Überblick Umwelt-Zertifikate

Welche Siegel braucht der nachhaltige Schuh?

Der Grüne Knopf wurde unter Bundesentwicklungsminister Gerd Müller ins Leben gerufen und basiert auf bereits etablierten Siegeln. (Foto: Ute Grabowsky)
Der Grüne Knopf wurde unter Bundesentwicklungsminister Gerd Müller ins Leben gerufen und basiert auf bereits etablierten Siegeln. (Foto: Ute Grabowsky)

Viele Siegel zertifizieren mittlerweile auch Schuhe und markieren diese als nachhaltig und umweltbewusst – teilweise hängen sogar mehrere an einem Modell. schuhkurier hilft dabei, den Überblick über Zertifikate und die Institute dahinter zu behalten.

Während es vergleichsweise einfach ist, ein T-Shirt oder einen Wollpullover möglichst ressourcenschonend herzustellen und dies über ein entsprechendes anerkanntes Siegel nach außen zu dokumentieren, ist das beim Schuh eine echte Herausforderung. Er besteht aus zahlreichen Komponenten, vom Schaft über das Futtermaterial bis zur Sohle. Für nahezu jedes Material gibt es Siegel, denen unterschiedliche Kriterien zugrunde liegen. Auf der anderen Seite fehlen Siegel, die spezifisch Schuhe zertifizieren. Verschiedene Schuharten aus unterschiedlichen Materialien sind kaum vergleichbar. Die Überwachung der Lederproduktion stellt ein Prüfinstitut vor ganz andere Herausforderungen als die Überwachung der Textilproduktion.

Welche Zertifikate ein Unternehmen für seine Schuhe dabei beantragt, ist dabei von dessen Prioritäten abhängig, wie der Bundesverband der Schuh- und Lederwarenindustrie auf schuhkurier-Anfrage erklärt: „Entscheidend ist die Gewichtung. Generell gibt es ja eine Vielzahl an Siegeln für die unterschiedlichen Einzelthemenfelder, die für ein Unternehmen und dessen Produkt wichtig sind. Je nach Anforderung bzw. Ziel des Produkts wählt das Unternehmen dann meist das für sich passende Siegel aus.“ Die Vielschichtigkeit des Themas Nachhaltigkeit sorgt zusätzlich für viele Prüfprinzipien und Siegel: Eigentlich ist das eine gute Sache – es kann aber dazu führen, dass man den Überblick verliert.

Helfen soll das Portal „Siegelklarheit“ des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Dort wird ausgewertet, wie genau diverse Nachhaltigkeitsaspekte in den Bereichen Glaubwürdigkeit, Umwelt- und Sozialverträglichkeit als Bedingung gestellt und geprüft werden. Darunter fällt auch, wie Grenzwerte definiert werden und mit welchen Methoden ihre Einhaltung geprüft wird. Außerdem stellt das Portal fest, welche Produktionsschritte von der Kontrollinstanz bewertet werden. Die daraus errechneten Punktzahlen lassen sich nach Produktgruppe und Material kategorisiert in einer übersichtlichen Tabelle vergleichen.

IVN Naturleder, Naturtextil Best und GOTS

Jedoch warten viele Zertifikate noch auf ihre Einstufung durch das Portal, sodass nicht alle verzeichneten Siegel eine Bewertung haben. Im Bereich Leder sind zum Beispiel sechs Siegel verzeichnet, allerdings steht die Evaluierung bei drei Siegeln noch aus. Im Bereich der Lederwaren erfüllt IVN Naturleder, das Zertifikat des Internationalen Verbandes für Naturtextilwirtschaft alle Erwartungen und wurde mit einem „sehr gut“ bewertet. Auch im Vergleich der Textilwaren belegt das IVN-Zertifikat Naturtextil Best den Spitzenplatz. Bei den IVN-Zertifikaten wird jeder Produktionsschritt überprüft: Die Naturfasern dürfen nicht mit Pestiziden oder mit hohem Wasserverbrauch angebaut werden, bei der Verarbeitung des Materials müssen biologisch abbaubare Stoffe verwendet werden. Auch Verpackung und Transport werden überprüft. Vergeben werden die Zertifikate des IVN jeweils für ein Jahr, bis die Bedingungen wieder überprüft werden müssen. Sichergestellt werden die Standards dabei von kooperierenden Institutionen auf der ganzen Welt. Übrigens: Das Zertifikat GOTS wird von der IVN mitvergeben. Es gelten die gleichen Standards, lediglich die Grenzwerte für eine Vergabe sind niedriger angesetzt.

Blauer Engel und EU Ecolabel

Der Blaue Engel führt beim Testen von Umweltverträglichkeit des Materials und gesundheitsschädlichen Substanzen ähnlich hohe Standards an und erhält im Ledersegment ein „gut“, im Textilsegment sogar ein „sehr gut“. Im Vergleich zu den IVN-Zertifikaten werden laut Siegelklarheit beim Blauen Engel Energieverbrauch und Luftverschmutzung während der Produktion nicht zur Genüge überprüft. Zum Beispiel fehle eine Überwachung der Transportwege. Der Blaue Engel ist das Umweltzeichen der Bundesregierung und wird seit 2007 auch an Schuhe vergeben. Auf dem eigenen Portal wird auch aufgeführt, welche Hersteller das Siegel erhalten haben. Zurzeit gibt es mit Think Schuhwerk allerdings nur einen Schuhhersteller, dessen Produkte mit einem Blauen Engel ausgezeichnet sind. Die sogenannte „Euroblume“, das EU-Ökolabel, zeichnet zurzeit auch nur zwei Unternehmen aus: Die schwedische Schuhfabrik Kavat und den finnischen Hersteller Ejendals. Nicht-politisch vergebene Siegel führen im Gegensatz zur Euroblume und dem Blauen Engel meist keine vollständigen Listen.

