Crowdfunding

Von der Masse getragen

Die Rens-Gründer Jesse Khanh Tran und Son Chu konnten ihr Unternehmen dank einer Crowdfunding-Kampagne aufbauen. (Foto: Rens)
Die Rens-Gründer Jesse Khanh Tran und Son Chu konnten ihr Unternehmen dank einer Crowdfunding-Kampagne aufbauen. (Foto: Rens)

Anstatt nach einem Investor zu suchen, kann man via Crowdfunding auch viele Menschen von einer Idee begeistern. Schuhhersteller, die sich für diesen Weg entschieden haben, erzählen von Chancen und Herausforderungen.

Besonders nachhaltig, besonders komfortabel, besonders ausgefallen – wer nicht in der Schuhindustrie beheimatet, aber der Meinung ist, eine gute Idee für den Schuh der Zukunft zu haben –, der findet nur schwer einen Weg in die Branche. Viele sehen im Crowdfunding die Lösung, um neue Konzepte umzusetzen und vielleicht auch ein Unternehmen darum aufzubauen. Auf Portalen wie Kickstarter oder Startnext wird die Idee vorgestellt und eine Zielsumme angegeben. Wer an das Konzept glaubt, kann einen individuellen Betrag spenden. Wenn die Zielsumme nicht erreicht wird, gibt es je nach Plattform das Geld zurück oder es wird gar nicht erst abgebucht. So soll man von einer Masse an Menschen getragen werden, anstatt nur von Wohl und Wehe einer Bank oder von wenigen Investoren abhängig zu sein.

 

Kleinigkeiten entscheiden über Erfolg

Wenn alles klappt und die Schuh-Idee tatsächlich in die Produktion geht, bekommen diejenigen die genug gespendet haben, das Produkt als erstes zugeschickt. Wie erfolgreich das funktionieren kann, zeigt das finnische Start-Up Rens, das mit seinen Sneakern aus Kaffeesatz dieses Jahr zum zweiten Mal auf der Plattform Kickstarter Geld gesammelt hat. Mit rund 16.000 Euro als Ziel angetreten, wurde die Summe bereits nach einem Tag erreicht. Zum Ende der Kampagne nach zwei Monaten kamen über 300.000 Euro zusammen. Rens ist bereits eine etablierte Marke, das Konzept eine Weiterentwicklung der bereits existierenden Modelle. Für die Unterstützer ist das Risiko minimal, das Unternehmen bekommt dafür etwas Planungssicherheit.

Die Kampagne vor zwei Jahren, mit der das Unternehmen seinen ersten Sneaker finanziert hatte, zeige aber auch, wie unsicher Crowdfunding sein kann, erinnert sich Firmenmitgründer und CEO Jesse Khanh Tran: „Unser Team bestand aus sechs Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und die Kampagnenmaterialien waren rückblickend ziemlich rudimentär.“ Niemand kannte Rens oder die Personen dahinter, das Netzwerk ging nicht über ein paar befreundete finnische Investoren hinaus.

Als erste Medien auf das Projekt aufmerksam wurden und es gerade in Deutschland und Finnland viel Berichterstattung gab, fand das Projekt erst langsam die benötigten Unterstützerinnen und Unterstützer, so dass am Ende 500.000 Dollar gesammelt werden konnten. Ein Blick über die Listen der Portale zeigt, wie Kleinigkeiten zwischen Erfolg und Misserfolg entscheiden und ganz ähnliche Projekte auch erfolglos bleiben können. Dort finden sich aufwändig gestaltete Seiten

von Kampagnen, die teilweise mit nur einer Spende nach einem Monat abgebrochen wurden. Fehlgeschlagene Kampagnen reihen sich teilweise aneinander und nur vereinzelt ragt eine Erfolgsgeschichte heraus.
Trotz aller Herausforderungen ist sich Jesse Khanh Tran sicher: Ohne Crowdfunding hätte Rens seinen Schuh nicht produzieren können. Aus Sicht des CEO gibt es in der Schuhindustrie kaum Wege, wenn man als Außenstehender mit neuen Ideen in den Markt eindringen möchte. Gerade im Sneakermarkt dominieren seiner Meinung nach wenige Konzerne den Markt und ziehen vor allem mit dem Sponsoring von Sportveranstaltungen alle Aufmerksamkeit auf sich. Mit Crowdfunding könne man in der Nische Kunden finden, die stark am Produkt interessiert sind und auch gerne ausführliches Feedback geben. Von ihnen könne man als Unternehmen lernen.

