„Ein neues Eco-System für Frankfurt“

Was planen die Macher der Frankfurt Fashion Week?

Detlef Braun und Anita Tillmann organisieren die Frankfurt Fashion Week mit Schwerpunkt auf Nachhaltigkeit. (Foto: FFW)
Detlef Braun und Anita Tillmann organisieren die Frankfurt Fashion Week mit Schwerpunkt auf Nachhaltigkeit. (Foto: FFW)

Im Sommer soll erstmals die Frankfurt Fashion Week (FFW) starten. Wie kann eine internatioale Messe in Pandemiezeiten gelingen? Ein Gespräch mit Detlef Braun und Anita Tillmann.

Der Lockdown wird verlängert, Deutschland kämpft sich durch die aktuelle Corona-Welle. Messen werden abgesagt oder verschoben. Sind Sie nach wie vor überzeugt, dass Ihre Pläne für die FFW im Sommer funktionieren werden?


Detlef Braun: Natürlich hat die Gesundheit unserer Community oberste Priorität – wir müssen die Entwicklung der
Corona-Pandemie in den kommenden Monaten abwarten. Wir hoffen aber sehr, dass wir im Juli 2021 wieder physisch zusammenkommen und uns persönlich austauschen können – und in Anbetracht des internationalen Impfstarts sind wir positiv gestimmt. Wir arbeiten bereits an einem umfassenden Schutz- und Hygienekonzept und da die Messe Frankfurt letztes Jahr glücklicherweise einige Messen durchführen konnte, haben wir bewährte Konzepte, auf die wir für die Frankfurt Fashion Week zurückgreifen können.

 

…und falls sie nicht „physisch“ funktionieren: Wie sähe die mindestens hybride oder digitale Alternative konkret aus?


Anita Tillmann: Hybrid wird die Frankfurt Fashion Week ohnehin. Eine rein physische Messe, Konferenz oder Runway Show ist heute nicht mehr zeitgemäß. Daher planen wir auch ganz unabhängig von der Corona-Pandemie digitale Angebote für unsere Gäste: Von Livestream-Events über Online-Panels bis zu Matchmaking-Tools wird alles dabei sein. Wir möchten ein digitales Wertschöpfungsnetzwerk schaffen – Marken, Verbraucher und Hersteller sollen technisch miteinander vernetzt werden. Klar ist, dass – ob physisch vor Ort oder digital – die Entscheiderinnen und Entscheider der Fashion- und Textilbranche auf Frankfurt schauen werden und hier wesentliche Impulse für eine nachhaltige Transformation setzen werden.

 

Ist ein generelles Verschieben der FFW auf den Winter oder den Sommer 2022 eine denkbare Option?
 

Detlef Braun: Momentan arbeiten wir auf Sommer 2021 hin – und freuen uns darauf!

 

Welche Rolle werden Schuhe spielen? Wird es eigene Bereiche geben oder werden Schuhe im Sinne des Outfit-Gedankens in das Aussteller-Portfolio integriert?


Anita Tillmann: Schuhe sind ein fester Bestandteil und wichtiges Segment. Bei den Messeformaten der Frankfurt Fashion Week, sprich Premium, Seek, Neonyt und The Ground, werden Schuhe in die verschiedenen Areas integriert. Das hat sich in der Vergangenheit bereits bewährt. Gleiches gilt für Taschen und Accessoires.

Sie erwarten 2.000 Brands und 140.000 Besucher. Warum braucht die Modebranche ein Messeformat dieser Größe?


Anita Tillmann: Nach dem vergangenen Jahr wünschen wir uns vor allem eines: uns wieder physisch treffen und austauschen zu können. Die Resonanz auf die Frankfurt Fashion Week ist gut und wir freuen uns darauf, möglichst viele Brands und Besucherinnen und Besucher in Frankfurt willkommen zu heißen. Wir wollen ein neues WIR-Gefühl vermitteln, danach sehnen sich die Menschen momentan mehr denn je. Ob es bei der ersten Veranstaltung 1.000, 2.000 oder 3.000 Brands oder 100.000 oder 200.000 Besucher sind, das ist für uns nach diesen schwierigen Monaten der Pandemie erstmal zweitrangig.

