentlichen Learnings aus der Pandemie?

Wichtig sind Transparenz und Kommunikation aller Marktteilnehmer und dass man gemeinsam die durch die Pandemie bedingten Herausforderungen löst. Gleich nach der Verkündung des ersten Lockdowns gab es Anrufe von Händlern, die uns fragten: „Was können wir miteinander machen?“ Das sind wir angegangen. Die Maßnahmen, die wir zu Gunsten des Handels ergriffen haben, wurden sehr gut aufgenommen.

Rieker hat sich in den zurückliegenden Monaten verändert und ist offener geworden. Warum?

Nicht zuletzt hat die Pandemie die Transparenz und Kommunikation noch verstärkt. Miteinander funktioniert es erheblich besser. Daher haben wir heute eine wesentlich offensivere Kommunikationsstrategie im Vergleich zu früher. Ich denke, dass Industrie und Handel näher zusammengerückt sind. Wir sitzen schließlich im gleichen Boot. Durch die Bewegungen im Markt ist ein permanenter und offener Austausch noch wichtiger geworden. Wir haben in diesem Zusammenhang auch unsere neue Produktlinie gelauncht und sind sehr stark in die Kommunikation gegangen. Das werden wir auch weiterhin tun.

Wie kam es zur Entwicklung dieser neuen Linie?

Eine zielgerichtete Sortimentspolitik ist für ein Unternehmen von besonderer Bedeutung. Die Märkte ändern sich, es wird mehr online und weniger stationär verkauft. Sicherlich wurde dies durch Corona noch zusätzlich verstärkt, nehmen wir den Sneakerboom und die zunehmende Bedeutung von Social Media. Unternehmen müssen ihr Angebot immer auf dem neuesten Stand halten. Eine stetige Anpassung des Sortiments ist wichtig, damit man die Bedürfnisse des Konsumenten wecken und befriedigen und sich gegen Wettbewerber durchsetzen kann. Das wollten wir mit der Einführung von Rieker Evolution erreichen. Zudem sehen wir im Handel schon seit einiger Zeit die Nachfrage nach Ware zu höheren Durchschnittspreisen – natürlich in der entsprechenden Ausstattung. Dem leisten wir Folge.

Welche Schuhtypen gehören zu Rieker-Evolution?

Vorwiegend zeigen wir aktuell Sneaker von sportiven City- und Tennis-Modellen bis hin zu Retro-Typen. Es ist aber bewusst eine trendige Lifestyle-Produktlinie und keine reine Sneaker-Kollektion. Auch Outdoor-Trekking-Sandalen für Damen und Herren gehören zum Angebot. Und es werden weitere Produktgruppen hinzukommen. Wir haben vor zehn Monaten ein neues internationales Designteam zusammengestellt, das sich ausschließlich mit der Umsetzung dieser Lifestyle-Produktlinie beschäftigt. Innovative Schuhdesigns werden mit vielen Features und hochwertigen Materialien kombiniert. Bei der Kollektionsentwicklung werden Strömungen im Markt mit dem Blick in die Zukunft aufgegriffen. Die Kreativen befassen sich jetzt schon mit der Frage, welche Themen in F/S 2023 wichtig werden. Es ist eine ganz andere Art der Kollektionsentwicklung.

Kann man als Händler Rieker-Evolution ohne Rieker kaufen?

Die Rieker-Evolution-Modelle können separat geordert werden und die Marke wird von uns auch separat positioniert. Das ist unter anderem an neuen Einzelpaar-Kartons erkennbar. Zudem gibt es spezielle Warenpräsenter, die wir dem Handel nach Auftragserteilung gratis zur Verfügung stellen. Es sollte nicht sein, dass Rieker-Evolution irgendwo auf der Rieker-Wand einsortiert wird. Und natürlich möchten wir mit unserem neuen Angebot gern auch neue Kundengruppen erschließen, im Schuhhandel, aber auch im Textilhandel.

Haben Sie auch andere Verbraucher im Visier?

Unsere Zielgruppe ist ja bereits sehr breit gefächert. Man könnte sagen, wir peilen Vater und Sohn, Mutter und Tochter mit einem gewissen modischen Anspruch an. Natürlich möchten wir auch Zielgruppen erschließen, die bislang eher in der Sneakerwelt zuhause waren. Wobei uns klar ist, dass das noch ein anderes Segment mit speziellen Marken ist. Wir sind davon überzeugt, dass wir einen Grundstein gelegt haben, auf den wir aufbauen können. Mit offensiver Kommunikation und verstärktem Marketing werden neue Zielgruppen für uns erreichbar. Und wir haben einiges in der Pipeline, das wir zur Markteinführung im Frühjahr 2022 ausrollen werden.

