Interview

Schuhplus: „Bevor wir einschlafen, muss viel passieren!“

Georg Mahn und Kay Zimmer (Foto: Schuhplus)
Georg Mahn und Kay Zimmer (Foto: Schuhplus)

Georg Mahn und Kay Zimmer geben Gas. Bis Jahresende soll das Filialnetz von Schuhplus deutschlandweit wachsen. schuhkurier sprach mit den beiden Geschäftsführern über das Corona-Jahr, die deutsche Mentalität und die Zukunft des Handels.

Zum Start ein Blick zurück: Wie haben Sie das vergangene Jahr erlebt?

Kay Zimmer: Mit über 10% Wachstum war 2020 für uns keine Katastrophe. Allerdings waren wir mit ganz anderen Zielen in das Jahr gestartet – doch dann kam Corona. Angesichts der Pandemie und all der Einschränkungen und Herausforderungen sind wir jedoch wirklich gut durch die vergangenen Monate gekommen.

Georg Mahn: Schuhplus feiert im kommenden Jahr das 20-jährige Bestehen. Wir haben von Anfang an voll auf eine digitale Struktur gesetzt. Das hat sich für uns in der Krise bewährt, weil wir seit langem die stationären Geschäfte und den Onlinehandel als Einheit betreiben. Die Schließung der Stores hat daher nicht das gesamte Unternehmen zum Wackeln gebracht, so wie es bei vielen Kollegen der Fall war. Es ist uns gut gelungen, die stationären Kunden in den Onlinekanal zu übertragen. Somit gehören wir zu den Letzten, die irgendwie meckern dürften.

Wie haben Sie die Phase des Re-Starts erlebt?

Kay Zimmer: Die Verunsicherung der Kundinnen und Kunden war zunächst sehr ausgeprägt. Die Testpflicht war ebenso wenig hilfreich wie die regional sehr unterschiedlichen Regelungen. Das hat teilweise sogar uns als Einzelhändler sehr gefordert, jederzeit genau im Blick zu haben, welcher Laden wann und unter welchen Bedingungen öffnen kann. Das war eine große Kraftanstrengung, zumal wir mittlerweile in mehreren Bundesländern aktiv sind.

Georg Mahn: In der Corona-Krise haben wir neben den Vorteilen auch die absoluten Schwächen des Föderalismus erlebt. Die Kommunikation durch die Verantwortlichen war nicht gut. Es wurde nicht ausreichend erklärt, welche Maßnahmen warum getroffen wurden. Das war keine politische Glanzleistung. Und zugleich waren die Beschlüsse auch schlicht irrational: Während sich die Kunden beim Discounter drängeln und an der Grabbelkiste beliebig viele Schuhe anfassen durften, mussten unsere Geschäfte geschlossen bleiben. Warum? Diese Beliebigkeit der Beschlüsse hat der Glaubwürdigkeit der Politik geschadet. Es heißt, der Schuhhandel habe in der Corona-Krise ein Sonderopfer erbringen müssen.

Sehen Sie das auch so?

Georg Mahn: In der Krise war deutlich zu erkennen, dass der Schuh- und Modehandel in Berlin über keine ausgeprägte Lobby verfügt und folglich unsere Branche in der Politik nur eine geringe Wertschätzung genießt. Angesichts der großen Bedeutung, die die Fashionbranche für die Innenstädte hat, ist das aus meiner Sicht ein echtes Armutszeugnis. Der Mode- und Schuhhandel wurde stiefmütterlich behandelt. Mittlerweile hat sich die Lage wieder weitgehend „normalisiert“.

Wie laufen die Geschäfte aktuell?

Kay Zimmer: Die Umsätze steigen zunehmend wieder auf das Niveau der Vorjahre, so dass wir wieder auf Kurs sind. Die Menschen wollen raus und kommunizieren, das ist deutlich spürbar. Und es wollen nicht alle nur im Internet einkaufen, sondern schätzen doch das Einkaufserlebnis in den Geschäften vor Ort. Da jetzt auch die Gastronomie ganz normal geöffnet hat, macht das Bummeln den Menschen schon wieder mehr Spaß. Und das Geld ist auch vorhanden.

Wie blicken Sie auf den weiteren Jahresverlauf? Bereitet Ihnen die Delta-Variante Sorgen?

Georg Mahn: Das ist typisch deutsch: Wenn es kein Problem gibt, wird so lange nachgedacht, bis sich doch noch ein Problem findet. Natürlich müssen wir immer das Geschehen im Blick behalten, wir sind aber aktuell relativ gelassen. Entscheidend wird weiterhin das Impftempo sein und auch die Impfung der Kinder. Generell glaube ich nicht, dass es erneut einen Lockdown geben wird. Das kann sich unser Land nicht leisten und das wäre auch der Bevölkerung nicht mehr zu vermitteln. 

 

Kommen wir zur Expansion von Schuhplus. Wie viele Stores werden Sie in diesem Jahr neu eröffnen?

Kay Zimmer: Aktuell betreiben wir zwölf Standorte. Fünf bis sechs Neueröffnungen sollen es bis zum Jahresende noch sein. Inwiefern haben sich durch Corona Ihre Pläne verändert? Georg Mahn: An unserer grundsätzlichen Strategie hat sich nichts verändert. Wir betreiben Onlinehandel ergänzt durch stationäre Geschäfte. Die Nachfrage in den Stores ist aber weiter so hoch, dass wir den Entschluss zur deutschlandweiten Expansion bereits vor etwa drei Jahren gefällt haben. So können wir die Marke Schuhplus in den jeweiligen Regionen noch weiter stärken. Für Außenstehende mag das Tempo der Expansion nun sehr hoch erscheinen, aber im Grunde holen wir nur das nach, was in den vergangenen 18 Monaten aufgrund der Pandemie aufgeschoben werden musste.

