„Die Stimmung ist am Tiefpunkt“

Was macht Corona mit den Menschen?

Paul Bremer ist Medienpsychologe und Senior Consultant am Rheingold Institut. (Foto: Rheingold)
Paul Bremer ist Medienpsychologe und Senior Consultant am Rheingold Institut. (Foto: Rheingold)

Wie wirkt sich die Corona-Krise psychisch auf die Menschen in Deutschland aus? Wie sollten Unternehmen in der aktuellen Lage kommunizieren? schuhkurier sprach mit Paul Bremer vom Rheingold Institut aus Köln. 

Das Rheingold-Institut ist in der Erforschung der Auswirkungen der Corona-Pandemie aktiv. Wie machen Sie das?

Pro Jahr führen wir rund 5.000 tiefenpsychologische Interviews durch. Das rheingold Institut verfolgt einen kulturpsychologischen Ansatz, d.h. wir berücksichtigen in allen Studien zu Politik oder Marken die aktuelle gesellschaftliche Situation und haben dadurch seit dem vergangenen Frühjahr auch die Wahrnehmung der jeweiligen Corona-Lage im Blick. 

Was bedeutet „tiefenpsychologisch“?

Der Begriff „tiefenpsychologisch“ wird oftmals missverstanden. So könnte man vermuten, dass wir in den Interviews so lange bohren, bis die Menschen in Tränen ausbrechen und über ihre Kindheitstraumata sprechen. Das ist nicht so! In einem guten Tiefeninterview kommt es darauf an, die Menschen zu befähigen, Empfindungen über die üblichen Zuschreibungen hinaus auszudrücken. Manche Menschen bezeichnen Death Metal als „nett“, andere finden Schlager „nett“. Es gibt eine große Varianz in der Verwendung dieser gebräuchlichen Beschreibungen. Wir bearbeiten daher durch vertiefende Fragen die Strukturen im Hintergrund, helfen detailliertere Beschreibungen zu finden, berücksichtigen die Lebenszusammenhänge und können so Wirkmuster abstrahieren. Oftmals erzählen uns die Menschen nach den Interviews, dass sie noch nie so genau und ausführlich über ein Ihnen eigentlich bekanntes Alltagsthema nachgedacht haben – dabei kommt auch vorher Unbewusstes zur Sprache und man bekommt einen anderen Blick auf die Dinge – das meinen wir mit tiefenpsychologisch.

Wie würden Sie die aktuelle Stimmung in Deutschland charakterisieren?

Die Stimmung ist auf einem Tiefpunkt angekommen. Die Resilienzen sind aufgebraucht und der Frust nimmt zu. Das ist in den Interviews deutlich spürbar. Man hat alle Möglichkeiten zuhause ausgeschöpft, die Gesellschaftsspiele sind gespielt, die Spazierwege rund ums Haus sind abgelaufen. Was im ersten Lockdown noch als Freiräume empfunden wurde, sind jetzt Hohlräume geworden. Die Menschen sind zunehmend genervt und aggressiv. Sie haben zum Teil das Gefühl, ihnen würde Lebenszeit gestohlen und zugleich mangelt es an Ablassventilen. 

Welche Unterschiede konnten Sie zwischen dem ersten und dem zweiten Lockdown im Detail feststellen?

Im März 2020 haben die Deutschen vor dem Hintergrund der schlimmen Bilder aus Bergamo, als die Corona-Toten mit Militärkonvois abtransportiert werden mussten, einen intrinsischen Lockdown durchgemacht. Bereits eine Woche, bevor der Lockdown tatsächlich beschlossen wurde, sind die Menschen zuhause geblieben und haben die Öffentlichkeit gemieden. Die Maßnahmen wurden damals von der breiten Mehrheit mitgetragen – in der Erwartung, dass man dann in einigen Monaten das Problem gelöst hat. Jetzt ist ein Jahr vorbei und es herrscht das Gefühl, dass die Regierung immer noch darauf wartet, dass das Problem verschwindet. 

Und das führt zu Frustration?

Ja. Aus Sicht vieler Menschen scheint die Politik immer noch in der Vorstellung zu verharren, das Virus mathematisch aushungern zu können, während gleichzeitig aber viele virologisch unbedenkliche Freiräume wie Baumärkte oder Ferienwohnungen pauschal geschlossen werden, obwohl es teilweise richtig gute Hygienekonzepte gibt. Das verstehen die Leute nicht. Hier hat in den vergangenen Monaten eine Verschiebung stattgefunden. Die Menschen fragen nun nicht mehr: „Wie kann ich Corona vermeiden?“ Vielmehr steht mittlerweile die Frage im Vordergrund: „Was setzt mir die Regierung nun schon wieder vor?“ Für den Schutz vor dem Virus ist das eine gefährliche Entwicklung.

Haben sich die Prioritäten der Deutschen zwischen den beiden Polen Sicherheit und Freiheit verschoben?

Sicherheit und Freiheit müssen nicht in einem Widerspruch stehen. Die Bürger haben im vergangenen Jahr die Notwendigkeit des Lockdowns anerkannt. Schließlich war im Grunde die ganze Welt von dem Ausbruch der Pandemie überrascht worden. Aber nach zwölf Monten sollten kluge Konzepte erarbeitet worden sein. Was ist der Plan? Noch ein halbes Jahr Lockdown? Das Unverständnis über die Eindimensionalität der Maßnahmen wächst. Und nach mittlerweile fünf Monaten im Lockdown nehmen natürlich auch die Freiheitsbestrebungen zu. 

Umso wichtiger wäre es, wenn die Impfkampagne ins Rollen kommen würde, oder?