Oeko-Tex Standard 100 und Made in Green

Bei der Marke Oeko-Tex kann man sich jedoch sicher sein, dass sich mehr Schuhhersteller an diesem Label orientieren. Der Standard 100 von Oeko-Tex wurde seit 1992 insgesamt 160.000-mal vergeben und ist laut eigenen Angaben damit eines der weitverbreitetsten Labels, die Textilien auf Schadstoffe prüfen. Die Hersteller schicken den kooperierenden Instituten Musterproben, die in deren Laboren auf umweltbelastende Schadstoffe getestet werden. Stichprobenartig werden die Muster dann mit den im Handel erhältlichen Textilwaren abgeglichen. Lederschuhe werden durch das äquivalente Label Leather Standard unter vergleichbaren Bedingungen geprüft. Das bekannte Label zertifiziert jedoch nur das Endprodukt. Die Produktionsbedingungen werden hier nicht überprüft. Dafür bietet Oeko-Tex das Label SteP an. Auf der Webseite kann bei SteP-zertifizierten Artikeln dabei der genaue Weg des Produktes verfolgt werden. Alle genauen Adressen der Produktionsorte werden übersichtlich auf einer Weltkarte angezeigt. Wenn ein Produkt auf beide Zertifikate geprüft wird, gibt es das Kombi-Label Made in Green.

Grüner Knopf

Seit September 2019 versucht das Bundesministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung auch mit einem eigenen Textilsiegel Orientierung zu geben: Der Grüne Knopf baut auf bereits etablierten Siegeln auf und zertifiziert gesamte Unternehmen. So soll verhindert werden, dass sie sich mit einzelnen Vorzeigeprodukten rühmen können, wenn beim Rest der Produktion keine Fortschritte in Sachen Umweltschutz und Nachhaltigkeit gemacht werden. Die Zertifizierung anhand bereits bestehender Siegel wie IVN Naturtextil Best oder Oeko-Tex Made in Green soll es dem Verbraucher als Meta-Siegel leichter machen, umweltfreundliche Schuhe zu kaufen. Anstatt mit einem zusätzlichen Siegel mehr Verwirrung zu stiften, sollen die bisherigen Siegel zusammengeführt werden. Mit dem Grünen Knopf soll erreicht werden, was mit dem Portal Siegelklarheit nicht ganz funktioniert hat, wie Sebastian Herold vom Bundesministerium bei einer Panel-Diskussion auf der Frankfurt Fashion Week erklärte: „Die Informationen haben die Kunden nicht erreicht. Auf Siegelklarheit gab es nur niedrige Klickzahlen.“ Deswegen sollte die Information zu den Kunden, anstatt die Kunden zu den Informationen locken zu wollen. Es gibt jedoch seitens NGOs auch Kritik am Grünen Knopf. Gerade wer in der EU produziert, der werde nicht so eingehend geprüft. Der Grüne Knopf befindet sich noch in der Einführungsphase, weswegen noch nicht die gesamte Lieferkette überprüft wird. Der Web- und Spinnprozess, sowie die Fasererzeugung fließen noch nicht ins Zertifikat ein.

Neben politischen Akteuren und unabhängigen Institutionen haben sich auch Unternehmen selbst Gedanken darüber gemacht, wie sie sich selbst Umweltstandards setzen. In der Lederindustrie ist aus einem Zusammenschluss von Unternehmen und Gerbereien die Leather Working Group entstanden, welche die Umwelteinflüsse der Lederherstellung eines Unternehmens misst. Der Umwelteinfluss wird anhand von 17 Parametern bewertet, darunter die bei der Gerbung verwendeten Chemikalien und der Wasser- und Stromverbrauch. Seit der neusten Version des Vergaberegeln fließt auch die Rückverfolgung des Rohmaterials mit in die Wertung mit ein. Der Tierschutz spielt zum aktuellen Stand gar keine Rolle. Aus dem Gesamtwert ergibt sich, mit welchem Zertifikat eine Gerberei und damit auch der Schuh aus deren Leder ausgezeichnet wird. Es gibt das Zertifikat in einfacher Form als “Geprüft” und mit den Auszeichnungen Gold, Silber und Bronze.

Auch Produkte oder Bestandteile aus anderen Materialien werden kontrolliert und mithilfe von eigenen Siegeln zertifiziert. Bei Recycling-Schuhen markiert das GRS-Siegel, dass ein Schuh tatsächlich aus recyceltem Material besteht. Für ein Siegel müssen mindestens 50% des Materials recycelt sein. Potentiell schädliche Chemikalien dürfen beim Recyclingprozess nicht verwendet werden. Mit dem FSC-Label des Forest Stewardship Councils wird zertifiziert, dass der Schuhkarton aus nachhaltiger Forstwirtschaft stammt. Der Schuhmarkt verteilt sich also auf viele Zertifikate, während jedes einzelne Zertifikat oft nur eine Handvoll Schuhhersteller im Portfolio hat. Das „Schuh-Siegel“fehlt noch. Bis dahin muss man sich anhand der Materialien einen Überblick über den Siegelmarkt orientieren. Dennoch ist es möglich, zu erkennen, welche Schuhe tatsächlich umweltfreundlich und nachhaltig produziert werden.

Der Artikel erschien zuerst in der Ausgabe 29/2021 in Print- und ePaper-Form mit Schwerpunkt auf dem Thema Nachhaltigkeit.

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Christopher Mastalerz / 22.07.2021 - 12:12 Uhr

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