Interview

Was wird aus dem Fachhandel?

IFH Köln | Hansjürgen Heinick
IFH Köln | Hansjürgen Heinick

Welche Perspektive hat der Fachhandel? Wie entwickelt sich der Marktanteil des Onlinehandels? schuhkurier sprach mit Hansjürgen Heinick vom IFH Köln. 

Im Sommer hat das IFH Köln prognostiziert, dass der Fashionmarkt 2020 bis zu 20 Mrd. Euro Umsatz verlieren könnte. Ist diese Annahme eingetroffen?

Bei dieser Prognose handelte es sich um ein Extremszenario, das in dieser Form zum Glück nicht eingetreten ist. Abschließende Zahlen liegen uns derzeit zwar noch nicht vor, aber die Verluste dürften rund 10 Mrd. Euro betragen haben – und das ist immer noch eine katastrophale Entwicklung. Größenteils entfällt dieser Rückgang auf den Fachhandel und die Warenhäuser, die beide extrem unter der Corona-Krise leiden. Ganz anders sieht es dagegen im Onlinehandel aus. 

Wie haben sich die Umsätze online entwickelt?

Die Corona-Krise hat das Wachstum des Onlinehandels deutlich beschleunigt. Wir gehen davon aus, dass der Marktanteil des Online-Kanals am gesamten Fashionhandel im vergangenen Jahr um knapp 10 Prozentpunkte auf rund 40% gestiegen ist. Das ist ein beachtliches Niveau. Dagegen ist der Anteil des stationären Fachhandels auf etwa 55% gesunken. 

Wie werden sich diese Anteile langfristig entwickeln?

Nach dem Ende der Corona-Krise ist davon auszugehen, dass ein Teil der Umsätze, die 2020 in den E-Commerce abwandert sind, wieder in den stationären Handel zurückkehren. Es ist jedoch fraglich, wie groß dieses Umsatzvolumen sein wird. In der Krise haben nämlich viele Verbraucherinnen und Verbraucher die Vorzüge des Online-Shoppings entdeckt, die zuvor noch treue Stationärkäufer waren. Es ist nicht zu erwarten, dass diese künftig auf die Bequemlichkeit des Onlineshoppings gänzlich verzichten werden. Der Onlinekanal wird somit weiterhin wachsen, wenn auch nicht auf dem hohen Niveau von 2020. Ein dauerhafter Marktanteil von voraussichtlich 40% und mehr für den Onlinehandel ist aber realistisch.  

Welche Perspektive sehen Sie angesichts dieser Entwicklung für den Fachhandel?

Der Marktanteil des Fachhandels wird weiter zurückgehen. Allerdings liegt es in den Händen der Unternehmen, wie groß dieser Rückgang ausfallen wird. Es bestehen durchaus Chancen, die Verluste möglichst gering zu halten. In der Corona-Krise haben viele Menschen den Wert des lokalen Handels wiederentdeckt. Und zugleich haben viele Händler auch über digitale Medien den persönlichen Kontakt zu ihren Kunden gehalten. Hier ist viel Positives entstanden, das nach dem Ende der Pandemie unbedingt beibehalten werden sollte. Möglichkeiten gibt es durchaus viele. Eine mit wachsender Bedeutung wird in Zukunft sicherlich das Live-Shopping auf Instagram sein. Die digitale Vernetzung und die Sichtbarkeit im Internet werden in Zukunft existenziell wichtige Bausteine für den Erfolg des Handels sein. 

Vor Kurzem hat sich Wortmann-CEO Jens Beining in schuhkurier sehr kritisch zum Thema Plattformen geäußert. Diese seien „der Sargnagel des stationären Handels“. Wie sehen Sie das?

Das würde ich anders formulieren. Der primäre Kundenzugang bleibt bei den Plattformen. Damit hat der einzelne Händler kaum eine Möglichkeit, eine eigene Sichtbarkeit, ein eigenes Profil und eine Kundenbeziehung aufzubauen. Allerdings hat die Anbindung an die Plattformen vielen Händlern in der Corona-Krise geholfen und das Umsatzpotenzial auf Amazon, Zalando und Co. ist erheblich. Letztlich muss also jeder Händler Vor- und Nachteile abwägen.

Der Anteil der Konsumausgaben für Bekleidung und Schuhe ist 2020 laut dem Statistischen Bundesamt auf 4,0% gesunken. 1991 waren es noch 7,4%. Wird sich dieser Trend fortsetzen?

Diese Entwicklung wird von mehreren Faktoren beeinflusst. So hat in den vergangenen Jahrzehnten die weitgehende Verlagerung in Niedriglohnländer die Produktionskosten reduziert. Darüber hinaus haben vertikale Konzepte die Prozesse vereinfacht. Schnelle Modewechsel und der Wunsch nach immer neuen Outfits haben dazu geführt, dass sich die Konsum-Mitte immer weiter von der klassischen Preismitte in niedrigere Preislagen verschiebt und die Werthaltigkeit abnimmt. Zudem steht das Modesegment heute in Konkurrenz zu anderen Konsumbereichen, insbesondere Gesundheit und Entertainment. 

Das heißt, auch in Zukunft ist mit rückläufigen Konsumausgaben für Schuhe und Bekleidung zu rechnen?

Nein, diese Entwicklung ließe sich durchaus aufhalten. Das Thema Nachhaltigkeit steckt im Modebereich im Vergleich etwa zum Lebensmittelhandel noch in den Kinderschuhen. Auch die Anteile der Ausgaben für Lebensmittel sind jahrelang gesunken, seit rund zehn Jahren legen diese jedoch wieder zu. Das hängt vor allem mit einer Mehrwertorientierung der Konsumentinnen und Konsumenten zusammen, die unter anderem auch durch das Thema Nachhaltigkeit mit Regionalität, Bio und Fair Trade gefördert wird. Die Modebranche steht vor der Aufgabe, den Kundinnen und Kunden die Wertigkeit ihrer Produkte zu vermitteln. So könnte die Bereitschaft, mehr für ein Paar Schuhe zu bezahlen, wieder steigen. Die Chance, dies zu erreichen, war noch nie so groß wie heute. Die Corona-Krise hat dazu geführt, dass viele Menschen bewusster konsumieren, und zugleich ist die Klimabewegung weiterhin stark. Vor allem junge Menschen denken und handeln anders. 

Welche Folgen hat das konkret?

Die Themen Second Hand und Sharing sind Wachstumsfelder, die an Bedeutung gewinnen werden und die intelligente Handelskonzepte erfordern. Die hohe Produktkompetenz ist ein Merkmal des Fachhandels, das genutzt werden könnte, um kuratierte Second-Hand Ware anzubieten. Das Feld sollte nicht den Online-Plattformen allein überlassen werden. 

Ab dem zweiten Halbjahr könnte sich die Lage im Handel wieder „normalisieren“. Wird dann auch wieder die Kauflaune steigen?

Die Einschränkungen werden wohl schleichend und nicht von einem Tag auf den anderen aufgehoben werden. Aber es sind durchaus Phasen mit einer besonders großen Nachfrage zu erwarten. Viele Menschen werden sich freuen, wenn sie wieder ungezwungen shoppen gehen können. Aber zugleich ist auch klar: Die „alte Normalität“, so wie wir sie aus den vergangenen Jahren kennen, wird nicht mehr zurückkehren.

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Helge Neumann / 04.02.2021 - 15:08 Uhr

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