Es liegt einiges im Argen. So scheint es an vielen Stellen an Pragmatismus zu fehlen. Das Impfen scheint überplant worden zu sein, obwohl die Deutschen doch gerade als Spezialisten im Organisieren gelten. Momentan ist auch mal spontanes, agiles Reagieren gefragt und genau das wird vermisst. Hinzu kommt die Perspektivlosigkeit. Es werden keine Modelle aufgezeigt, wie wir künftig mit dem Virus leben können. Außerdem gibt es eine gefühlte Unverhältnismäßigkeit. Schulen und Supermärkte sind eng und voll - aber geöffnet. Zugleich sind andere Bereiche, die grundsätzlich mehr Platz bieten, geschlossen. Das tragen die Menschen zunehmend weniger mit. Und auch das Argument der Grundversorgung zieht nicht wirklich, da sich viele Bürger nicht ausschließlich auf das „Abfüttern“ im Supermarkt reduzieren lassen wollen. Der Begriff Grundversorgung wird weitergedacht und schließt auch seelisches Futter mit ein. 

Was empfehlen Sie den politisch Verantwortlichen: Wie könnten die Einschränkungen des täglichen Lebens besser kommuniziert werden?

Wir empfehlen einen Wechsel vom „wann“ zum „wie“. Das bedeutet nicht, alles pauschal zu öffnen und in die Katastrophe zu rennen. Aber es sollte jeder einzelne Freiraum auf den Prüfstand gestellt und die Entwicklung von guten Konzepten maximal unterstützt werden, um herauszufinden, was virologisch unbedenklich ist. Eines ist klar: Alles, was geht, wird maximal ausgekostet. Jeder noch so kleine Zugewinn an Freiheit bedeutet für die Menschen aktuell einen riesigen Vorteil hinsichtlich seelischer Resilienz, Stressvermeidung und Aggressionsreduktion.

Wie sollten Marken bzw. Einzelhändler in dieser Situation kommunizieren?

Falsch wäre es, sich zurückzuziehen und sich erst wieder bei den Kunden zu melden, wenn Corona vorbei ist. Marken und Handel sollten den Menschen signalisieren: „Wir lassen euch nicht allein, wir gehen zusammen durch die Krise.“ Aktuell kommt es vor allem darauf an, Lebensfreude zu vermitteln. Den Menschen Möglichkeiten und Spielräume für positive Erlebnisse aufzuzeigen und dies mit der Marke bzw. den Produkten zu verknüpfen und auszustrahlen. Im Vordergrund sollten Spaß und die Freude stehen. Die Menschen sind händeringend auf der Suche nach Vielfalt und Ablenkung.  

Welche Auswirkungen hat die Corona-Pandemie auf das Konsumverhalten?

In Zeiten, in denen viele Möglichkeiten zur persönlichen Entfaltung wegfallen, wollen die Menschen in den verbliebenden Bereichen aus dem Vollen schöpfen. Wir folgen einer Genusslogik: Alles, was eine kleine Freude verspricht, wird gerne genommen und ausgekostet. Geld, dass ansonsten in der Gastronomie oder für Reisen ausgegeben wird, wird für anderes eingesetzt, wie z.B. für das Home-Gym oder einen neuen Fernseher. Die Leute suchen nach häuslichen Genussfluchten. Daher ist auch die Öffnung der Gartencenter, Buchläden und Baumärkte von großer psychologischer Wichtigkeit- dort kann Nachschub für die eigenen 4 Wände geholt werden.

Es wird erwartet, dass sich mit dem Fortschreiten der Impfkampagne ab Spätsommer wieder eine gewisse „Normalität“ einstellt. Ist mit Nachholeffekten im Konsumverhalten zu rechnen?

Es wird ganz sicher eine Kompensationsbewegung geben. Das gilt für den Einkauf von Mode, aber auch für Reisen und die Gastronomie. Die neuen alten Möglichkeiten werden voll ausgekostet werden. Langfristig wird es aber trotzdem keine einfache und komplette Rückkehr zur Vor-Corona-Normalität geben.  Wir erwarten eher den Beginn eines längeren Transformationsprozesses. Bewährtes wird eine neue Wertschätzung erfahren und zugleich „Do it yourself“ eine Renaissance erleben. Autarkie wird weiterhin eine große Bedeutung genießen, genauso wie Spielen, Basteln, Heimwerken. Zugleich findet bereits jetzt eine Revision der persönlichen Beziehungen statt. Viele Menschen berichten uns, dass sie in den vergangenen Monaten festgestellt haben, wer ihre tatsächlichen Freunde sind. Ähnliches gilt für den Arbeitsplatz. Die Digitalisierung und Home Office führen zu einer Emanzipation vom Kollektiv. Folglich wird es eher um eine vorbildliche und weniger um eine autoritäte Führungskultur gehen.

Kann daraus auch eine neue Wertschätzung für Produkte entstehen?

Ja, auf jeden Fall. Die Menschen haben mittlerweile das Gefühl, dass eine Krise in die nächste übergeht: Finanzkrise, Klimakrise, Flüchtlingskrise, Corona-Krise. Es scheint, als erlebten wir den Untergang einer dekadenten Zivilisation. Das Streben nach „höher, schneller, weiter“ wird sich neu ausrichten. Sinnfindung wird wichtiger. Hier spielt dann auch das Thema Nachhaltigkeit eine große Rolle. Marken und Produkte, die dies erkennen und zugleich eindeutige, sinnstiftende Botschaften aussenden, sind im Vorteil. Auch in dieser Hinsicht wirkt die Corona-Krise wie ein Inkubator für den Wandel.  

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Helge Neumann / 18.03.2021 - 09:20 Uhr

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