Marktüberblick

Schuhe neu denken

Foto: Barbour
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Nachhaltigkeit ist das Thema unserer Zeit. Verantwortungsvoll mit Umwelt und Ressourcen umzugehen, Menschenrechte zu achten und auch ökonomisch langfristig sinnvolle Strategien umzusetzen, das eint viele Unternehmen der Schuhbranche.

Zaubern geht nicht. Wenn man ehrlich ist, muss man feststellen, dass Schuhe mit ihren zahlreichen Komponenten nicht „einfach so“ nachhaltig herzustellen sind. Viele Produkte sind schlicht Sondermüll, der nicht zerlegt und recycelt werden kann. Wer das Glas aber als halb voll betrachten möchte, stellt fest, dass sich viele Unternehmen dem Umweltschutz verschrieben haben. Bemühungen, verantwortungsvoll mit Ressourcen umzugehen und für bessere Arbeitsbedingungen zu sorgen, finden sich bei zahlreichen Unternehmen der Schuhbranche.

Zu den „Trendthemen“ in Sachen Nachhaltigkeit gehört aktuell das Recycling von Kunststoff. Häufig ist die Rede von Meeresplastik, wobei diese Bezeichnung laut Prof. Maike Rabe, Dozentin für Textilveredlung und Ökologie am Fachbereich Textil und Bekleidungstechnik der Hochschule Niederrhein, missverständlich ist. „Der Begriff Meeresplastik bezeichnet in erster Linie Kunststoffe, die in Form von Verpackungsabfall wie z. B. Flaschen aus Polyester an Stränden gesammelt werden. Kunststoffe, die sich in Form von Makro- oder Mikroplastik bereits im Meer befinden, sind sehr schwer zu erfassen und kommen eher nicht als Rohstoffquelle zum Einsatz.“ Wissenschaftlich betrachtet könnte man im Ozean schwimmende Kunststoffe recyceln und für die Herstellung von Kunststoffen und Textilien nutzen, so Rabe. „Man müsste aber einen sehr großen Aufwand betreiben, bräuchte viel Energie und die richtigen Trenn- und Aufbereitungsprozesse. Das Problem ist, dass es sich beim Ozeanplastik um verschiedene Kunststoffe, unter anderem Polypropylen, Polyethylen oder auch PVC, handelt, die in der Faserindustrie nur eine untergeordnete Rolle spielen. Die Kunststoffe können außerdem unterschiedliche Schadstoffe anreichern. Darüber hinaus sind die Plastikteile von Algen und Biofilm überzogen. Es wäre also ein erheblicher Aufwand, sie zu reinigen, um sie dann weiterzuverarbeiten. Um das Problem Ozeanplastik anzugehen, wäre die Vermeidung der allerwichtigste Schritt und dazu kann jeder einzelne seinen Beitrag leisten.“ Um ein Material oder ein Produkt im Hinblick auf den Zusatz von recycelten Produkten einschätzen zu können, halte sie den Global Recycled Standard für eine gute Orientierungshilfe, so Rabe.
Gerade weil Schuhe aus sehr unterschiedlichen Materialien gefertigt sein können, gibt es verschiedene Ansätze, nachhaltiger zu arbeiten – auch jenseits von recyceltem Kunststoff. Zahlreiche Schuhhersteller haben sich diesbezüglich konkrete Ziele gesetzt oder arbeiten bereits an verschiedenen Maßnahmen. Die Marke Asportuguesas etwa versteht sich als Schuhkonzept, das sich gänzlich dem Umweltschutz verschrieben hat. Für die Sohlen seiner Schuhe verwendet das Unternehmen Kork, wobei dieses Naturmaterial alle neun Jahre von Bäumen geerntet werde, ohne diese zu verletzen. Kork ist hypoallergen, sehr leicht, es isoliert und hat eine weiche Oberfläche. Die Herstellung der Sohlen aus Kork-Naturkautschuk-Gemisch erfolgt laut Asportuguesas mit so geringen Emissionen wie möglich.
Bei den Schäften zeigt sich das Unternehmen experimentierfreudig und verwendet unterschiedliche Materialien, darunter Leinen, Pinatex (auf Basis von Ananasblättern hergestellt), Scafé (auf Basis von  Kaffeesatz und recycelten PET-Flaschen) sowie Biofiber (auf Maisbasis). Die Oberteile von Zehentrennern sind aus Naturkautschuk gefertigt und enthalten keinerlei Plastik oder Weichmacher. Der Schuhhersteller Berkemann hat mit der Ecological Comfort-Linie neue Komfort-Modelle mit umweltbewusstem Fertigungsansatz entwickelt. „Das schont wertvolle Ressourcen und sieht in sommerlichen Trend-Farben einfach stylisch aus“, so das Unternehmen. Produziert werden die modernen Gewebe für die Schäfte von einem italienischen Familienbetrieb, der sich schon seit mehreren Jahrzehnten mit dieser speziellen Art des Textil-Recyclings sowie der Weiterverarbeitung beschäftigt. Weltweit gesammelte Textilien werden bei diesem Verfahren nach Grundmaterial und Farben sortiert, gereinigt, zerkleinert um dann zu Garnen und weiter zu Geweben verarbeitet zu werden. Für den kommenden Sommer bringt Berkemann einen leichten Damen-Clog sowie je einen Komfort-Sneaker für Damen bzw. Herren mit Schäften aus recycelten Baumwolltextilien heraus.