Detlef Braun: Die Messelandschaft wird sich in den nächsten Jahren sicher verändern. Welches die Parameter sind, an denen man eine Messe in Zukunft bemisst und abschließend als erfolgreich bewertet, auch das wird sich verändern. Im Moment geht es uns weniger um Besucher- und Ausstellerzahlen oder vermietete Quadratmeter, sondern vielmehr darum, dass die Qualität der Veranstaltung hoch ist und dass wir mit der Frankfurt Fashion Week das liefern, was sich die Branche wünscht und fordert: Eine Fashion Week, die die wichtigsten Entscheiderinnen und Entscheider zu einem Zeitpunkt zusammenbringt.

 

Wie ist die Standgestaltung für die Aussteller gedacht? Gibt es Standbaukonzepte für Unternehmen, die hier Unterstützung brauchen?


Anita Tillmann: Wir nutzen den Wechsel, um die Formate neu zu definieren und anzupassen. Das passiert auf allen Ebenen. Jedes Messeformat, wie in der Vergangenheit auch, hat ein eigenes Brandkonzept, eine eigene Positionierung. Auf Premium, Seek, Neonyt und auch bei der neuen Messe The Ground gibt es Standbaukonzepte, die seitens der Veranstalter angeboten werden; wie stark auch ein eigener Messestandbau umgesetzt werden kann, ist von Messe zu Messe verschieden.

 

Wie gestalten sich die Kosten für eine Teilnahme? Gibt es hier Unterschiede zwischen den verschiedenen Formaten der FFW?


Detlef Braun: Ja, sicherlich gibt es Unterschiede, die gab es vorher ja auch. Die vier Messeformate haben unterschiedliche Schwerpunkte und Konzepte und das soll auch so bleiben. Daraus leitet sich auch die Preisgestaltung ab. Der Vertrieb für die vier Messen startet in diesen Tagen. Interessierte Ausstellerinnen und Aussteller können sich gerne bei den jeweiligen Formaten melden, die für sie interessant sind.

 

Mit Blick auf die Corona-Pandemie heißt es oft: Wir werden nicht mehr in die Situation vor der Pandemie zurückkehren. Was bedeutet das für Messen?
 

Anita Tillmann: Wie bereits gesagt: Messen werden sich in den nächsten Jahren sicherlich sehr verändern – die Corona-Pandemie hat uns gezeigt, dass es möglich ist, sich auch digital zu vernetzen und auszutauschen. In den kommenden Jahren werden wir noch mehr digitale Lösungen für Messen anbieten können – diese werden die Begegnungen vor Ort und den persönlichen Austausch aber nicht ersetzen können. Sie komplettieren die vorhandenen Angebote. Die Messe von morgen ist phygital – physisch und digital.

 

Sie geben ambitionierte Ziele im Hinblick auf Nachhaltigkeit aus. Wie können Sie kontrollieren, dass die Aussteller der FFW diese tatsächlich im gewünschten Maße umsetzen?


Detlef Braun: Unser Ziel ist es, dass sich Ausstellende, Teilnehmende und Partnerinnen und Partner bis 2023 zu den Sustainable Development Goals der Vereinten Nationen bekennen – dafür entwerfen wir momentan genaue Konzepte. Wir werden mit den Brands eng zusammenarbeiten und sie ermutigen, ihren Fokus auf Nachhaltigkeit zu richten. Als Messeveranstalter werden wir Richtlinien und Kriterien festlegen und unsere Aussteller dazu befragen. Viele unserer Aussteller kennen wir ohnehin sehr gut und seit vielen Jahren. Klar ist aber, glaube ich, auch, dass wir keine Kontroll-Instanz sind und werden wollen. Uns ist es vor allem wichtig, einen Prozess anzustoßen. Nur gemeinsam können wir unsere Branche verändern und die textilen Lieferketten fairer und umweltfreundlicher machen.
 

