„Geschäftsgebaren ist hanebüchen“

Warum der Handel Birkenstock scharf kritisiert

Modell Boston von Birkenstock. (Foto: Birkenstock / Matteo Carcelli)
Modell Boston von Birkenstock. (Foto: Birkenstock / Matteo Carcelli)

Neben Giesswein sorgt aktuell ein weiterer Lieferant für Unmut im Handel. Die Vertriebspolitik von Birkenstock steht zunehmend in der Kritik. 

In den vergangenen Tagen haben sich zahlreiche Händler bei der schuhkurier-Redaktion gemeldet, die sich über das Geschäftsgebaren von Birkenstock empören. Demnach habe sich die Vertriebspolitk von Birkenstock seit der Aufkündigung der Zusammenarbeit mit den Verbundgruppen durch den Schuhhersteller im vergangenen Herbst deutlich verschärft. Mehrere Händler berichten von Anrufen durch den Birkenstock-Außendienst, der sie über die neuen Order-Modalitäten informiert habe. So wird Händlern, die eine Mindestmenge pro Saison unterschreiten, bei der Order über das B2B-Portal lediglich ein Rabatt in Höhe von 10% auf den UVP angeboten. Die üblichen EK-Preise seien erst ab einer Bestellmenge von 100 Paar pro Saison verfügbar. Eine Schuhhändlerin aus Bayern, die seit rund 30 Jahren mit Birkenstock arbeitet, bezeichnete dieses Vorgehen gegenüber schuhkurier als „unterirdisch“. Ein weiterer Händler ergänzt: „Die jetzt willkürlich gesetzten Hürden für die künftige Belieferung von Birkenstock legen nahe, dass man uns nicht mehr beliefern möchte.“ Birkenstock sei „arrogant“ und stelle mit voller Absicht „die kleineren Kunden kalt“. 
Auf Nachfrage von schuhkurier bestreitet Birkenstock dieses Vorgehen. Birkenstock wolle sich nicht gezielt von kleineren Händlern trennen. Außerdem treffe es nicht zu, dass Händler, die weniger als 100 Paar pro Saison einkaufen, lediglich einen Einkaufsrabatt in Höhe von 10% auf den UVP erhalten. 

„Bankbürgschaften? Das machen wir nicht!“

Ein weiterer Kritikpunkt betrifft geforderte Bankbürgschaften. So vergeben angesichts der Corona-Krise die Krediversicherer aktuell offenbar nur sehr zurückhaltend neue Limits. Birkenstock fordert daher laut Händler-Aussagen zur weiteren Belieferung teilweise Bankbürgschaften oder einen Bankeinzug von seinen Kunden. „In Abhängigkeit von der standardmäßigen Bonitätsbewertung bei Direktbelieferungen von Händlern kann in Einzelfällen eine Bankbürgschaft als Zahlungssicherheit gefordert werden. Die entsprechenden Bewertungskriterien überprüfen wir hierbei kontinuierlich“, so ein Sprecher des Unternehmens. Die Reaktion des Handels fällt jedoch deutlich aus: „Man verlangt von uns eine Bankbürgschaft für die künftige Belieferung!? Das werden wir auf keinen Fall machen“, erklärt ein Unternehmer gegenüber schuhkurier. Hinzu kämen Probleme bei der Belieferung. So gebe es keine verlässlichen Angaben zu Lieferterminen von Bestsellern wie dem Modell Arizona. Seitens Birkenstock heißt es dazu: „Die weiteren Auswirkungen der Pandemie auf unsere Produktion sowie die Lieferanten- und Logistikkette sind momentan nur schwer kalkulierbar. Dennoch werden wir weiterhin alle notwendigen und möglichen Maßnahmen ergreifen, um Einschränkungen in der Warenverfügbarkeit zu vermeiden.“

„Geschäftsgebaren ist hanebüchen“

SABU-Geschäftsführer Stephan Krug bezeichnet das Geschäftsgebaren von Birkenstock im Gespräch mit schuhkurier als „hanebüchen“. Die Kündigung der ZR-Verträge sei anscheinend in großer Unkenntnis erfolgt. Wichtige Themen wie die finanzielle Absicherung der Lieferungen seien viel zu spät angegangen worden. Generell sei das derzeitige Verhalten von Birkenstock nicht partnerschaftlich. „Der Unmut im Handel wächst. Und im Vergleich zu früheren Zeiten sind aktuell viele Händler eher bereit zu drastischen Schritten. Letztlich muss jedes Unternehmen für sich eine Lösung finden.“ Dagegen bewertet man den Schritt, die Zusammenarbeit mit den Verbundgruppen einzustellen, bei Birkenstock positiv. „Da diese Entscheidung vor dem Hintergrund des Design- und Markenschutzes getroffen worden ist, von welchem vor allem auch der Fachhandel profitiert, hat sie sich definitiv bewährt.“

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Helge Neumann / 24.02.2021 - 14:22 Uhr

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