Umweltschutz und Menschenrechte
Die Verwendung nachhaltiger Materialien und Innovationen sehe man als selbstverständlich an und baue dies im Rahmen einer eigenen Nachhaltigkeitsstrategie weiter aus, teilt Marc O’Polo mit. Ziel sei es, bis 2023 ausschließlich nachhaltige Produkte anzubieten. Für Obermaterial und Futter der Schuhe verwende man Leder aus LWG-zertifizierten Gerbereien. Aktuell bewege sich der Anteil dieser Leder um 80%. Eingesetztes Nylon ist größtenteils recycelt; bei Baumwolle wird vorwiegend mit Organic Cotton gearbeitet. Im Futterbereich kommen zudem Naturfasern aus Bambus zum Einsatz. Marc O’Polo Shoes sind darüber hinaus mit Sohlen gefertigt, die bis zu 30% aus recyceltem Rubber bestehen.
Seit 2009 ist Marc O’Polo Mitglied der Amfori BSCI und seit September 2020 Mitglied der Fair Wer Foundation, um entlang der Lieferkette für die Einhaltung von Menschenrechten zu sorgen. Für ihre Marken Camel Active und Scotch & Soda verwendet die Osnabrücker Hamm Market Solutions (HMS) vorwiegend LWG-zertifiziertes Leder. „Wir achten auf den Einsatz von chromfrei gegerbtem Leder und Velours“, teilt das Unternehmen mit. Für Innensohlen werde recycelter Recovery Foam verwendet. „Wir haben für Damen und Herren eine kleine Camel Active Kapsel an nachhaltigen Schuhen entwickelt, bei denen Obermaterial, Innenfutter und -sohle recycelt sind. Neu ist der Einsatz von Bambusfasern im textilen Innenfutter für eine Variante. Das Eco-friendly Material verfügt über antibakterielle Eigenschaften und eine hohe Saugfähigkeit. Optimal für einen angenehmen Tragekomfort“, teilt HMS weiter mit.

Weniger Verpackung, mehr Recycling
Die Wortmann-Marke Tamaris setzt für ihre Linie Green Step auf nachhaltiges Leder recycelte Materialien. Neben wasserbasierten Klebstoffen, Kork und recyceltem PET wird für die neue Saison erstmals Bloom verwendet, eine algenbasierte Biomasse, die bei der Sohlenfertigung verwendet wird. Bloom nutze das riesige Angebot an Algen und wirke so positiv auf den vorhandenen Überfluss ein. Für das Material werden Algen gewonnen und in einem Erhitzungsprozess zu einem flexiblen Harz verarbeitet, das zu einem erheblichen Anteil Algenbiomasse und biobasierte Zusatzstoffe enthält. Mit der Zuführung von Bloom sei es möglich, so Wortmann, umweltfreundlichere Kunststoffe für die Produktion von Laufsohlen bereitzustellen und zugleich den Bedarf an fossilen Rohstoffen wie Erdöl zu reduzieren.