Anita Tillmann: Durch die Frankfurt Fashion Week sollen nachhaltige Innovationen für den breiten Markt zugänglich gemacht werden. Zukunftsweisende Unternehmen bekommen die Möglichkeit, ihre bisherige Arbeit zu innovativen Lösungs-
ansätzen vorzustellen. Konkret heißt das, dass diesen Konzernen in Frankfurt eine Bühne geboten wird, um ihre Arbeit zu zeigen und damit zum Vorbild für andere Unternehmer zu werden.

 

Ist eine internationale Großveranstaltung überhaupt mit dem von Ihnen proklamierten Nachhaltigkeits-Gedanken vereinbar, was das Reiseaufkommen und Ressourcen angeht?
 

Detlef Braun: Die Frankfurt Fashion Week soll eine aktive Rolle dabei spielen, Lösungen dafür zu finden, dass die Mode- und Textilbranche bis 2050 klimaneutral wird. Dafür bringen wir in Frankfurt die relevantesten Makers und Shakers zusammen. Wir sehen uns in erster Linie als Plattform für Bildung und Engagement, angesichts unserer globalen Reichweite erzielen wir so einen sehr großen Impact. Alle Ausstellenden, Teilnehmenden und Partnerinnen und Partner der Frankfurt Fashion Week müssen sich bis 2023 zu den Sustainable Development Goals bekennen. Und natürlich entwerfen wir auch Konzepte, um den ökologischen Fußabdruck der Veranstaltung möglichst gering zu halten. Das reicht vom Catering über den Messestandbau bis hin zur Mülltrennung. Mit der Neonyt haben wir bereits Erfahrung im Bereich nachhaltige Messen gesammelt – wir werden vieles davon auf die Frankfurt Fashion Week übertragen.

 

Sie wollen ein umfangreiches Rahmenprogramm mit Kongress-Format und Vorträgen realisieren. Lässt sich so etwas derzeit überhaupt planen?
 

Anita Tillmann: In Frankfurt wird ein ganz neues Eco-System aus Messen, Konferenzen, Shows und Events entstehen. Nach der langen Veranstaltungspause macht die Planung um so mehr Spaß – nichtsdestotrotz bleiben wir natürlich realistisch und denken immer auch alternative Programmmöglichkeiten mit.

 

Die Messen in Berlin waren auch aufgrund ihres Ambientes besonders inspirierend. Das Gelände am Gleisdreieck, alte Industriehallen oder auch Tempelhof sind Locations mit besonderem Charme, während das Frankfurter Messe-
gelände zweifellos effizient gestaltet ist – aber auch pragmatisch und eher emotionslos. Wie wollen Sie trotzdem für ein inspirierendes Ambiente sorgen?

 

Detlef Braun: Unveiling the Unexpected – so lautet unser Slogan. Die Branche kann sich darauf freuen, was wir auf dem Frankfurter Messegelände inszenieren werden. Festhalle, Halle 3 und Forum – jedes dieser Gebäude ist beeindruckend und einzigartig. Glauben Sie mir, wir werden Sie überraschen, und zwar positiv.

Anita Tillmann: Abgesehen davon wird die Frankfurt Fashion Week nicht nur auf dem Messegelände stattfinden, sondern auch in der Stadt. Frankfurt ist eine kosmopolitische Stadt, in der Kontraste aufeinanderprallen, sich Nationen treffen und gemeinsam Neues kreieren. Frankfurt hat tolle Locations, die locker mit Berlin mithalten können – der Palmengarten, der Skatepark am Osthafen, das Bockenheimer Depot, Danzig am Platz, das Tatcraft, um mal einige davon zu nennen. Es wird Zeit, dass die Stadt zeigt, was sie ist – nämlich viel mehr als reine Bankenmetropole mit beeindruckender Skyline.

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Petra Steinke / 29.01.2021 - 12:52 Uhr

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