Erstes Projekt hatte 360 Unterstützer

Galina Wittings Firma Baabuk ist bereits 2013 mit Crowdfunding groß geworden. Baabuk stellt Wollschuhe her – inspiriert von traditionellen russischen Filzstiefeln. Insgesamt hat Witting bereits drei Crowdfunding-Kampagnen durchgeführt. Als 2013 die erste Kampagne mit der Gründung des Unternehmens gestartet wurde, gab es noch wenige Schuhe auf Crowdfunding-Plattformen. Damals fiel es noch vergleichsweise leicht, eine Nische zu besetzen, wie sie zurückblickt: „Es gab direkt eine Menge Aufmerksamkeit für das Projekt.“

 

Insgesamt konnten sich damals 360 Unterstützerinnen und Unterstützer finden, die an das Projekt glaubten. Die Zielsumme konnte um das Dreifache übertroffen werden und die ersten Baabuk-Wollschuhe schmückten die Füße der frühen Unterstützenden. Darin zeigt sich die Stärke des Konzeptes: Je nachdem, mit welchen Ambitionen das Projekt gestartet wird, braucht es keine riesigen Verkaufszahlen. 360 Menschen haben gereicht, um den Schuh erst einmal zu produzieren. Von der überschaubaren Community habe man viel lernen können und viel Feedback gesammelt, wie Witting erzählt: „Wir konnten testen, an welchen Farben und Modellen es Interesse geben würde.“ Mit 360 Kleininvestoren angefangen, konnte sich Baabuk inzwischen zu einem Schuhhersteller mit Online-Shop und regelmäßig neuen Produkten – auch Taschen und Portemonnaies – entwickeln. Ohne Crowdfunding wäre das kaum möglich gewesen, wie die Unternehmerin selbst vermutet: „Ich glaube nicht, dass die Schuhindustrie besonders offen für neue Ideen ist. Es wird einem viel in den Weg gelegt.“ Crowdfunding gebe Newcomern eine realistische Möglichkeit auf Erfolg.

Quereinstieg aus der Textilbranche

Aus der Textilbranche stammend, wagte die Marke Bleed Clothing 2017 den Schritt ins Schuhgeschäft. Mit dem klimaneutralen Eco4Sneaker suchte man dabei den direkten Weg zum Kunden. Die Erfahrung aus der Textilbranche habe gezeigt, dass der Verbraucher Innovationen – vor allem im Bereich der Nachhaltigkeit – offener gegenüberstehe als die Branche. „Innovationen werden von der Industrie immer mit Argwohn betrachtet und man wartet lieber ein paar Saisons ab“, erzählt Bleed-Clothing-Geschäftsführer Michael Spitzbarth von seinen Erfahrungen aus der Textil- und Schuhbranche.

Das heißt natürlich nicht, dass die Direktvermarktung beim Kunden ein Selbstläufer ist. Schließlich wollen viele Menschen die Kundennachfrage bedienen und preisen ihre „ökologische Revolution“ via Crowdfunding an: Zero Waste Sneaker, Respectful for our Planet, Handcrafted – zahllose Anbieter bewerben ihren Schuh als neues Nachhaltigkeitswunder und die Crowdfunding-Kampagne als gemeinsame Mission für eine bessere Welt. Anders als noch 2012, als die Baabuk-Kampagne startete, müsse man jeden Tag mit Nachrichten auf sich aufmerksam machen. Sonst gehe man bei der Menge an Mitbewerbern unter. Das Marketing müsse dabei auf das Produkt abgestimmt sein, wie Spitzbarth erläutert: „Transparenz ist besonders wichtig. Die Leute wollen wissen, ob der Schuh wirklich so viel nachhaltiger ist und warum.“ Deswegen habe man in monatelanger Vorbereitung Bilder von der Produktionsstätte gemacht und Content gesammelt, um an jedem Tag der Kampagne Informationen und Bildmaterial bieten zu können. „Eine lange und durchdachte Vorbereitung ist der Schlüssel zu einer erfolgreichen Crowdfunding-Kampagne.“ So ist der Erfolg mithilfe von Crowdfunding nicht leichter oder schwieriger zu erzielen als bei der konventionellen Suche nach Kontakten und Kapital. Am Ende braucht es eine gute Idee, gutes Marketing und auch ein wenig Glück, um zum richtigen Zeitpunkt das richtige Produkt anzubieten. Doch für manches Unternehmen ist die Schwarmfinanzierung eine lohnenswerte Strategie, um eine Idee zu verwirklichen, aus der ein erfolgreiches Business erwachsen kann.

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Christopher Mastalerz / 29.10.2021 - 15:22 Uhr

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