Der Pirmasenser Schuhhersteller Caprice sieht laut seinem Geschäftsführer Jürgen Cölsch Nachhaltigkeit als „Handlungsprinzip, das uns anleitet, den Bedürfnissen der heutigen Generation zu entsprechen, ohne dabei die Lebensfreiheiten zukünftiger Generationen einzuschränken.“ Das Unternehmen hat ein Drei-Säulen-Modell entwickelt, das ökologische, soziale und ökonomische Nachhaltigkeit. Gemäß der ökologischen Nachhaltigkeit garantiert Caprice, dass sämtliche Futterleder ab F/S 2022 chromfrei gegerbt sein werden. Ab Herbst 2022/23 werde man zudem mit der Einführung von vegetabil gegerbtem Leder beginnen. Bei der Herstellung werden vorwiegend wasserbasierte Klebstoffe und zunehmend Sohlen aus recyceltem Material verwendet. Die soziale Nachhaltigkeit einen Verhaltenskodex, der unter anderem Arbeits- und Gesundheitsschutz, das Recht auf Meinungsfreiheit, das Verbot von Kinder- und Zwangsarbeit sowie das Respektieren von Arbeitnehmerrechten und Umweltschutz umfasst.
100% der Caprice-Schuhe der F/S-Kollektion werden in Schuhfabriken produziert, die nach dem Amfori BSCI-Verhaltenskodex auditiert sind. 21 Techniker/innen und Produktmanager/innen aus Pirmasens sind laut Caprice weltweit im Einsatz, um den Produktionsprozess und die Einhaltung der Nachhaltigkeitsvorgaben des Unternehmens entlang der Lieferkette zu überwachen. Für ökonomische Nachhaltigkeit verpflichtet sich das Unternehmen, effizient zu wirtschaften und Kapital zu bewahren. Beim Rosenheimer Schuhhersteller Gabor will man weiter dafür sorgen, dass ein großer Teil der Produkte in Europa gefertigt wird. Das Unternehmen verfügt nach eigenen Angaben über Konzepte zur Müllvermeidung und zum Recycling. CO2 werde durch eine eigene Solarstromproduktion sowie die Nutzung von Fernwärme und eine teilweise klimaneutrale Logistik eingespart. Der Einsatz von Plastik als Verpackungsmaterial wurde laut Gabor um 50% gesenkt und soll weiter reduziert werden. Ziel sei ein Plastikanteil von 0 und stattdessen 100% recyclingfähige Verpackungsmaterialien. Bei den Produkten verwendet man zertifizierte Leder (LWE, EMAS) und plant, den Anteil dieser Materialien weiter auszubauen. Insgesamt sollen nachhaltige und recycelte Materialien in höherem Maße verwendet werden. Bei Klebstoffen setzt Gabor nach eigenen Angaben auf wasserbasierte Produkte. Man habe zudem eine freiwillige Selbstverpflichtung zum vollständigen Verzicht auf PVC- und nickelhaltige Materialien beschlossen und arbeite gemäß den CADS-Richtlinien.
Nachhaltigkeit im Sinne einer traditionellen Schuhfertigung ohne lange Wege will der Hauensteiner Schuhhersteller Josef Seibel umsetzen. Am Stammsitz des Unternehmens wurde das neue Erlebnis- und Besucherzentrum Josef Seibel Schuhfabrik vor wenigen Wochen eröffnet. Hier werden unter anderem Sneaker der Marke Josef Seibel 1886 hergestellt.