Welche Resonanz gab es aus dem Handel?

Wir sind seit Anfang August mit der Kollektion unterwegs. Das Feedback ist hervorragend. Die Händler sind sehr aufgeschlossen und auch recht angetan vom guten Preis-Leistungs-Verhältnis. Auch die Ausstattung der Schuhe ist überzeugend. Sie haben eine superleichte EVA-Sohle mit einer strapazierfähigen Laufsohle aus Gummi. Darauf kommt eine Strobelsohle mit weichem PU-Schaum. Die Innenausstattung besteht aus einer herausnehmbaren Memosoft-Einlegesohle.

Aktuell ist die Logistik in vielen Branchen schwierig – auch im Schuh-Sektor. Wie ist die Lage für Ihr Unternehmen?

Den aktuell bekannten Herausforderungen, bedingt durch Angebot und Nachfrage bei Containern, müssen auch wir uns stellen. Preis und Verfügbarkeit, vor allem letzteres, stellen auch uns vor entsprechende Herausforderungen. Wir haben sicherlich einen Vorteil aufgrund unserer ausgewogenen Produktionsstruktur zwischen Europa und Asien. Aber die Situation geht auch an uns nicht spurlos vorbei. Denn die Frage ist: Wenn die Ware produziert ist, stehen dann ausreichend Container zur Verfügung, um sie zu transportieren? Und kann der Container im Hafen auch schnell verladen werden ?

Viele Händler sorgen sich, dass sie die Mehrkosten, die den Lieferanten jetzt entstehen, später zahlen müssen. Wie ist Ihre Meinung dazu?

Wenn erhöhte Transportkosten zu Preiserhöhungen führen müssen, bezahlt dies am Ende der Konsument und nicht der Händler. Für die Saison F/S 22 konnte Rieker dem Handel Preisstabilität gewähren – das Preisbild unserer Kollektion ist unverändert. Das war möglich durch den Standortmix unserer eigenen Fabriken. Und in außergewöhnlichen Situationen muss dann auch etwas gegen die Marge laufen.

Hersteller richten ihr Augenmerk zunehmend direkt auf den Verbraucher, indem sie eigene Onlineshops eröffnen und/oder eigene Stores. Wie stellen Sie sich in diesem Bereich auf und welche Rolle spielt der (stationäre) Schuhhandel für Ihr Unternehmen?

Für uns hat der stationäre Handel einen sehr großen Stellenwert, das ist keine Frage. Wir betreiben keinen Direktvertrieb im Retail. Alle bestehenden Rieker-Monolabelshops werden von Schuhhandels-Partnern geführt. Unseren Internet-Auftritt haben wir seit Mai dieses Jahres um einen Onlineshop ergänzt, wobei wir durch diesen Brandshop eigene Erkenntnisse über das Kundenverhalten gewinnen, um unsere Marken und Produkte auch künftig stark in den Märkten positionieren zu können. Im Fokus steht die Inszenierung der Produktgruppen mit emotionalen Inhalten. Wir bieten unsere Schuhe online zum UVP an; lediglich in den regulären Sales-Phasen kommt es eventuell mal zu Reduzierungen. Der Brandshop ist für uns das digitale Schaufenster für die Marke und das Unternehmen.

Wie positioniert sich Rieker-Evolution im Markenkosmos Ihres Unternehmens?

Uns geht es um eine positive Ausstrahlungskraft, die auch auf das Branding von Rieker einzahlt. Deshalb haben wir keine neue Marke kreiert, sondern eine neue Lifestyle-Produktlinie unter der Marke Rieker geschaffen. Wichtig ist, dass wir sie so klar wie möglich separat positionieren, damit die Differenzierung zwischen Rieker und Rieker Evolution deutlich wird.

Das Interview stammt aus der schuhkurier-Ausgabe 37/2021. Ein weiteres Interview mit Isa Tan Tec-CEO Uwe Hützler und Weiteres im ePaper.

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Christopher Mastalerz / 17.09.2021 - 11:13 Uhr

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