Können Sie feststellen, dass die Vermieter „geschmeidiger“ geworden sind?

Georg Mahn: Der Markt hat sich verändert. Heute sind Flächen zu Konditionen verfügbar, die vor Corona noch undenkbar waren. In guten City-Lagen mussten früher Verträge über zehn Jahre abgeschlossen werden, das ist mittlerweile Vergangenheit. Diese neue Situation hilft uns natürlich, das ist klar. Zudem hat die Krise den Vermietern vor Augen geführt, dass finanzielle Stabilität keine Frage der Größe ist. Ganz im Gegenteil. Manchmal steht das hanseatisch geführte Familienunternehmen betriebswirtschaftlich besser da als ein großer Konzern.

Kay Zimmer: Es gibt zwei Möglichkeiten, mit der Krise und den Folgen umzugehen. Entweder man verkriecht sich und wartet ab – oder man zündet den Turbo. Wir haben uns für die zweite Variante entschieden. Wir kommen mit voller Energie aus dem Lockdown und wollen alle Chancen ausnutzen, die sich uns bieten. Unser großer Vorteil ist dabei, dass die stationären Geschäfte an unser Multichannel-System angeschlossen sind, sodass wir problemlos aus den Filialen heraus Ware verschicken können. Das heißt, im Grunde funktioniert ein weiteres Geschäft wie ein zusätzliches Lager.

Und was kommt 2022?

Georg Mahn: Ein „Ende“ gibt es für uns nicht – wir sind Unternehmer! Dann könnten wir uns ja direkt eingraben lassen. Nein, das kommt nicht infrage. Im kommenden Jahr wird die Etablierung der neuen Standorte Priorität haben, aber es gibt noch so große Möglichkeiten für uns und es liegen bereits viele Pläne in der Schublade bereit. Bevor wir einschlafen, muss viel passieren!

Ist eine internationale Expansion ein Thema? In anderen Ländern haben die Menschen auch große Füße...

Georg Mahn: Unser Standort im Saterland liegt nahe der niederländischen Grenze und ist auch aufgrund dieser Nähe sehr wichtig für uns. Neben Deutschland sind aber vor allem England und Frankreich unsere stärksten Märkte. Natürlich denken wir grundsätzlich europäisch und überlegen durchaus, wie wir uns noch stärker international aufstellen können. Aber zunächst sehen wir für uns noch ein großes Potenzial in Deutschland. Außerdem sind wir ein kleines Familienunternehmen und wollen unsere bestehende Struktur auch nicht überstrapazieren. Heute können wir Ideen entwickeln und schnell umsetzen. Diese Flexibilität wollen wir uns bewahren.  

Wie blicken Sie auf die Zukunft Ihres Unternehmens und die des Handels generell?

Georg Mahn: Entscheidend ist für uns zu jeder Zeit die Eigenständigkeit der Marke Schuhplus. Es ist heute wichtiger denn je, sich von anderen Anbietern abzusetzen, einen eigenen USP zu entwickeln und Partner zu finden, mit denen auf Augenhöhe zusammengearbeitet werden kann. Die grundsätzlichen Fragen müssen meiner Meinung nach noch stärker in den Vordergrund gerückt werden: Wer bin ich? Was kann ich? Was biete ich meinen Kunden? Wer diese Fragen beantworten kann, hat langfristig eine Marktchance. Wir sind Schuhplus, wir sind Schuhe in Übergrößen. Das ist unser Alleinstellungsmerkmal. Diese Authentizität, diese Energie und Leidenschaft für unsere Produkte kann uns keiner nehmen, auch kein milliardenschwerer Konzern. Aber diese Vorteile müssen auch ausgespielt werden.

Kay Zimmer: Vielleicht kann Corona sogar eine Renaissance des Fachhandels und der Familienunternehmen bewirken. In vielen Städten sind die Sortimente in den Geschäften austauschbar. In Hamburg finden sie die gleichen Geschäfte wie in München. Das langweilt die Kundinnen und Kunden – und bietet neue Chancen.

Georg Mahn: Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass sich viele Einzelhändler zu wenig Gedanken um ihr eigenes Geschäftsmodell machen. Ich könnte aus dem Stegreif zehn Handelskonzepte entwickeln, weil wir unseren Kunden zuhören. Wenn ich aber ein austauschbares Sortiment führe, dann darf ich mich nicht wundern, dass letztlich der Preis entscheidet. Der Handel macht sich zu wenig Gedanken und nimmt sich selbst dabei auch zu wenig wichtig. Früher wurde zuerst auf die großen Shopping-Center geschimpft, dann war das Internet das Feindbild Nummer eins. Wer immer die Opferrolle einnimmt, hat sowieso verloren. Wenn sich der Markt verändert, muss ich mich auch verändern – ob mir das persönlich gefällt oder nicht.

Kay Zimmer: Du hast recht, jeder muss seinen USP finden. Aber das kostet viel Zeit, Geld und unglaublich viel Energie.

Georg Mahn: Aber das ist doch der Job eines Händlers!

Kay Zimmer: Natürlich. Ich will nur klarmachen, dass der Aufwand enorm ist.

Welche Neuigkeit werden wir als nächstes von Schuhplus lesen?

Georg Mahn: Wir sind im Bereich Social Media sehr aktiv und erreichen mit unseren Posts monatlich 4,7 Mio. Menschen. Das ist eine enorme Reichweite. Ich könnte mir vorstellen, dass wir künftig noch weitere mediale Wege und Präsentationsplattformen finden, um Schuhplus sehr laut in der Öffentlichkeit zu positionieren.

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Laura Klesper / 09.07.2021 - 08:40 Uhr

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