Konsequent „bio“
Der Pirmasenser Schuhhersteller Werner schildert seine Strategie so: „Die Marke Werner 1911 steht für Nachhaltigkeit. Um in Zeiten von Greenwashing für die Konsumierenden als wirklich nachhaltig erkennbar zu sein, setzen wir auf Zertifizierung. So sind wir weltweit die ersten, die das IVN Naturlederzertifikat für unsere Schuhe erworben haben.“ Dies gelte für die Erwachsenenschuhe. Die neuen Naturtextilien, die der Hersteller verarbeitet, sind GOTS-zertifiziert. Für die neue Saison hat das Unternehmen zwei neue Lederfarben entwickelt, einen Senfton für dickes Nappaleder und einen hellen Beigeton mit natürlichem Look. Das Beige spiele zusammen mit Sand- und Nudetönen die Hauptrolle beim Thema „Mandelblüte an der Weinstraße“. Details aus zartem Rosa und Hellblau ergänzen die Ton-in-Ton-Gestaltung der Modelle. Neu ist bei Werner eine kleine Taschenkollektion aus den pflanzlich gegerbten Bio-Ledern des Unternehmens. Die Fertigung erfolge unter fairen Bedingungen in Europa.
Ausschließlich vegetabil gegerbte Leder verwendet die Marke Melvin & Hamilton. Hergestellt werden die Schuhe in einer Fabrik in Indien, zu der auch eine eigene Gerberei gehört. Das pflanzlich gegerbte Leder wird für den Großteil der Schuhe von Melvin & Hamilton verwendet – für Schaft und Futter.  
Auch der österreichische Schuhhersteller Think setzt vorwiegend auf chromfrei gegerbte Leder und verwendet für F/S erstmals ein chromfrei gegerbtes Veloursleder. Der dänische Schuhhersteller hat mit Dri-Tan ein Gerbverfahren entwickelt, bei dem große Mengen Wasser eingespart werden können. Die Marke Marco Tozzi hat mit der Earth Edition bereits vor zwei Jahren eine nachhaltige Kapsel auf den Markt gebracht. „Klares Ziel war und ist hierbei, eine top-modische Kollektion zu entwickeln, die unter Umweltgesichtspunkten dem aktuellen Zeitgeist entspricht“, erläutert Geschäftsführer Christian Böhm. Durch den Einsatz neuer, umweltfreundlicher und natürlicher Materialien sowie unter Einbeziehung innovativster Prozesse sei es gelungen, ein nachhaltiges Programm zu entwickeln, das das Obermaterial der Schuhe, die recycelten Sohlen und auch nachhaltige Verpackungsmaterialien beinhalte. Die Earth Edition Kollektion für F/S 2022 umfasst laut Böhm ca. 20 Modelle. Ziel ist laut dem Unternehmen, neben der Earth Edition die gesamte Marco Tozzi Kollektion Schritt für Schritt nachhaltiger zu gestalten.

„Wichtiger Beitrag“
Die in Tuttlingen beheimatete Schuhmarke Solidus hat bereits vor zwei Jahren einen „Transformationsprozess in Richtung Nachhaltigkeit“ begonnen. Ziel sei es, eine kontinuierliche Verbesserung um 10% in jedem Jahr zu erreichen. Der Nachhaltigkeitsaspekt sei ganzheitlich in die Kollektion integriert worden. So werden Sohlen bei Solidus unter Verwendung von wassergetriebenem PU größtenteils direkt in Deutschland gefertigt. Auch der Verklebungsprozess finde auf Wasserbasis statt. Ein Anliegen sei es auch, die CO2-Bilanz von Solidus so gering wie möglich zu halten, etwa, indem Transportwege so kurz wie möglich gehalten werden. Nicht nur beim Schuh will das Unternehmen nachhaltiger werden: „Unser nachhaltiges Verpackungskonzept soll zusätzlich einen wichtigen Beitrag leisten. Durch die generelle Reduktion sowie die Verwendung von Materialien auf Papierbasis (Papierklebeband, Papierversandtaschen, Papierfüllmaterial & die Umstellung auf unbehandelte Schuhkartonagen) ist es uns möglich, nachhaltige Rohstoffe einzusetzen und diese so ressourcenschonend wie möglich zu nutzen. Papier und Pappe gilt als perfektes Kreislaufprodukt und kann problemlos recycelt werden“, teilt Solidus mit.
Die Schuhmarke Jana bietet zur neuen Saison vegane Modelle mit PFI-Zertifizierung an. Das Prüf- und Forschungsinstitut aus Pirmasens kontrolliert und bestätigt dabei die hundertprozentige Verwendung von Materialien nicht tierischen Ursprungs.
Die Innenfutter- und Obermaterialien seien zudem aus recyceltem PET gefertigt, teilt das Unternehmen mit.
Auch im Kinderschuhbereich gehört Nachhaltigkeit zu den wichtigen Themen. So setzt Ricosta setzen recycelte Materialien ein, um den Impact auf die Umwelt so gering wie möglich zu halten. Damit übernehme man, so Ricosta, Verantwortung „für Umwelt, Mensch und Tier.“

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Christopher Mastalerz / 23.07.2021 - 12:48 Uhr

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